Luc Besson, das ewige Kind des französischen Kinos, sein größter Träumer, ist zurück mit „Dracula – Die Auferstehung“, der morgen im Verleih von LEONINE Studios in die Kinos kommt. Wir haben uns mit dem legendären Filmemacher unterhalten. Über die Liebe, über die Kunst und warum die Menschen mit dem Geld sie zerstören wollen.

Ihr Blick auf „Dracula“ ist ungewöhnlich. Können Sie sich noch erinnern, womit das Projekt für Sie begonnen hat, was Ihre ersten Zeilen im Drehbuch waren?
Luc Besson: Am Anfang ist für mich die Liebe. Für mich ist es eine große Liebesgeschichte. Da sollte man anfangen.
Wussten Sie da gleich, was für einen Film Sie machen wollten? Oder ergibt sich das bei Ihnen erst im Verlauf der Arbeit?
Luc Besson: Beides trifft zu. Wenn ich mit der Arbeit an einem Film beginne, teile ich die Geschichte in vier Akte auf. Ich habe also vier Blätter Papier. Und ich beginne nicht mit dem Drehbuch, bis ich nicht alle vier Blätter gefüllt habe. Da steht für mich dann fest, was für ein Film es wird, wie er spielen soll. Ich habe dann die komplette Struktur im Kopf. Wenn ich mit dem eigentlichen Schreiben des Drehbuchs beginne, geht es ziemlich schnell, weil ich weiß, wo ich hinwill. Da muss nichts mehr ausgeknobelt werden. Der Knackpunkt sind diese vier Seiten. Das kann dauern, zehn Jahre manchmal.
Was hat Ihnen bei „Dracula – Die Auferstehung“ geholfen?
Luc Besson: Ich hatte den Roman gelesen, und nach der Arbeit an „DogMan“ kenne ich Caleb (Landry Jones) in- und auswendig, weiß genau, was ich bei ihm abrufen kann. Das hat dabei geholfen, dass es insgesamt ein sehr schneller Prozess war. Aber ich muss auch sagen: Ich schreibe, seitdem ich 17 Jahre alt bin, und würde mich als mit allen Wassern gewaschen bezeichnen. Ich habe bis heute 80 oder 90 Drehbücher geschrieben. Das schafft man nicht, wenn man sich nicht ein paar Kniffe aneignet, die es einem ermöglichen, schnell zu arbeiten. Wenn man als Chefkoch sein Metier beherrscht, kann man auch mehrere Dinge gleichzeitig machen. Da muss man gar nicht hinsehen, was die Hände machen. Es ist zweite Natur geworden.
Natürlich steckt etwas von einem tragischen Helden in der Figur von Dracula. Aber wenn man ihn als Kind sieht, dann ist er der Blutsauger, bedrohlich, angsteinflößend.
Luc Besson: Ich kann Horrorfilme nicht ausstehen. Klar, ich habe das alles gesehen, Christopher Lee, Bela Lugosi. Aber das hat mich überhaupt nicht interessiert. Mich hat das Spannungsfeld gereizt. Ich denke, fast alle Helden in meinen Filmen sind hin- und hergerissen, tragen Gutes in sich ebenso wie Böses. Leon in „Leon – Der Profi“ ist ein Monster, tötet kaltblütig Menschen, aber rettet das kleine Mädchen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch meine Arbeit. Dracula tötet hunderte von Menschen, aber was er macht, macht er aus dem einen Grund, weil er seine große Liebe noch einmal sehen will. Die Schöne und das Biest. Mich fasziniert das.
„Kino ist eine Kunstform. Kunst darf keine Erwartungshaltung erfüllen. Wenn die Kinogänger Erwartungen haben, dann ist das ein Fehler. Hört auf damit!“
Luc Besson
„Die Schöne und das Biest“ ist eine gute Referenz… Ihr Film wirkt in vielerlei Hinsicht wie eine Verbeugung vor Cocteau…
Luc Besson: Ein viel größeres Vorbild für meinen Film als die meisten „Dracula“-Adaptionen!
Aber muss man nicht auch eine gewisse Erwartungshaltung des Publikums erfüllen, wenn man „Dracula“ macht?
Luc Besson: Das halte ich für völlig falsch! Die Menschen sollten ohne Erwartungen ins Kino gehen. Sie sollten neugierig sein, sich darauf freuen, überrascht zu werden. Erwartungen sind der Tod aller Kreativität! Kino ist eine Kunstform. Kunst darf keine Erwartungshaltung erfüllen. Wenn die Kinogänger Erwartungen haben, dann ist das ein Fehler. Hört auf damit! Als Picasso die Sehgewohnheiten durchbrach, indem er die Nase dahinpackte, wo vorher das Ohr war, waren die Menschen auch empört, aber es hat ihn nicht aufgehalten.

Das ist ein hehrer Ansatz…
Luc Besson: Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Regisseur bin, aber wenn ich einen Film ansehe und nur fünf Minuten davon sind umwerfend, werde ich mir den Film noch einmal ansehen. Es ist okay, wenn der Rest nicht so gelungen ist. Auf diese fünf Minuten kommt es an. Dann ziehe ich meinen Hut und sage: Danke dafür!
Haben Sie ein Beispiel?
Luc Besson: Spontan fällt mir „Babylon“ von Damien Chazelle ein. Die ersten 60 oder vielleicht 75 Minuten sind spektakulär, ein Meisterwerk. Wow. Der Rest? Naja… Ich finde sie problematisch. Aber wegen des Auftakts kann ich ihn mir wieder und immer wieder ansehen. Das ist so gut. Die Kritik aber war unerbittlich. Das habe ich nicht verstanden. Warum würde ich abwinken und den Film in die Tonne treten wollen, weil er ihn nicht rundbekommen hat? Lasst uns doch das feiern, was gut ist, was außergewöhnlich ist.
„Ich habe mich überhaupt nicht verändert. Ich gehe an jedes Projekt heran, als wäre es mein erster Film. Sonst würde ich es bleibenlassen!“
Luc Besson
Sie selbst sind seit mehr als 40 Jahren im Geschäft, haben Ihren ersten Film, „Der letzte Kampf“, 1983 ins Kino gebracht, im Alter von 24 Jahren. Haben Sie den Eindruck, dass Sie sich den Überschwang und die Energie der frühen Jahre haben bewahren können?
Luc Besson: Ich habe mich überhaupt nicht verändert. Ich gehe an jedes Projekt heran, als wäre es mein erster Film. Sonst würde ich es bleibenlassen!
Wie ist Ihnen das gelungen? Wie konnten Sie sich diese Leidenschaft für das Kino bewahren?
Luc Besson: Ich weiß gar nicht einmal, ob es mir um das Kino geht. Es geht mir darum, etwas zu sagen! Ich fühle mich wie Johanna von Orleans. Ich habe eine Flagge, und auf der steht geschrieben: KUNST! LIEBE! FREUNDSCHAFT! Ganz sicher steht da nicht: GELD! Diese Flagge lasse ich wehen, solange es mir möglich ist. Und ich will es herausbrüllen: Im Leben kann es nicht um Geld gehen, das ist nicht das, worauf es ankommt, es ist nicht die wichtigste Sache der Welt! Ich will es brüllen, so laut ich kann.

Das Filmgeschäft trägt seinen Namen aber nicht von ungefähr: Es ist ein Geschäft, es geht um Geld, Filme sind eine teure Angelegenheit. Sie bewegen sich sehr erfolgreich und geschickt in dieser Industrie. Wie gelingt es Ihnen, Ihre kreative Seite zu schützen – und trotzdem das Geld für neue Filme zu bekommen?
Luc Besson: Wie mir das gelingt? Ganz einfach: Ich ignoriere es. Ich treffe mich nicht mit diesen Leuten.
Leichter wird es aber auch Ihnen nicht fallen, neue Projekte vom Boden zu bekommen.
Luc Besson: Ist es schwerer geworden? Ja, definitiv. Ich würde sagen, der große Einschnitt kam vor zehn Jahren. Davor wollten die Leute mit dem Geld sich mit den Künstlern schmücken. Sie kamen zu mir und wollten dabei sein bei der nächsten Reise. Jetzt sagen die Leute mit dem Geld: Ich habe das Geld, deshalb werde ich entscheiden, was gemacht wird. Jaja, denke ich mir, aber du hast keine Ahnung, wie man einen Film macht, Mann! Also Klappe halten. Ich weiß nicht, warum die Geldleute auf einmal glauben, sie seien Künstler. Das sind sie nicht. Das sind dieselben Idioten, die jetzt auf KI setzen und glauben, KI könne ihnen bei ihren Entscheidungen helfen. Sie haben es sich auf die Fahnen geschrieben, die Kunst zu zerstören. An diesem Punkt sind wir jetzt: Wir töten die Kunst. Kunst macht den Menschen mit Geld Angst, sie stört sie. Weil Kunst sich ihrer Kontrolle entzieht.
„An diesem Punkt sind wir jetzt: Wir töten die Kunst. Kunst macht den Menschen mit Geld Angst, sie stört sie. Weil Kunst sich ihrer Kontrolle entzieht.“
Luc Besson
Es gibt einen guten Grund, warum autoritäre Regimes als einer der ersten Schritte die Stimmen der Künstler unterdrücken.
Luc Besson: Sie wollen alles kontrollieren. Aber Fantasie, Illusionen und Träume kann man nicht kontrollieren. Davor haben sie Angst. Schauen Sie sich die Marvel-Filme an. Das Einzige, was die verkaufen, ist die Macht der USA. Das sind keine Filme, das sind Commercials.
Gleichzeitig haben sie lange Zeit dafür gesorgt, dass die Kinos geöffnet bleiben konnten. Viele Menschen haben ein Auskommen, weil sie an Marvel-Filmen arbeiten können. Ich gebe Ihnen indes Recht, was die künstlerischen Aspekte anbetrifft: große Geschichten ohne denkwürdige Bilder.
Luc Besson: Stimmt.

Ihrem „Dracula“-Film hingegen mag man vieles ankreiden, aber er steckt voller starker Bilder und denkwürdiger Momente – die Tanzsequenz in Versailles, die blutrünstigen Nonnen.
Luc Besson: Als ich mir die Sequenz mit den Nonnen ausgedacht habe, wusste ich, dass das einen Eindruck hinterlässt. Ebenso bei der Szene in Versailles, wenn Dracula in seinen Blutrausch gerät. Beim Dreh hatte das eine ungeheure Energie, absolut berauschend. Es gibt Szenen, da weiß man einfach, dass einem etwas Besonderes gelungen ist. Oder besser: Man spürt es, wenn auf einmal alle am Set innehalten und zuschauen.
Identifizieren Sie sich mit Dracula? Sehen Sie sich als Filmemacher in ihm?
Luc Besson: Ich bin ein bisschen Dracula. Genauso bin ich aber auch ein bisschen Leon und das Mädchen Matilda. Ich bin ein bisschen von Leeloo in „Das fünfte Element“. Man gibt immer ein bisschen von sich selbst in seine Figuren. Was Dracula anbetrifft, kann ich nicht von mir behaupten, so romantisch zu sein wie er. Aber ja, ich habe eine romantische Ader, die mir sehr wichtig ist. Kann ich auch ein Monster sein? Kann sein – alle Menschen tragen die Kapazität dazu in sich. Wenn man sich mit 900 Technikern am Set befindet, befehligt man ein Heer, ist man ein General und muss unpopuläre Entscheidungen treffen. Man muss Befehle erteilen, die Truppen motivieren.
Nicht zu vergessen, dass Sie die Energie Ihrer Schauspieler:innen aufsaugen, um die nötige Kraft zu haben, einen Film zu machen, kreativ sein zu können.
Luc Besson: Es ist ein Kraftstoff, Benzin.
Glauben Sie immer noch an das Kino?
Luc Besson: Kino als solches ist mir nicht so wichtig. Ich rede lieber über Kunst. Da spielt es keine Rolle, ob es ein Film ist oder ein Gemälde, eine Skulptur, ein Roman oder ein Lied. Für mich gibt es nichts Wichtigeres – abgesehen von der Liebe. Kunst ist etwas Essenzielles. Und ich beobachte mit Schrecken, dass Kunst in Gefahr ist, dass sie gebändigt werden soll, dass die Menschen mit dem Geld sie sich Untertan machen wollen. Dagegen müssen wir etwas unternehmen. Wir müssen unsere Träume verteidigen. Ich bin aber überzeugt, dass wir Zyklen erleben. Und dass die Kunst zurückkehren und triumphieren wird.
Das Gespräch führte Thomas Schultze.