Am Donnerstag startet im Verleih von Warner Bros. Discovery „Wunderschöner“, Karoline Herfurths konsequente Weitererzählung von „Wunderschön“, der 2022 1,7 Mio. Menschen in die deutschen Kinos locken konnte. Natürlich haben wir uns von der Filmemacherin erzählen lassen, welche Ideen hinter ihrer neuen Arbeit stecken.

Ihr Film ist eine ungewöhnliche Seherfahrung. Wenn Sie ihn in Adjektiven beschreiben müssten, welche würden Ihnen als erstes einfallen?
Karoline Herfurth: Ich würde auf jeden Fall sagen, er ist vielfältig. Er ist dramatisch. Und zuversichtlich. Und romantisch. Ich finde ihn sehr romantisch.
Auch wenn es die Liebe den Figuren nicht immer leicht macht.
Karoline Herfurth: Ich finde eher, die Liebe hat’s nicht leicht. Ich bin eine totale Verfechterin der Liebe und auch der romantischen Liebe. Ich glaube aber, dass es manchmal nicht leichtfällt, die strukturelle Auseinandersetzung, die man miteinander hat, von der Liebe loszulösen. Das zu erzählen, hat mich interessiert. Ich fand das spannend. Das ist eine sehr alltägliche Auseinandersetzung von vielen, vielen Menschen. Trotzdem bleibe ich der Liebe immer treu in meinem Film.
Vielfältig, dramatisch, zuversichtlich, romantisch: Sind das auch die Adjektive, die für den ersten Film zutreffen?
Karoline Herfurth: Wir haben in „Wunderschöner“ die Thematik des ersten Films vertieft, ein bisschen weitergedreht, noch einmal eine Umdrehung genommen. Bei der Vertiefung wurde deutlich, dass da sehr ernste Aspekte zu Tage treten. Wenn man Körperdruck ein bisschen weiterdreht, kommt man relativ schnell beim Thema Sexualität an. Und wenn man bei einem so ernsten Thema wie Sexualität ankommt und sich ansieht, was Sexualität heute bedeutet, was für einen Begriff wir von Sexualität haben, wie es mit der weiblichen Sexualität aussieht, wovon wir geprägt sind, wird die Tonalität dadurch automatisch etwas ernsthafter und dramatischer als noch beim ersten Teil, um dem Thema gerecht zu werden, auch wenn ich gleich einräumen muss, dass das Thema Magersucht natürlich ein ebenso ernstes Thema ist, das wir auch nicht leichtgenommen haben. „Wunderschön“ ist ein bisschen leichter und vielleicht auch ein stückweit versöhnlicher. „Wunderschöner“ fordert ein bisschen mehr.
Hat der Film Sie dann auch mehr gefordert?
Karoline Herfurth: Auf jeden Fall. Schon beim Drehbuchschreiben waren wir nach fünf Stunden nur noch platt. Den ganzen Herbst über, während wir an der dritten Fassung saßen, habe ich entweder geschrieben oder erschöpft geschlafen. Es war eine unglaublich intensive Erfahrung, das hatte ich so noch nicht erlebt. Es war interessant und sehr toll, aber auch in einer Form aufwändig, wie ich das noch nicht kannte, um erstens dem Thema gerecht zu werden und zweitens die Figuren und verschiedenen Tonalitäten zusammenzubringen und miteinander zu verbinden. Ich habe das als große Herausforderung empfunden, auch beim Dreh selber, wo es galt, einem riesigen Ensemble gerecht zu werden. Wir hatten unheimlich viele Sets. Eigentlich sind wir jede Woche in eine neue Welt eingetaucht. Jede Woche ging es darum, mit neuen Gegenübern eine Sprache zu entwickeln und sichere Räume aufzubauen. Noch in keinem Film habe ich soviel Herzblut und Kraft gelassen wie in diesen.
„Noch in keinem Film habe ich soviel Herzblut und Kraft gelassen wie in diesen.“
Karoline Herfurth
War Ihnen klar, dass es ein derart aufwändiges Arbeiten sein würde?
Karoline Herfurth: Überhaupt nicht. Mir war schon früh in der Drehbucharbeit klar, dass wir in der Tonalität der Erzählung einen Schritt tun würden, der für viele eine Überraschung sein wird, gerade wenn man aus dem ersten Teil kommt. Ich glaube trotzdem, dass es ein notwendiger Schritt ist, um der Thematik gerecht zu bleiben. Und auch der Welt von „Wunderschön“, weil auch in „Wunderschön“ haben wir in meinen Augen den Anspruch gehabt, ehrlich zu sein mit dem Leben und den Menschen, die darin vorkommen. Dadurch, dass wir die Thematik ein bisschen weitergedreht haben, hatte ich das Gefühl, müssten wir auch hier genauso ehrlich bleiben. Dadurch kommt, weil die Welt so ist, wie sie ist, diese Härte mit hinein.
Das hat sich also aus der Arbeit am Drehbuch entwickelt?
Karoline Herfurth: Die Arbeit an einem Film begreife ich als Erkenntnisreise. Viele der Dinge, die wir im Film ansprechen, hatte ich grundsätzlich auf dem Radar, nicht zuletzt aufgrund meines Soziologiestudiums, aber ganz gewiss nicht in dieser Tiefe: die Unsichtbarkeit von Frauen in der Historie beispielsweise. Ich habe für die Recherche des Films, als uns dann klar war, dass uns diese Themen interessieren würden, Literatur dazu gelesen, insbesondere das Buch „Invisible Women: Exposing Data Bias in a World Designed for Men“ von Caroline Criado-Perez, das für mich ein echter Augenöffner war. Es gab viele neue Erkenntnisse für mich auf der Reise des Films, die meinen Blick auf die Welt noch einmal verändert haben. Vieles davon habe ich direkt in „Wunderschöner“ aufgegriffen und verarbeitet.

Gibt es bereits eine Absichtserklärung, wenn Sie die Arbeit beginnen: Diesen Film will ich machen! Oder ergibt sich das tatsächlich erst mit dem Weg, den Sie im Drehbuch zusammen mit den Figuren beschreiten?
Karoline Herfurth: Wenn ich anfange, weiß ich nicht, wo ich landen werde. Ich weiß, dass mich ein Feld interessiert, eine Situation, ein Momentum. Daraus entstehen für mich Bilder und dann kommen auch die Figuren, kommt ihr Weg. Julie beispielsweise hat in der ersten Drehbuchfassung von „Wunderschöner“ noch völlig andere Dinge erlebt. Das entwickelt sich tatsächlich von Fassung zu Fassung in Richtungen, die ich nicht geahnt hätte. Es entsteht ganz natürlich, weil man immer tiefer in ein Thema vordringt und immer konsequenter wird in der Erzählung und der Figur. Das prägt den gesamten Prozess, der als Entstehungsprozess direkt mit einem Lernprozess gekoppelt ist. Mein grundlegender Anspruch ist es gerade im episodischen Erzählen – das bietet sich auch an -, dass ich einer Thematik in möglichst vielen Facetten gerecht werden will und weiß, welche Figur in der Konstruktion für welche Facette steht. Das ist mein Plan, wenn man es so nennen kann, den ich in die Entwicklung mitbringe.
„Ich bin keine Filmemacherin, die sagt: Ich erzähle die Geschichte für mich.“
Karoline Herfurth
Für wen machen Sie Ihre Filme? Und welche Rolle spielt diese Zielgruppe bei Ihren Überlegungen, wie Sie Ihre Geschichten erzählen?
Karoline Herfurth: Mich interessiert immer die Auseinandersetzung zwischen Menschen, weil ich das Gefühl habe, dass wir in diesen ganz alltäglichen Situationen und Auseinandersetzungen innerhalb von Strukturen verhandeln und darüber das Große und Ganze erzählen. Mein Wunsch ist, dass ich die Situation von vielen Menschen auf die Leinwand bringe. Für mich ist es so, dass wir alle zusammen in einem Großen und Ganzen sind und darin natürlich verschiedenste Ausrichtungen, Werte, auch Lebensentscheidungen haben. Trotzdem gibt es allgemeingültige Situationen und Strukturen, die ich miterzählen will. Ich bin keine Filmemacherin, die sagt: Ich erzähle die Geschichte für mich. Natürlich ist es mein Blick auf die Welt, den ich anbiete, in der Hoffnung, dass sich ganz viele Menschen darin wiederfinden. Darüber denke ich auch nach beim Entwickeln.
Die wunderbare Leistung des Kinos ist genau das, dass man sich als Zuschauer in den Figuren auf der Leinwand wiederfindet, dass man sich abgleicht mit dem Gezeigten.
Karoline Herfurth: Man kann sich in vielen Geschichten wiederfinden. Wenn jemand seine ganz eigene Geschichte erzählen will, wird auch sie auf Resonanz stoßen. Bei mir ist es aber durchaus so, dass ich mir überlege, welche Themen einen größeren Widerhall finden können, und dann auch, wie man sie am geschicktesten so erzählt, dass sie wahrhaftig und ehrlich und ernsthaft sind, aber eben auch bei einem großen Publikum verfangen können. Ich bin an Allgemeingültigkeit interessiert, an meinem Verhältnis als Mensch innerhalb einer Gemeinschaft, verbunden mit der Hoffnung, dass dann auch viele Menschen in dieser Gemeinschaft daran interessiert sein können.
„Wunderschön war mit 1,7 Millionen verkauften Tickets ein durchschlagender Erfolg an den Kinokassen. Kann man sich bei der Arbeit an einer Fortsetzung des Drucks entziehen, der automatisch durch eine entsprechende Erwartungshaltung entsteht?
Karoline Herfurth: Ich hatte überhaupt keine Lust darauf, einen zweiten Teil zu machen. Unmittelbar nach „Wunderschön“ hatte ich den Eindruck, alles zu dem Thema erzählt zu haben, das mir erzählenswert erschien. Als wir uns dann zusammengesetzt haben, um uns zu überlegen, was ein nächster Stoff sein könnte, merkten wir aber, dass uns „Wunderschön“ doch immer noch auf den Nägeln brannte. Dass da viele Dinge waren, die eben noch nicht konsequent zu Ende erzählt waren, dass sich mit diesen Figuren viele neue Möglichkeiten auftaten. Bei der Entwicklung unserer Ideen haben wir gemerkt, dass wir im Grunde an einer Fortsetzung arbeiteten, ohne jemals eine Fortsetzung in Betracht gezogen zu haben. Das fand ich spannend, zumal mir bewusst war, dass wir mit einer anderen Tonalität würden erzählen müssen. Es hat sich also einfach ergeben, frei von äußeren Einwirkungen und auch frei von Druck welcher Art auch immer. Es fühlte sich einfach gut und richtig an, den Weg mit den Figuren weiterzugehen, weil es immer auch um eine Weiterentwicklung der Figuren geht. Noch einmal denselben Film hätte ich nicht machen wollen. Zum Glück habe ich mit Warner Bros. und Hellinger / Doll Filmproduktion Partner an meiner Seite, die mich nicht drängen würden. Gewiss finden sie es gut, dass es einen zweiten Teil eines Erfolgsfilms gibt. Aber ich selbst sehe „Wunderschöner“ nicht so. Für mich ist es kein zweiter Teil, sondern ein neuer Film, weil es so viele neue Aspekte und auch neue Figuren gibt. Ich kann mir vorstellen, dass der Film eine Überraschung für viele im Publikum sein könnte, die mit einem klassischen zweiten Teil rechnen, und nun feststellen, dass wir in uns in der bekannten Welt im Grunde noch einmal neu erfunden haben. Ich bin gespannt, wie der Film angenommen wird. Meine Hoffnung ist natürlich, dass ich niemanden enttäusche. Aber der Film musste so sein, wie er jetzt geworden ist.
Das Gespräch führte Thomas Schultze.