„The Twisted Tale of Amanda Knox“ ist die Serie über Amanda Knox, von der man nie wusste, dass man sie ganz dringend gebraucht hat. Am 20. August startet der Achtteiler bei Disney+. Wir haben mit Showrunnerin K.J. Steinberg („This Is Us“) über ihren Zugang zu dem legendären Kriminalfall gesprochen.

Wiederholt war die Geschichte von Amanda Knox bereits Inhalt von Filmen. Was hat Sie daran interessiert, was erzählt Ihre Serie Neues über den Fall?
K.J. Steinberg: Mich fasziniert der Fall im Kontext mit der Zeit, in der wir leben. Im kulturellen und politischen Diskurs erleben wir eine extreme Polarisierung. Die Menschen sind unerschütterlich in ihren Überzeugungen, sind nicht bereits, auch nur einen Millimeter abzurücken, auch wenn diese Überzeugungen häufig auf Desinformation beruhen. Das hat mich förmlich magnetisch zu Amandas Geschichte hingezogen. Ich selbst hatte eigentlich keine dezidierte Meinung zu ihr, wusste aber, dass es vielen Menschen anders ging. Ich wollte herausfinden, warum das so ist. Ich wollte den Dingen auf den Grund gehen. Die Presse hatte ihr den Spitznamen „Foxy Knoxy“ gegeben, der sich in den Medien und nach und nach auch in der Kultur verfestigte. Ich sah viele Motive, wie man sie auch heute in den sozialen Medien erlebt, und fand, dass diese Geschichte ein Mittel wäre, sich intensiver damit zu befassen.
Was war Ihr Weg in die Geschichte?
K.J. Steinberg: Ich fand es faszinierend, dass Amanda Knox für sich entschieden hatte, Kontakt zu dem Mann aufzunehmen, der damals alles daran gesetzt hatte, sie ins Gefängnis zu bringen, der Amtsrichter Mignini. Das war eine außergewöhnliche Tat. Das gab uns eine ungewöhnliche Perspektive, eine Perspektive, aus der diese Geschichte noch nie erzählt worden war. Meistens wird einfach nur der Fall ausgerollt. Wir gehen über das Urteil hinaus, blicken einerseits auf die Ereignisse mit einem aktuellen Blick zurück, andererseits erzählen wir auch von ihrer Heimkehr nach der Tortur in Perugia, von ihrem Versuch, wieder Oberhand über ihr Narrativ zu erlangen, um nicht nur körperlich wieder ein freier Mensch zu werden. Über Jahre hinweg korrespondierte sie mit Giuliano Mignini in Briefen und traf sich schließlich mit ihm in Italien, um dieses Kapitel tatsächlich abschließen zu können. Auf eine sehr verrückte Weise sah sie in ihm eine verwandte Seele. Wie sie war er in den Medien dämonisiert, wie eine Pappfigur dargestellt worden. Sie wollte ihm auf Augenhöhe begegnen, erstmals von Mensch zu Mensch, nicht als Jäger und Gejagte.

Ihre Serie ist mit einer ganz spezifischen Haltung erzählt, mit einem ganz besonderen Ton. Wie sind Sie vorgegangen?
K.J. Steinberg: Ich würde den Grundton als ernst beschrieben. Alles andere wäre nicht richtig gewesen. Man würde dem Verbrechen an Meredith Kircher sonst ebenso gerecht werden wie der Ungerechtigkeit, die sich danach abgespielt hat. Darauf aufbauend lassen wir den Ton manchmal ins Absurde kippen, um die Auswüchse des Medienzirkus und des Justizsystems zu reflektieren. Dazu kommt die Hommage an „Die fabelhafte Welt der Amélie“: Der magische Realismus hilft uns, den sehr eigenwilligen Blick von Amanda auf die Welt zu verstehen. Es ist nicht nur ihr Lieblingsfilm, sondern auch wichtiger Bestandteil ihres Alibis: Sie hat sich den Film in der Nacht des Mordes mit ihrem Freund angesehen. Amélie, gespielt von Audrey Tautou, ist eine naive, hoffnungsvolle und charmante Figur, immer darum bemüht, Menschen miteinander zu verbinden. Sie sind immer das Schöne in den Dingen, auch wenn sie eigentlich gar nicht schön sind. Die Menschen halten Amanda Knox für enigmatisch. Ich wollte aber zeigen, wie sich die Dinge in ihren Augen darstellen.
Sie haben umfassende Recherchen betrieben. Was haben Sie Neues gelernt?
K.J. Steinberg: Wo soll ich da anfangen? Ich habe mich drei Jahre in die Recherche gekniet, habe tausende von Seiten gelesen, Bücher, Gerichtsdokumente, Aussagen von Zeugen. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich habe gelernt, dass Gewissheit nicht das Gleiche ist wie die Wahrheit. Gewissheit ist oft der Feind der Wahrheit.
Das Gespräch führte Thomas Schultze.