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„Horizonte erweitern“: Dascha Petuchow und Julian Gerchow zu „Bitter Gold“


Am 21. August startet „Bitter Gold“ als erstes Spielfilmprojekt des jungen Produktionsunternehmens Plotlessfilm in den deutschen Kinos, eine Koproduktion mit Chile, Mexiko und Uruguay. Wir sprachen mit Dascha Petuchow und Julian Gerchow über die besondere Konstellation, die internationale Ausrichtung und den eigenen Anspruch.

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Dascha Petuchow und Julian Gerchow bei der Deutschlandpremiere von „Bitter Gold“ im Rahmen des Lichter Filmfests (Credit: Linh Dieu Nguyen)

Plotlessfilm heißt das von Ihnen 2021 mitgegründete Produktionsunternehmen. Was steckt hinter diesem Namen, ist damit eine besondere Philosophie verbunden?

Dascha Petuchow: Er ist Ausdruck unseres Anspruchs, gewohnte Erzählmuster aufzubrechen. Im Zuge der Namensfindung kam die Tragetaschentheorie der Fiktion von Ursula Le Guin zur Sprache, die eine Art Gegenentwurf zur klassischen, linearen Heldenreise beschreibt, die sehr individualistisch, sehr patriarchal geprägt ist – und in der Konflikte in der Regel mit Gewalt gelöst werden. Das Essay dreht sich im Kern auch darum, wie man zirkuläre Prozesse abbilden und auch komplexere Lebensrealitäten in Geschichten fassen kann. Uns beschäftigt die volle Bandbreite der menschlichen Erfahrungen, und wir denken, dass man lineare Pfade mitunter verlassen muss, um sie einzufangen.

Julian Gerchow: Das bedeutet nicht, dass wir nicht auch linear erzählen wollen. Aber es ist als Statement zu verstehen, dass wir für innovative Herangehensweisen und Erzählmuster offen sein wollen.

„Bitter Gold“ entstand als Koproduktion mit Chile, Mexiko und Uruguay. Wie kam es zu dieser Konstellation?

Julian Gerchow: Wir haben Plotlessfilm aus dem Studium heraus gegründet. Tom Schreiber, unser ehemaliger Professor und heute ebenfalls Teil unserer Firma, lernte während seines eigenen Studiums den Produzenten Francisco Hervé von Juntos Films kennen. 2008 hat Tom dann als Regisseur mit „Dr. Alemán“ einen Film in Kolumbien realisiert, unter anderem in Zusammenarbeit mit Francisco. Als wir dann mit Plotlessfilm an den Start gingen, boten uns die Juntos das Drehbuch zu „Bitter Gold“ an. Es hat uns sofort begeistert – und zum Glück auch die Hessen Film und Medien, die sich für eine Förderung entschied.

Was kann ein junges Produktionsunternehmen aus Deutschland denn anbieten, wie wird man als Partner attraktiv?

Julian Gerchow: Das ist keine ganz einfache Frage, zumal die Förderlandschaft hierzulande nicht unbedingt optimal aufgestellt ist, wenn es um internationale Koproduktionen geht. Aktuell scheint die Reise zwar grundsätzlich in die richtige Richtung zu gehen, aber gerade im Bereich der minoritären Koproduktion und bei Projekten im niedrigeren Budgetbereich ist es ausgesprochen schwer, wenn man nicht das Glück hat, einen Länderförderer an die Seite zu bekommen. Auf Bundesebene gibt es eigentlich kaum etwas, das in diesem Budgetsegment helfen könnte. Was wir in Deutschland natürlich haben, sind unfassbar tolle Talente, da müssen wir uns hinter keinem anderen Standort verstecken. Man muss einfach sehr genau schauen, welche Möglichkeiten es gibt, schließlich muss man für Förderung einen vergleichsweise hohen Spend in Deutschland mitbringen. Im Fall von „Bitter Gold“, einer chilenischen Geschichte, die komplett in Chile gedreht wurde, liegt dann eben die Postproduktion nahe – und in unserem Fall speziell die Sound-Post, denn wir verfügen in Hessen und vor allem in Frankfurt über ganz hervorragende Studios. Das war die eine Ebene, die andere war der großartige kreative Austausch. Wir haben schon beim Drehbuch viel Feedback gegeben, wir haben uns beim Schnitt ausgetauscht. Daraus entstand ein toller, länderübergreifender Know-How-Transfer.

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Die SoundPost für „Bitter Gold“ wurde von der Hessen Film & Medien gefördert (Credit: Hessen Film & Medien)

Sie verstehen sich mit Plotlessfilm also nicht etwa nur als Mitfinanzierer, sondern als zentraler kreativer Teil des Projekts?

Julian Gerchow: Absolut. Das war bislang bei allen unseren Ko-Produktionen der Fall und das ist etwas, auf das wir auch für die Zukunft größten Wert legen. Als minoritärer Koproduktionspartner hat man vielleicht nicht so viel Geld in ein Projekt gesteckt, aber der Wert dessen, was man mitbringt, liegt eben gerade auch im kreativen Impuls. Diese Philosophie verfolgen wir jetzt auch bei den Projekten, bei denen wir als Produzenten im Lead sind und bei denen minoritäre Beteiligungen aus anderen Ländern kommen. Denn gerade dieser Austausch macht international aufgesetzte Projekte so spannend. Es geht uns nicht nur darum, einen Film hinzustellen und damit unsere Miete zu zahlen. Sondern darum, sich kreativ zu betätigen, den Horizont zu erweitern, dazuzulernen.

Das Projekt durchlief Work-in-Progress-Programme in Venedig, San Sebastian und Köln. Welche Bedeutung kommt diesen Angeboten zu?

Julian Gerchow: Diese Programme sind von großem Wert: Sie verschaffen Projekten schon in einer sehr frühen Phase eine Bühne und internationale Sichtbarkeit, ermöglichen den direkten Austausch mit Produzent:innen, Verleiher:innen, Festivalmacher:innen und Weltvertrieben und schaffen so die Grundlage, entscheidende Bündnisse zu schmieden und den Weg für eine erfolgreiche Auswertung zu ebnen. 

Wenn es darum geht, jungen deutschen Unternehmen und Kreativen noch mehr Chancen auf dem internationalen Parkett zu verschaffen: Was erwarten Sie sich dann von der Förderreform – und nicht zuletzt der Neuaufstellung der Talentförderung?

Julian Gerchow: Wenn wir von weiterer Internationalisierung sprechen, dann ist es auch immer einer Frage der Vergabekriterien. Wird es uns eine Förderreform künftig leichter machen, vor Ort in Deutschland mit ausländischen Kreativen zusammenzuarbeiten? Momentan wird viel über Anreizförderung und Investitionsverpflichtung gesprochen, aber welche Möglichkeiten sich dadurch für uns eröffnen können, lässt sich momentan einfach noch nicht konkret beurteilen. Es geht schließlich nicht nur um Geld bzw. die Höhe der Töpfe, sondern auch um die Verteilung. Und es geht nicht nur um Förderung, sondern beispielsweise auch um das Engagement der Sender. Ein Riesenproblem ist, dass man auf Ebene der Öffentlich-Rechtlichen abseits von ARTE und gelegentlich noch dem ZDF mit dem Kleinen Fernsehspiel mit Projekten aus dem Ausland praktisch keine Chance hat, das ist alles sehr regional fokussiert. Da sehe ich auch keine Verbesserung am Horizont, die Produktionstöpfe der Sender werden ja eher kleiner als größer. Das ist ausgesprochen bedauerlich. Wir produzieren zwar auch inländisch – aber es ist einfach unverzichtbar, Horizonte zu erweitern und offen zu sein.

Am 21. August startet „Bitter Gold“ nun als erste Spielfilmproduktion von Plotlessfilm in den deutschen Kinos. Wie steinig war der Weg zu einer regulären Leinwandauswertung – und welche Rolle spielten die Festivalpräsenz im Vorfeld?

Dascha Petuchow: Hier hat sich die EWiP in Köln als Türöffner erwiesen. jip film und verleih hat den Film dort gesehen und verfügte über gute Kontakte zu unserem Weltvertrieb Patra Spanou Film. Am Ende haben sich einige Dinge sehr positiv zusammengefügt. Wir hatten den notwendigen Funken Glück und freuen uns wirklich sehr, dass unser Film „Bitter Gold“ in Deutschland in den Kinos laufen wird: Ein in der Atacama Wüste gedrehter Neo-Western mit einem ungewöhnlichem Genretwist, der Unterhaltung und vielschichtige Figuren vereint und damit genau die Schnittmenge aus Genre und Arthouse trifft, auf die wir unseren Fokus legen. 

Julian Gerchow: Die internationale Festivalauswertung war ein ausgesprochen wichtiger Bestandteil der Reise. jip film und verleih war auf den Film zwar schon in Köln aufmerksam geworden, aber die endgültige Entscheidung fiel nach der Weltpremiere in Warschau, wo „Bitter Gold“ den Preis der Ökumenischen Jury gewann. Umso schöner war es, den Film anschließend gemeinsam bei seiner Deutschlandpremiere beim Lichter Filmfest in Frankfurt, quasi vor unserer beider Haustür, präsentieren zu können.

Was nehmen Sie persönlich von der Festivalreise mit, die „Bitter Gold“ absolviert hat?

Dascha Petuchow: Mich hat tatsächlich besonders gefreut, wie positiv der Film auf Jugendfilmfestivals aufgenommen wurde. Ich hatte „Bitter Gold“ zunächst gar nicht so sehr in dieser Zielgruppe gesehen, aber ich hatte beim Marburger Kinder- und Jugendfilmfestival selbst die Gelegenheit, mit dem jungen Publikum zu sprechen. Wie der Film dort aufgenommen wurde, hat mich wirklich beeindruckt.

Julian Gerchow: Das Feedback, dass ich aus Warschau mitgenommen habe, war vor allem jenes, dass der Film in Welt entführt, die nicht so vertraut sein mag – und dass dadurch umso mehr in den Vordergrund tritt, wie universell die Themen sind, die er behandelt. Genau das passt zu unserer Philosophie, das hat mich sehr glücklich gemacht.

Dascha Petuchow: Übrigens war in Marburg auch eine Gruppe spanischsprachiger Gäste, die sich total gefreut haben, dass der Film im spanischen Original mit deutschen Untertiteln lief. Wenn es nach ihnen geht, sollte man so etwas hierzulande viel öfter anbieten. Ebenso besonders war für uns die Vorstellung beim Lichter Filmfest, bei der Carolina Guerrero, Vize-Konsulin des chilenischen Generalkonsulats, die Vorstellung mit einem Grußwort eröffnete, was für uns eine große Ehre war.

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„Bitter Gold“ ist laut Dascha Petuchow „ein ungewöhnlicher Genretwist, der Unterhaltung und vielschichtige Figuren vereint“ und damit genau die „Schnittmenge aus Genre und Arthouse“ treffe, auf die man den Fokus lege (Credit: Eduardo Muñoz)

Ein besonderer Termin steht beim Publikumsgespräch im Darmstädter Rex an, wo Sie, Herr Gerchow, ein freiwilliges soziales Jahr absolviert hatten.  Wie kam es dazu – und wie sehr hat Sie das geprägt?

Julian Gerchow: Ich wusste nach dem Abi noch nicht sofort, was ich wirklich machen wollte – und ein freiwilliges soziales Jahr ist eine wunderbare Gelegenheit, um den eigenen Horizont zu erweitern und dabei auch noch etwas für die Allgemeinheit zu tun. Dass es dann ein Kino wurde, war ein wenig dem Zufall geschuldet – und natürlich schon damals einer gewissen Zuwendung zum Film. Ich bin im Rex das erste Mal wirklich mit der Filmbranche in Kontakt gekommen. Das war eine unglaublich tolle Zeit, in der ich vor allem auch Programme mitgestalten durfte; eine Zeit, die letztlich meinen weiteren Lebensweg mitbestimmt hat. Der Kontakt ist jedenfalls nie abgerissen und eines Tages hat mich die Theaterleiterin über Instagram kontaktiert, ob ich nicht gerne mit unserem Film zurück ins Rex kommen würde. Klar, keine Frage.

Mitunter hört man aus den Hochschulen, dass das Kino als Medium in den Köpfen auch dort nicht mehr ganz so sehr im Lead ist wie früher. Aber Sie haben den Anspruch, für die große Leinwand zu arbeiten?

Dascha Petuchow: Auf jeden Fall. Film kann wahnsinnig viel. Er kann unterhalten, er kann zum Nachdenken anregen. Aber das alles wird durch das gemeinsame Erleben, wie es so nur im Kino möglich ist, auf eine ganz andere Ebene gehoben – und das wiederum befördert auch den Austausch. Wir glauben fest an die Kraft des Kinos und dieses Gemeinschaftserlebnis – und das wollen wir mit unserer Arbeit auch unterstützen. Ein Film wie „Bitter Gold“ ist dabei ein gutes Beispiel: Als internationales Kino öffnet er den Blick auf ein anderes Land, Chile, und auf eine für viele unbekannte Welt: den Bergbau. Gerade mit solchen Geschichten macht man den Kinoraum für ein jüngeres Publikum zugänglicher und attraktiver.

Wie geht es bei Plotlessfilm jetzt weiter? 

Julian Gerchow: Es ist aufregend zu erleben, wie der erste eigene Film ins Kino kommt. Wir freuen uns total und hoffen das Beste. Im August gehen wir mit der Hauptdarstellerin Katalina Sánchez auf unsere erste Kino- und Pressetour. In Berlin werde ich im Interview mit Kat sein, dort drehen die Berliner SchulKinoWochen mit uns digitales Schulkinomaterial. „Bitter Gold“ startet dank unseren Verleiherinnen jip film und verleih bundesweit in ca. 60 Kinos und wir sind gespannt, wie das Publikum auf den Film reagieren wird. Darüber hinaus haben wir schon etliche Projekte in unterschiedlichen Phasen der Vorbereitung. Daschas Debütfilm „Wohin wir gehen“ befindet sich im Stadium der Drehbuchfortentwicklung, ich hoffe darauf, nächstes Jahr meinen Debütfilm „Salad Days“ drehen zu können. Wir sind gerade in der Finanzierung des ukrainischen Spielfilms „Hardsub“, den wir als Koproduktion mit der Ukraine und Polen realisieren und mit dem wir unter anderem beim renommierten Torino Feature Lab waren.

Dascha Petuchow: Und bei „Las Muertes Pasajeras“ arbeiten wir erneut mit Tarkiofilm aus Uruguay zusammen, der Film geht jetzt gerade in Hessen in die Postproduktion. Es bleibt also spannend.

Apropos „Wohin wir gehen“: Mit diesem Projekt konnten Sie am Nachwuchsprogramm STEP der HessenFilm teilnehmen. Wie wichtig sind derartige Trittleitern in die Branche?

Dascha Petuchow: Ich bin als Quereinsteigerin zum Filmschaffen gekommen – und empfand es als immense Unterstützung, Raum und Zeit zu erhalten, um meine Geschichte ohne Druck weiterentwickeln zu können, ohne selbstausbeuterisch agieren zu müssen. Das ist ein echtes Privileg, für das ich ausgesprochen dankbar bin, zumal ein solcher Vertrauensbeweis durch eine Förderung auch eine unschätzbare Ermutigung darstellt. Gerade die Hessen Film und Medien zeichnet sich dadurch aus, Nachwuchsfilmschaffenden auf Augenhöhe zu begegnen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles zu unternehmen, um Einstiegshürden abzubauen. Das ist vorbildlich!