Zum 1. Juli beendet Helmut Poßmann seine Tätigkeit als Geschäftsführer der SPIO. Ein Schritt, der schon vor einem Jahr mit der Installierung einer Doppelspitze vorbereitet wurde, aus der Stefan Linz dann die alleinige Geschäftsführung übernimmt. Zum Abschied sprach SPOT mit Helmut Poßmann über 40 Jahre beim Spitzenverband, über prägende Momente und die notwendige Fokussierung auf Kernaufgaben.

Rund 40 Jahre Tätigkeit für die SPIO enden: Wie schwer fällt Ihnen der Abschied?
Helmut Poßmann: Ich hatte lange genug Zeit, mich auf diesen Tag einzustellen. Ich habe vor über einem Jahr begonnen, mein Ausscheiden vorzubereiten und gemeinsam mit dem SPIO-Präsidium meine Nachfolge geregelt. Es kommt also nicht unerwartet. Das ist der rationale Teil. Emotional ist es aber doch immer noch etwas anderes. 40 Jahre sind nun einmal 40 Jahre – und so wie ich Teil der SPIO wurde, ist auch die SPIO ein Teil von mir geworden. Alles hat seine Zeit und für mich war immer klar, mein Ausscheiden selbst zu bestimmen. Nach 40 Jahren war es an der Zeit, an eine jüngere Generation abzugeben. Mit Stefan Linz, der schon seit vielen Jahren bei uns ist und seit rund einem Jahr mit mir gemeinsam in der Geschäftsführung, haben wir den Generationswechsel vollzogen. Schön, dass ich die Möglichkeit hatte, den Wechsel mitzugestalten. Dennoch wird der Abschied jetzt immer realer, je näher er rückt. Da kommt die letzte Sitzung als Mitglied des Verwaltungsrats des Deutschen Filminstituts, die letzte Sitzung des SPIO-Präsidiums, die letzte Mitgliederversammlung. Ein wenig Wehmut schwingt schon mit, andererseits freue ich mich auf die Zeit ab dem 1. Juli und – auch wenn das wie eine Floskel klingen mag – auch darauf, mehr Zeit für die privaten Dinge zu haben, die einfach zu kurz gekommen sind.
Die Dinge in guten Händen zu wissen, hilft?
Helmut Poßmann: Auf jeden Fall. Stefan ist schon seit sehr vielen Jahren bei uns – und er war die logische Wahl für die Geschäftsführung auch bei der SPIO, insofern konnten wir so einen reibungslosen Übergang gewährleisten.
Der Branche kehren Sie aber noch keineswegs den Rücken?
Helmut Poßmann: Nein, ich bleibe ihr noch eine Weile erhalten. Ich werde den Deutschen Filmball noch ein paar Jahre weiter organisieren – und bekanntermaßen habe ich für den HDF den Sitz im Kuratorium der Murnau-Stiftung übernommen, zu dessen Vorsitzenden ich erst im April gewählt wurde. Das sind zwei Aufgaben, die ich weiterhin gerne wahrnehme, da steckt viel Herzblut drin. Die Organisation des Deutschen Filmballs ist vor allem über die letzten Jahre hinweg immer fordernder geworden und da braucht es Menschen, auf die man sich zu 100 Prozent verlassen kann, neben den zahlreichen Externen ist das vor allem meine rechte Hand bei der Organisation, Frau Meister, der ich an dieser Stelle wirklich herzlich danken möchte.
Die SPIO vereint unter ihrem Dach Verbände mit teils nicht immer gleichlaufenden Interessen. Was bedeutet dieser Zwang zum Kompromiss für die Arbeit der SPIO?
Helmut Poßmann: Die Frage gibt beinahe schon die Antwort. Als ein Verband der Verbände muss sich die SPIO notwendigerweise auf jene Kernbereiche fokussieren, die alle Mitglieder gleichermaßen betreffen, bei denen die SPIO als Dachverband auch mit einer Stimme sprechen kann. Das sind der Jugendschutz, das Urheberrecht und es sind vor allem die Themen auf europäischer Ebene. Beim FFG zum Beispiel sieht man deutlich, wo die Grenzen der filmpolitischen Arbeit der SPIO liegen. Deshalb bin ich auch froh, dass die SPIO – mit Ausnahme weniger Jahre, in denen ich alleiniger Verantwortlicher war – immer zwei Personen in der Geschäftsführung hatte. Ich war für die innere Organisation, die Gremienarbeit, die Haushalte von SPIO, FSK, unserer Service GmbH, der S.M.S., und schließlich für den Deutschen Filmball zuständig. Ich habe die SPIO im Kuratorium der Murnau-Stiftung vertreten und ebenso im Verwaltungsrat des DFF. Für die politische Arbeit waren in meiner Zeit als Geschäftsführer zunächst Bettina Buchler und später über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg Christiane von Wahlert zuständig. Das waren klar voneinander abgegrenzte Arbeitsgebiete, was deshalb so gut funktioniert hat, da es auch auf der menschlichen Ebene gepasst hat und natürlich dank der tollen Kolleginnen und Kollegen in Wiesbaden und im Berliner Büro.
Aktuell ist aber nicht geplant, eine neue Doppelgeschäftsführung einzusetzen?
Helmut Poßmann: Momentan nicht, innerhalb der SPIO wurde ein Umstrukturierungsprozess angestoßen, der ausgestaltet und begleitet werden muss. Dabei kann sich Stefan Linz auf ein engagiertes Team, insbesondere Heiko Wiese und Alina Kemper in unserem Berliner Büro der SPIO, mit ihrer Kompetenz und Erfahrung verlassen.
Der Blick konzentriert sich also künftig stärker auf europäische Themen?
Helmut Poßmann: Das war und bleibt eine der Kernaufgaben der SPIO, es war nie wichtiger als jetzt, eine starke Stimme auf europäischer Ebene zu haben. Der SPIO kommt dabei schon deswegen eine herausragende Rolle zu, da es in Europa keine vergleichbare Organisation gibt, die auf europäischer Ebene die Interessen unserer Branche vertritt.

Wenn Sie auf vier Jahrzehnte ihres Berufslebens zurückblicken, was waren für Sie persönlich die prägendsten Momente?
Helmut Poßmann: Ich war mir vor Amtsantritt als SPIO-Geschäftsführer nicht wirklich bewusst, dass ich damit auch automatisch Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Filmkünstlernothilfe und ebenso auch Finanzvorstand des Deutschen Filminstituts werden würde. Ich habe hier zunächst mit Gerd Albrecht, später mit Claudia Dillmann zusammengearbeitet. Mit der Integration des Deutschen Filmmuseums in das Filminstitut wurde die Aufgabe aber zu umfangreich, ich habe mich aus dieser Rolle zurückgezogen. Aber dann ging eine neue Tür auf, ich bin dann quasi zeitgleich Finanzvorstand der Murnau-Stiftung geworden und war dann schließlich alleiniger Vorstand dort. In dieser Zeit war ich unter anderem federführend für den Bau des Filmhauses in Wiesbaden verantwortlich, gleichzeitig erfolgte der spektakuläre Fund der bis dato verschollenen Teile von „Metropolis“ in Buenos Aires. Ich war zweimal in Begleitung von Peter Fries von Omnimago in Buenos Aires, um dieses Material nach Deutschland holen zu können und schließlich mit einem Expertenteam unter unserer Leitung den Film in aufwändigster Arbeit zu rekonstruieren und zu restaurieren. Natürlich wollten wir, dass diese restaurierte Fassung in größtmöglichem Rahmen und vor einer größtmöglichen Öffentlichkeit wieder „uraufgeführt“ wird. Das war einmal in Berlin im Rahmen der Berlinale und parallel in der Alten Oper in Frankfurt, jeweils mit Orchester-Begleitung. Das war wirklich irre, zwei Weltpremieren gleichzeitig zu organisieren. Ein Wahnsinnserfolg für die Stiftung und natürlich auch für mich etwas ganz, ganz Besonderes. Unter dem Strich war das sicherlich die interessanteste und intensivste Zeit meines Berufslebens. Übrigens haben wir mit der Stiftung in dieser Zeit auch noch die „Nibelungen“ restauriert. Das war extrem, aber auch extrem erfüllend. 2000/2001 wurden die FSK und die S.M.S. jeweils als eigenständige GmbHs ausgegründet. Mit der SPIO haben wir seinerzeit die ZKM aufgebaut, auch hier war ich zunächst der Gründungsgeschäftsführer. Ich habe insgesamt sechs Präsidenten und eine Präsidentin der SPIO erlebt: Franz Seitz, Steffen Kuchenreuther, Manuela Stehr, Alfred Holighaus, Dr. Thomas Negele, Christian Sommer und zuletzt Björn Böhning. Ich habe mit allen stets vertrauensvoll und von gegenseitigem Respekt geprägt zusammengearbeitet. Das ist keine Selbstverständlichkeit und etwas, wofür ich sehr dankbar bin.
Wie sehen Sie die SPIO organisatorisch und finanziell für ihre künftigen Aufgaben aufgestellt – insbesondere mit Blick auf die FSK als wesentliche Säule?
Helmut Poßmann: Gerade bei der FSK wird seit vielen, vielen Jahren mit sehr großem Engagement und Weitblick gearbeitet. Die FSK hat gerade erst ihre Kooperation mit der britischen BBFC zu KI-gestützten Freigaben für Online-Inhalte bekanntgegeben. Das sind Dinge, die die FSK in die Zukunft tragen, womit sie auch weiterhin eine starke Säule der SPIO bleibt. Und nicht zu vergessen die S.M.S., die als Dienstleister für die SPIO u. a. im Bereich Finanzbuchhaltung und Statistik unverzichtbar ist. Was das Organisatorische angeht, so sprachen wir ja bereits über die Schwerpunktsetzung und Neuausrichtung der SPIO, es gibt immer Stellschrauben, um bei Bedarf nachzujustieren.
Wenn Sie nach vorne blicken – gibt es einen Rat, den Sie Stefan Linz mit auf den Weg geben wollen?
Helmut Poßmann: Ich möchte an dieser Stelle nicht mit wohlgemeinten Ratschlägen um die Ecke kommen- erst recht nicht, wenn es um jemanden geht, der die SPIO seit vielen Jahren kennt und seit einem Jahr bereits mit großer Umsicht Teil der Geschäftsführung ist. Natürlich steht die SPIO vor wichtigen Weichenstellungen, die gestaltet, begleitet und mit Leben gefüllt werden wollen. Das Fundament für die neue Struktur ist gelegt – jetzt geht es darum, es mit Inhalt und Perspektive zu füllen. Dabei wird das neue Präsidium eine zentrale Rolle spielen und viele bekannte Gesichter werden diesen Übergang sicher mitgestalten. Dafür von Herzen alles Gute und das nötige Quäntchen Fortune.