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Heleen Gerritsen: „Die Deutsche Kinemathek soll ein selbstverständlicher Teil der Filmbranche sein“


Seit 1. Juni ist Heleen Gerritsen neue künstlerische Direktorin der Deutschen Kinemathek in Berlin, die zu einer der führenden Filmerbe-Einrichtungen Europas zählt und nun zehn Jahre lang in einem Provisorium untergebracht ist. Über ihre neue Aufgabe, das große Erbe und Bereiche, die ihr besonders am Herzen liegen, spricht sie im großen SPOT-Interview. 

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Heleen Gerritsen folgt in ihrer Funktion auf Dr. Rainer Rother, der am 30. April 2025 nach 19 Jahren an der Spitze der Deutschen Kinemathek in den Ruhestand getreten ist; Gerritsen studierte Slawistik, Osteuropäische Geschichte und Wirtschaftswissenschaften in Amsterdam und St. Petersburg. Im Jahr 2003 zog sie nach Deutschland, wo sie eine Ausbildung zur Filmproduzentin absolvierte und als freie Filmproduzentin, Archivrechercheurin und Filmfestivalmanagerin tätig war. In den letzten zwei Jahrzehnten wirkte sie in verschiedenen Film- und Kulturinstitutionen in Deutschland, den Niederlanden sowie in Mittel- und Osteuropa. Zuletzt war sie Festivalleiterin des goEast Festivals in Wiesbaden. (Credit: Markus Müller)

Ihren neuen Posten als Künstlerische Direktorin der Deutschen Kinemathek für die Einrichtung haben Sie in turbulenten Zeiten angetreten. Es begann gleich mal mit dem Umzug vom Potsdamer Platz in das Provisorium im E-Werk…

Heleen Gerritsen: Florian Bolenius, Verwaltungsdirektor und Teil des gemeinsamen Vorstands der Deutschen Kinemathek, hatte mir bereits einen Vorvertrag noch vor meinem offiziellen Antritt gegeben, und auch Rainer Rother, mein Vorgänger, hatte ebenfalls einen Übergangsvertrag, der eine strukturierte Übergabe im Leitungsteam ermöglichte. Gerade durch den Umzug in das Industriedenkmal E-Werk, das zwar sehr schön und voller Potenzial, aber eben nur ein Provisorium ist, steht viel Arbeit an. Wir müssen neue Formate entwickeln und schauen, dass die verschiedenen Abteilungen sich dort wiederfinden. Dafür ist viel Abstimmungsbedarf nötig und ich war froh, bereits ein paar Monate vor dem 1. Juni hinter den Kulissen mitwirken zu können. Jetzt darf ich das auch vor den Kulissen.

Man macht sich sicher viele Gedanken, bevor man so einen Posten antritt. Welche Bereiche liegen Ihnen besonders am Herzen? Wie wollen Sie Ihre eigene Handschrift in eine so altehrwürdige Institution einbringen?

Heleen Gerritsen: Natürlich hat jeder Künstlerische Direktor, jede Künstlerische Direktorin eigene Schwerpunkte. Die ergeben sich manchmal auch einfach aus den Umständen. Mir ist ein wichtiges Anliegen – wenn ich an das Filmhaus der Zukunft denke, das erst gebaut werden muss –, dass die Deutsche Kinemathek ein selbstverständlicher Teil der Filmbranche sein soll. Ich sehe die Deutsche Kinemathek an einem Knotenpunkt zwischen Filmerbe und Filmwissenschaft einerseits und andererseits der aktiven Filmbranche, den Filmhochschulen, der Filmkritik und der Filmbildung. Es soll ein Haus sein, das gesellschaftliche Akzeptanz findet und angenommen wird, von den Berliner:innen und von Besucher:innen aus aller Welt. Es gibt viele Ebenen, auf denen wir eine Rolle spielen können. Ich möchte sichtbarer werden und neue Partnerschaften aufbauen. Es passiert zwar schon viel in den Sammlungen über die verschiedenen Abteilungen hinweg. Aber viel findet im Verborgenen bzw. unter Fachbesucher:innen statt. Mir ist es ein Anliegen, den interdisziplinären Aspekt zu verstärken. Und ein eigenes Kino ist unabdingbar. Im alten Filmhaus am Potsdamer Platz gab es kein eigenes, was die Kinemathek für Regisseur:innen oder Filmstudierende sehr abstrakt gemacht hat. 

„Insgesamt gibt es zwar nur beschränkt Möglichkeiten, doch der Umzug hierhin hat super geklappt.“

Ein eigenes Kino wird aber sicher erst im noch zu bauenden Gebäude integriert werden können. Oder haben Sie da im E-Werk schon Möglichkeiten? Wie sieht es dort generell aus, den vielen verschiedenen Abteilungen der Deutschen Kinemathek genügend Raum zu geben? Ist das möglich?

Heleen Gerritsen: Die Idee ist, dass wir im E-Werk zehn Jahre bleiben. Ein Jahr davon ist schon fast wieder um. Es wurden bereits einige Umbauten vorgenommen und die Anpassungen dieser „Multifunktionshalle“ mit Flair gehen in Zusammenarbeit mit einer Agentur noch weiter. Während der Berlinale fanden hier bereits für die Retrospektive Filmvorführungen und Podiumsgespräche statt. Es ist also möglich, Kino zu machen. Außerdem ist ein kleines Studio-Kino mit 34 Plätzen geplant. Insgesamt gibt es zwar nur beschränkt Möglichkeiten, doch der Umzug hierhin hat super geklappt.

Die Bereiche der Deutschen Kinemathek sind sehr breitgefächert. Was würden Sie als Herzstück bezeichnen?

Heleen Gerritsen: Die Sammlung und die Mitarbeiter:innen mit ihrem fundierten Wissen sind das Herzstück der Deutschen Kinemathek. Es gibt unzählige Unikate, die über die Jahre gesammelt wurden, angefangen mit der Sammlung des Gründers Gerhard Lamprecht mit Sammelobjekten ab den 1920er Jahren. In unserem Filmarchiv schlummern darüber hinaus noch viele analoge Schätze. Dann gibt es auch die Fernsehsammlung und die filmbegleitenden Sammlungen mit Plakaten, Fotos, aber auch Drehbüchern etc. Wir haben auch ein Personenarchiv, gewachsen vor allem dank Schenkungen von Filmschaffenden. Wir haben Kartons noch nicht ausgewerteter Dinge wie Notizen von Werner Herzog, Drehbuchskizzen, Doodles… Außerdem gibt es ein Textilarchiv, wo Kostüme aufbewahrt und von qualifizierten Mitarbeitern auch rekonstruiert werden, ein Grafikarchiv mit Storyboards, Skizzen, Kostümentwürfen und ein Technikarchiv, das Filmkameras, Scheinwerfer, Schneidetische und sogar Geräte aus einem alten Kopierwerk umfasst… Alle Bereiche werden mit viel Liebe gehegt und gepflegt.

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„Die Mörder sind unter uns“ (1946) von Wolfgang Staudte ist aktuell bei „Selects“ kostenlos streambar (Credit: DEFA-Stiftung/Eugen Klagemann)

Hegen und pflegen ist ein gutes Stichwort. Denn hegen und pflegen kostet auch Geld. Die Fördermittel „Filmerbe“, die für eine Institution wie die Deutsche Kinemathek wichtig sind, wurden gekürzt. Was bedeutet das?

Heleen Gerritsen: Wir müssen – auch im Hinblick auf das neue Filmhaus – eine noch stärkere Akzeptanz schaffen und einen besseren Anschluss an die Filmbranche finden. Dort muss das Selbstverständnis wachsen, dass gerade das Filmerbe von morgen produziert wird. Außerdem muss ein verstärktes Augenmerk auf den Bereich Filmbildung gelegt werden, weil es uns allen darum gehen sollte, das potenzielle Publikum von morgen zu erreichen und zu begeistern. Bewegtbild ist überall. Die Frage ist, wie man das interpretiert. Unsere Förderung sollte eigentlich gemäß dem, was in unserer Satzung steht, ausreichen. Wir haben einen staatlichen Auftrag, der besagt, dass wir Filmerbe nicht nur aufbewahren, sondern auch sichtbar machen müssen. Da kommt die Digitalisierung ins Spiel und das von Ihnen angesprochene Förderprogramm „Filmerbe“ (FFE). Das wurde eigentlich für eine Zeitspanne von zehn Jahren angelegt. Jedes Jahr sollten zehn Mio. Euro zur Verfügung gestellt werden, vom Bund, der FFA (Filmförderungsanstalt) und den Ländern. Nachdem auf Bundesebene gekürzt wurde, sind die Länder nachgezogen. Das ist sehr ungünstig und hing vielleicht auch damit zusammen, dass dieses Filmerbe-Programm nicht immer gleich sichtbar war, gerade auf Landesebene. Fakt ist, es gibt immer weniger Kinos, die analog ausgestattet sind. Wenn wir nicht alles digitalisieren, bleiben Filme in unserem Archiv unsichtbar und unzugänglich. Und wir kommen unserem Auftrag nicht nach. Das ist ein Dilemma, mit dem wir kämpfen. Einige der Dienstleister, die für die Digitalisierungen verantwortlich sind, mussten tatsächlich schon Insolvenz anmelden, weil Aufträge weggebrochen sind. Gerade jetzt kommt es darauf an, gemeinsam mit Bund und Ländern die Zukunft des Filmerbes aktiv zu gestalten.

„Die Erfahrungen am Potsdamer Platz zeigen, wie wichtig eine langfristige, öffentlich gesicherte Perspektive für Kulturorte ist.“

Wo soll das neue Filmhaus seinen Platz bekommen in Berlin? Es war ein Grundstück beim Gropius-Bau im Gespräch…

Heleen Gerritsen: Das ist richtig. Da wurde von meinem Vorgänger Rainer Rother und von meinem Vorstandskollegen Florian Bolenius sehr viel Energie reingesteckt, es gab bereits Konzepte und Pläne, weil die ursprüngliche Idee war, alle Einrichtungen aus dem ursprünglichen Filmhaus am Potsdamer Platz dorthin umzuziehen, auch die dffb. Aber leider sind die Pläne damals gescheitert. Die dffb konnte nicht länger warten und hat ein eigenes Quartier gesucht. Mit der Berlinale sind wir noch im Gespräch … Viele Faktoren sind noch unsicher. Wir arbeiten gemeinsam mit allen relevanten Partnern an einer tragfähigen Lösung. Man braucht viel Vorlauf wegen Finanzierung, Baugenehmigung etc. Momentan gehen wir immer noch von dem Standort neben dem Gropiusbau aus – der Ort wäre auf alle Fälle zentral und gut. Die Erfahrungen am Potsdamer Platz zeigen, wie wichtig eine langfristige, öffentlich gesicherte Perspektive für Kulturorte ist.

Wie sieht der Austausch mit Kinematheken im europäischen Ausland bzw. global aus? 

Heleen Gerritsen: Auf der Arbeitsebene findet ein sehr reger Austausch statt. Gerade im Bereich Filmerbe, wenn es um Rekonstruierungen von Filmen geht. Es gibt auch internationale Verbände, wie die International Federation of Film Archives (FIAF), die u.a. einen jährlichen Kongress veranstalten. 2027 wird er in Berlin stattfinden und entsprechend werden wir aktiv an der Gestaltung mitwirken. Bei diesem Kongress versammeln sich Kolleg:innen aus der ganzen Welt. Außerdem gibt es auch Arbeitsgruppen, in denen bestimmte Themen erarbeitet werden. Die Archive, auch international betrachtet, werden immer besser in der Präsentation nach außen. Auch auf Filmmärkten werden sie immer sichtbarer.

Auf was freuen Sie sich jetzt am meisten, wenn Sie auf die Aufgaben ihres neuen Postens als Künstlerische Direktorin blicken?

Heleen Gerritsen: Ich freue mich enorm auf die erste Ausgabe von Film Restored – Das Filmerbe-Festival, die ich mitbetreuen darf. Es ist die insgesamt neunte Edition und sie läuft vom 23. bis 27. Oktober. Das Thema ist Action, und wir haben bereits fantastische Einreichungen bekommen. Außerdem auf die offizielle Eröffnung der Halle im E-Werk im Herbst. Den genauen Termin kann ich allerdings noch nicht verraten. Und dann natürlich auf die nächste Retrospektive der Berlinale, die wir kuratieren.

Zum Schluss eine schwierige Frage: Was ist Ihr Lieblingsklassiker aus dem Deutschen Filmerbe?

Heleen Gerritsen: Das ist eigentlich eine unmögliche Frage! Da gibt es so viel. Ich mag einerseits DEFA-Filme wie „Ich war neunzehn“ von Konrad Wolf, aber auch „Der Untertan“ oder „Die Mörder sind unter uns“ von Wolfgang Staudte. Ich schätze auch Ulrike Ottingers Werk aus den späten 70er Jahren und bin stolz, dass wir das in unserer Sammlung haben. Unlängst haben wir auch Fatih Akin zu uns geholt… Viele großartige Entdeckungen habe ich auch in unserem Streamingprogramm „Selects“ gemacht. Das ist kostenfrei auf unserer Seite zu finden. Alle drei Monate wechselt das kuratierte Programm.

Das Gespräch führte Barbara Schuster