Seit 7. Januar dreht Fabian Stumm seinen dritten Kinofilm. Nach den gefeierten „Knochen und Namen“ und „Sad Jokes“ entsteht nun der Episodenfilm „Die Ideen“. Wir waren neugierig und wollten mehr wissen. Und netterweise hat sich der Filmemacher kurz vor Drehstart die Zeit für ein Interview genommen.

Nach „Knochen und Namen“ und „Sad Jokes“ entsteht Ihr dritter Kinofilm, „Die Ideen“, in ähnlicher Konstellation: Sie sind Autor, Regisseur und einer der Darsteller, produzieren über Ihre Postofilm ohne klassische Filmförderung und arbeiten vor wie hinter der Kamera mit einer Gruppe befreundeter Kreativer. Unterschied: „Die Ideen“ ist ein Episodenfilm. War klar, dass Sie Film #3 wieder in kleinem Rahmen machen wollen?
Fabian Stumm: Unser Kreis aus Freund:innen hatte ganz einfach große Lust, warm zu bleiben. Ich bin eigentlich ständig am Schreiben und Skizzieren, am Ausprobieren szenischer Ideen und Geschichten. Ganz organisch hat sich daraus das Drehbuch zu „Die Ideen“ als episodisch erzählte Vignetten ergeben. Parallel dazu arbeite ich an zwei größeren Projekten, eines bei Komplizen Film und eines bei Trimafilm. Ich bin als Regisseur Quereinsteiger. Deshalb ist es spannend für mich, nun auch die klassischen Wege der Filmfinanzierung kennenzulernen, von den Anfängen über die Entwicklung hin zu den verschiedenen Förderstationen. Klassische Filmfinanzierung braucht natürlich Zeit. Das verstehe ich auch. Diese Zeit nutze ich nicht tatenlos, sondern arbeite weiterhin als Schauspieler und schreibe eben. Für mich hat sich das Schreiben in den letzten Jahren zu etwas entwickelt, was mir sehr viel Kraft und Fokus gibt.
Wie kam es zu der Form von „Die Ideen“?
Fabian Stumm: Ich bin großer Fan von literarischen Kurzgeschichten und hatte Lust, mich darin filmisch auszuprobieren. Es war früh klar, dass die anderen Projekte mehr Zeit zum Entwickeln brauchen werden, also haben wir im kleinen Team entschieden, zwischendurch „Die Ideen“ umzusetzen. Mit „kleinem Team“ meine ich Nicola Heim, Kaspar Panizza und Nele Schallenberg, enge Freund:innen, die zum Postofilm-Team gehören. Zusätzlich werden wir von der Produzentin Franziska Gärtner unterstützt. Wir dachten uns, ob wir nun in kleinem Rahmen Szenen ausprobieren oder daraus wieder einen Film bauen, macht eigentlich keinen Unterschied. So wie bei den beiden Vorgängern drehen wir also bewusst mit wenig Budget, knapper Drehzeit und kleinem Team, von dem die meisten zu unserem Freundeskreis gehören.
„Wir haben zwar wenig Budget, merken aber oft, dass die Begrenzung auch eine große Kreativität und einen spannenden Erfindungsreichtum freisetzt.“
Können Sie „knappe Drehzeit“ genauer definieren?
Fabian Stumm: Wir haben 14 Drehtage angesetzt, verteilt im Januar und Februar auf kleine Blöcke. Los ging es bereits am 7. Januar. Wir haben uns genau überlegt, wie man das Projekt so abwickeln kann, dass sich niemand übernimmt und wir in erster Line eine schöne Zeit zusammen haben. In dem Fall sind es alles Leute, die gerade zwischen Projekten Leerlauf haben oder sich ausprobieren wollen, sonst wäre das nicht möglich. Wir haben zwar wenig Budget, merken aber oft, dass die Begrenzung auch eine große Kreativität und einen spannenden Erfindungsreichtum freisetzt.
Neben Schauspieler:innen, die bereits bei „Knochen“ und „Sad Jokes“ dabei waren, tauchen auch neue Namen auf …
Fabian Stumm: Nach „Knochen“ und besonders „Sad Jokes“, der einen wirklich schönen Weg gemacht hat, haben mir viele Schauspielkolleg:innen suggeriert, dass sie Lust auf eine Zusammenarbeit haben, auch in kleinem Rahmen. Einige davon kannte ich noch nicht persönlich, habe sie aber schon lange bewundert, wie etwa Maren Eggert oder Angela Winkler, die beide nun bei „Die Ideen“ dabei sind. Das freut mich natürlich besonders.

„Die Ideen“ erzählt in sechs abgeschlossenen Episoden von unterschiedlichen Figuren und deren Beziehungsdynamiken. Waren erst die Geschichten da oder haben Sie die Geschichten auf die jeweiligen Schauspieler:innen geschrieben?
Fabian Stumm: Bei mir passiert es sehr schnell, dass Figurenideen und innere Bilder entstehen, wenn ich weiß, dass jemanden, deren oder dessen Arbeit ich schätze, für eine Zusammenarbeit offen wäre. Bei „Die Ideen“ war es so, dass ich die Spielenden zu 90 Prozent schon im Kopf hatte. Es gibt vielleicht drei, vier Rollen, die nachentwickelt wurden, aber auch mit Leuten, die ich sowieso auf meiner kleinen, inneren Liste hatte. Es war ein toller Moment, als ich dem Cast das Drehbuch schicken konnte, weil sie sich sofort wiedergefunden und verstanden haben, warum sie das spielen sollen und niemand anderes. Auch die Leseproben in der Vorbereitung waren toll, weil ich gemerkt habe, dass das Ensemble wie von allein einsteigt, ohne viel Anlauf. Das ist eine sehr schöne, pure Art zu arbeiten.
„Pro Episode gibt es zwei bis drei Drehtage. Es macht Spaß, so häppchenweise zu arbeiten.“
Auch hinter der Kamera sind Weggefährten an Ihrer Seite, allen voran Kameramann Michael Bennett. Können Sie bereits etwas über den Look von „Die Ideen“ verraten?
Fabian Stumm: Die Arbeit mit Michael ist mir sehr wichtig. Erstens ist er ein guter Freund und wir kennen uns schon viele Jahre, wodurch ein Grundvertrauen da ist. In den letzten Filmen haben wir eine schöne, eigene Bildsprache gefunden, was auch damit zu tun hat, dass Michael nicht nur als Kameramann arbeitet, sondern auch Fotograf ist. Er hat ein fantastisches Auge für Architektur, für Räume und wie man neue Blicke darauf findet. Die Vorarbeit bei „Die Ideen“ war sehr ähnlich wie bei „Knochen und Namen“ und „Sad Jokes“. Beim Schreiben zeichne ich bereits Storyboards. Die bauen wir weiter aus und gehen auf Motivtour – im Fall von „Die Ideen“ erstmals mit einem Beleuchter, Amnon Schmuckler. Pro Episode gibt es zwei bis drei Drehtage. Es macht Spaß, so häppchenweise zu arbeiten. Natürlich soll der Film eine durchgehende Bildsprache haben, trotzdem versuchen wir aber, je nach Temperatur und Gefühl der Episoden, die Gestaltung sehr dezent an die Erzählung und die Entwicklung der Figuren anzupassen. Wenn wir dann ans Set kommen, liegt der Fokus auf der Arbeit mit den Schauspieler:innen, weil wir die Einstellungen sehr klar geplant haben. Es passiert nie, dass wir am Set sind und dann erst überlegen, was die Kamera sehen wird.

Wo drehen Sie den Film?
Fabian Stumm: Wir drehen in Berlin. Ich wohne schon lange hier und mir war es wichtig, Orte zu finden, die mir nah sind, die ich gut kenne, die sich aber nicht sofort zuordnen lassen. Ich finde es erstrebenswert, eine Stadt so zu bebildern, dass sie allgemeingültig und universell wird. Es wird zwar wenig Wahrzeichen geben in „Die Ideen“, wenn man in Berlin lebt, erkennt man aber sicher die Atmosphäre sehr schnell wieder. Eine Episode wird in Neukölln angesiedelt sein, wir drehen in Kreuzberg und Mitte, eine andere in einem Theaterprobenraum, ein Museum ist dabei… Es sind relativ simple Drehorte, die sehr bewusst so gewählt wurden, damit die Erzählungen im Vordergrund stehen. Orte zu finden, die mit mir oder meinen Leuten um mich herum zu tun haben, ist für mich als Regisseur ein Weg, der Geschichte auch eine private und persönliche Note zu verleihen. Das finde ich wichtig.
„Knochen und Namen“ und „Sad Jokes“ hatten durchaus autofiktionale Elemente. Steht „Die Ideen“ auch in dieser Tradition?
Fabian Stumm: „Die Ideen“ ist diesbezüglich ein Neustart. Keine der Episoden hat etwas eindeutig Autobiografisches. Es sind wenn überhaupt Emotionen, Gedanken und kleine Anekdoten, die ich weiterentwickelt und ausgebaut habe. „Die Ideen“ ist also kein Film, in dem ich mein Leben verfilme. Das war bei „Knochen“ und „Sad Jokes“ ein bisschen die Herangehensweise, auch wenn sie nicht komplett autobiographisch waren. Aber allein dadurch, dass ich in „Knochen“ einen Schauspieler und in „Sad Jokes“ einen Regisseur gespielt habe, sind Teile meines Lebens eingeflossen. „Write what you know“ – daran habe ich mich gehalten. Das hat mir eine Art Sicherheit gegeben, da ich das Filmemachen nicht studiert habe. Bei „Die Ideen“ hatte ich Lust, in eine reine Fiktion einzusteigen.
„Es war es richtig, dass ich bei mir geblieben bin und mir nicht habe reinreden lassen.“
Was waren für Sie die wichtigsten Learnings als jemand, der von vor der Kamera den Beruf des Filmemachers als Quereinsteiger ergriffen hat?
Fabian Stumm: Als es losging mit den eigenen Filmen, habe ich nicht viel darüber nachgedacht. Ich bin manchmal selbst überrascht von dem Mut, den ich hatte. Es gab zwar von ein paar Produktionsfirmen Interesse an meinen Projekten, aber weil stets Einschneidungen damit verbunden gewesen wären, kam es nie zu einer Zusammenarbeit. Ich war da sehr stur und kompromisslos, weil ich wusste, was ich suche und dass ich es auf meine Art machen muss – auch wenn das am Ende bedeutete, es ohne Geld umzusetzen. Jetzt macht es mich glücklich, wenn ich zurückblicke und sehe, dass das aufgegangen ist. Ich bin eigentlich kein Typ, der durchs Leben ballert und behauptet zu wissen, wie alles funktioniert. Aber in diesem Fall, weil mir das Kino seit meiner Kindheit so wichtig ist und so viel bedeutet, war es richtig, dass ich bei mir geblieben bin und mir nicht habe reinreden lassen. Natürlich war auch das Vertrauen meines Teams essenziell, ohne das ich diesen Weg gar nicht hätte gehen können. Alles, was jetzt vor mir liegt, die nächsten Schritte und Filme, die in Entwicklung sind, basieren also auf den vergangenen Arbeiten, die gesehen wurden und bei neuen Partner:innen Vertrauen schafften.
Mit Blick auf die Entstehungsweise Ihrer bisherigen Filme: Spielt das Thema Selbstausbeutung eine Rolle?
Fabian Stumm: Das ist natürlich ein großes Thema. Ich verstehe, wie das manchmal rüberkommen kann. Aber für uns als Filmfamilie kann ich sagen: Wir genießen die Arbeit miteinander und glauben, dass man Kunst auch ohne große Mittel machen kann und Filme ihren Weg finden, auch wenn sie mit kleinem Budget entstehen. Das freie Arbeiten hat etwas selbstermächtigendes, und gleichzeitig sind wir alle parallel in andere Projekte involviert, so dass wir uns versorgen können. Es ist wie zwei Paar Schuhe. Es gibt die kleineren Filme, die Freundschaftsprojekte sind, und nun nach und nach auch konkrete größere Projekte, bei denen ich ganz bewusst entschieden habe, dass sie den Förderweg gehen müssen, damit man in dem Beruf eine Zukunft hat. Aber solange ich Ideen habe und die Energie untereinander da ist, will ich mich nicht einschränken und auf Erlaubnis warten, sondern kreativ bleiben.
Das Interview führte Barbara Schuster