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Die Filmreederei lässt Filme vom Stapel


Die renommierte Produktionsfirma Weydemann Bros., die sowohl für den deutschen als auch für den internationalen Markt produziert, öffnet am Standort Hamburg den Verleih Filmreederei. Wir haben bei Jonas & Jakob Weydemann und Jennifer Mueller von der Haegen nachgefragt.

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Jonas Weydemann, Jennifer Mueller von der Haegen, Jakob Weydemann (Credits: Peter Hartwig, Weydemann Bros.)

Weydemann Bros. geht mit einem eigenen Verleih an den Start. Wie kam es dazu?

Jonas Weydemann: Die Überlegung tragen wir schon lange mit uns herum – einfach aus der Produzent:innen-Idee unserer Filme heraus. Was nicht heißt, dass uns die Arbeit der Partner:innen, mit denen wir in den letzten Jahren viele unserer Filme herausgebracht haben – und sehr gerne weiterhin herausbringen werden –, nicht gefallen hat. In den letzten fünf Jahren haben wir aber auch immer wieder die Erfahrung gemacht, dass bestimmte Filme große Herausforderungen haben, ins Line-up von guten Verleihern zu kommen, obwohl wir bei ihnen durchaus Zuschauerpotenzial gesehen haben. Der Eigenverleih unserer Produktionen „Ivie wie Ivie“ von Sarah Blaßkiewitz und „Tiger Stripes“ von Amanda Nell Eu waren ein wichtiger Erfahrungsschatz, den wir schließlich mitnahmen in unsere finale Entscheidung, unsere eigene Verleihtätigkeit zu professionalisieren.

Jennifer Mueller von der Haegen: Für beide Filme haben wir damals wohlgemerkt keinen Verleih gefunden. Dass sich in den vergangenen fünf Jahren viel verändert hat im Marktumfeld, koinzidiert mit Corona. Der Verleihmarkt ist noch mal schwieriger geworden, vor allem für Debütfilme, die nicht das große Massenpublikum ansprechen. Deutsche und internationale Talentfilme zu produzieren gehört aber zu unserer DNA als Produktionsfirma. Obwohl auch wir gewachsen sind, wollen wir das unbedingt beibehalten.

Weydemann Bros. steht auch dafür, Talente aufzubauen. So etwas geht ja nur über Debütfilme…

Jakob Weydemann: Genau. So wie wir gewachsen sind, sind mit uns auch Filmemacher:innen gewachsen, mit denen wir mittlerweile den dritten oder vierten Film machen. Wie Jenny sagte, wollen wir trotzdem auch weiterhin ausgewählte Debüts und Talentfilme produzieren, die dann aber auch die bestmögliche Bühne in der Auswertung erhalten sollen. Der Selbstverleih bei „Ivie wie Ivie“ und „Tiger Stripes“ war aus der Not geboren, unsere Erfahrungen waren aber durch die Bank positiv. Es war ein emotionaler Erfolg mit den Kreativen auf der Kinotour, bei Gesprächen mit Publikum und Kinobetreiber:innen, aber auch finanziell, auf monetärer Ebene hat es für uns funktioniert. „Ivie wie Ivie“ gewann sogar den Gilde-Filmpreis (Junges Kino) auf der Filmkunstmesse Leipzig 2021. Wir haben den Filmen die bestmögliche Plattform geboten, ohne eine große Maschine angeworfen zu haben, haben die Kinoauswertung fokussiert, mit der ganzen Erfahrung aus den Jahren der Produktion. Durch einen solchen Erfolg schaffen die Filmemacher:innen ihren Weg in die Industrie. Sarah Blaßkiewitz, deren erster Langfilm „Ivie wie Ivie“ war, hat zum Beispiel danach u.a. für Disney gearbeitet und die Serie „Sam – Ein Sachse“ gedreht.

Jonas Weydemann: „Tiger Stripes“ war Oscarkandidat für Malaysia und Amanda Nell Eu entwickelt aktuell ein großes internationales Projekt. Wir haben als Produzent:innen natürlich eine große emotionale Verbindung zu den Filmen und den Macher:innen. Genau darin sehen wir aber auch eine Verpflichtung, sie bestmöglich den Kinobetreiber:innen an die Hand zu geben, mit der nötigen Energie, den nötigen Informationen und dabei immer eine Flexibilität zu wahren, damit die Filme an den Kinokassen erfolgreich sein können.

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„Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ startet am 4.12. im Verleih der Filmreederei in den deutschen Kinos (Credit: Weydemann Bros.)

Und die Verleihtätigkeit soll nun mit „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ profes­sionell an den Start gebracht werden?

Jennifer Mueller von der Haegen: Wir wollen dem Verleih dieser Produktionen jetzt eine eigene professionelle Heimat geben. Dafür haben wir ein kleines, effektives Team aufgebaut. Es gibt also direkte Ansprechpartner:innen. Wir arbeiten hierbei auch mit externen Profis zusammen, um den Kinobetreiber:innen alles zu bieten, damit sie das perfekte Ergebnis für sich und den Film herausholen können.

„Der Fokus der Filmreederei liegt auf dem Talentfilm, der es schwer hat im Markt.“

Jakob Weydemann

Wie wird der Verleih heißen, wo wird er angesiedelt sein? Wie ist das Team aufgestellt?

Jakob Weydemann: Der Verleih wird Filmreederei heißen. Endlich finden wir für diesen Namen eine eigene Heimat. Lustigerweise hatten Jonas und ich die Domain schon registriert, als wir noch im Studium waren, bevor wir überhaupt Weydemann Bros. gegründet hatten. Als gebürtige Hamburger ist uns damals diese Namens-Idee gekommen, zu der wir eine emotionale Verbindung haben. Für uns steht der Name dafür, Filme „vom Stapel zu lassen“, auf ihrer Reise zum Publikum. Bis wir eine Bestimmung für den Namen gefunden haben, hat es ein Weilchen gedauert. Der Hauptsitz des Verleihs wird Hamburg sein.

Jennifer Mueller von der Haegen: Hamburg schlägt den Bogen zu mir, da ich im Hamburger Büro der Weydemann Bros. seit etwa fünf Jahren arbeite und nun mit Jonas zusammen die Geschäftsführung der Filmreederei übernehmen werde. Die Zusammenarbeit auf Produktionsseite geht natürlich auch weiter für mich.

Jonas Weydemann: Wir sind ein kleines Team. Bei unseren Produktionen arbeiten wir generell nicht getrennt voneinander, sondern immer gemeinsam, in allen Stadien. So wird das auch auf Verleihseite sein. Nur dass hier unser Team mit einer Handvoll von Freelancer-Profis aus dem Verleihbereich zusammenarbeitet, damit jeder Bereich mit großer Expertise abgedeckt und besetzt ist.

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Aus Chile für den Oscar eingereicht: „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos” (Credit: Quijote Films)

Wer sind die Freelancer, die für Sie arbeiten? Bezieht sich das auf die Bereiche Booking & Billing und Marketing?

Jonas Weydemann: Beim Booking & Billing arbeiten wir mit Jürgen Pohl zusammen. Er hat viele Jahre bei Salzgeber gearbeitet, ist quasi ein Veteran der Branche. Wir hatten ganz wunderbare Planungsgespräche, aus denen wir schon viel lernen konnten für die Herausbringung des ersten Films. Das Marketing wird Florian Schönleber leiten, der sehr viel Erfahrung mitbringt und das Geschäft bestens kennt. In der Pressearbeit arbeiten wir außerdem mit Kristian Müller und Kathrin Steinbrenner zusammen, die uns auch produktionsseitig seit langem betreuen.

„Der Kinostart von ,Der geheimnisvolle Blick des Flamingos‘ fügt sich wunderbar in den bisherigen Festivallauf.“

Jonas Weydemann

Es geht darum, bereits bei der Produktion eines Films dessen Auswertung mitzudenken?

Jakob Weydemann: Unsere Strategie ist, dass immer diejenigen, die bei uns ein Projekt federführend über die Produktion betreut haben, auch den Schritt bis in die Auswertung mitgehen – wenn es denn ein Projekt ist, das wir selbst herausbringen wollen. Über die Filmreederei wollen wir ja gar nicht alle unsere Projekte selber verleihen. Der Fokus liegt auf dem Talentfilm, der es schwer hat im Markt, für den es schwer ist, Verleiher zu finden, den wir aber auch nicht einfach beiseiteschieben wollen, weil wir mit den zwei genannten Beispielen so gute Erfahrungen gemacht haben.

Jennifer Mueller von der Haegen: Es macht auch besonderen Spaß, das Ganze weiter zu verfolgen. Man packt ja bereits in der Herstellung solcher Filme, die kleine Budgets haben, Herausforderungen an, dann kann man die auch in der Weiterführung in Richtung Kinoauswertung begleiten, wenn man nicht die richtigen externen Verleihpartner findet. Das ist nur ein logischer Gedanke.

Wann soll „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ Kinostart haben und was ist geplant?

Jonas Weydemann: Der Kinostart fügt sich wunderbar in den bisherigen Festivallauf. Weltpremiere feierte der Film von Diego Céspedes im Un Certain Regard in Cannes, wo er viel Aufmerksamkeit bekommen hat und schließlich auch mit dem Hauptpreis der Sektion ausgezeichnet wurde. Seitdem hat er eine sehr starke internationale Festivaltour erlebt, zahlreiche weitere Preise gewonnen und ist jetzt sogar die Oscareinreichung von Chile. Seine Deutschlandpremiere feiert er nun beim Filmfest Hamburg, worüber wir sehr glücklich sind. Offizieller Kinostart ist dann am 4. Dezember, wobei es bis dahin noch viele weitere Festivalpräsentationen in allen Teilen Deutschlands geben wird. Den 4. Dezember haben wir ganz bewusst gewählt, da der 1. Dezember Welt-Aids-Tag ist. Das ist ein wichtiger Aufhänger für den Film, weil Aids Thema des Films ist, gleichwohl Diego es nicht als tristes Drama aufgreift. Der Film sprüht vor Energie, einer eigenen Handschrift, bringt viel Spaß und bedient sich dabei verschiedener Genres. Dennoch ist Aids das Thema. Und rund um den Welt-Aids-Tag sehen wir deutschlandweit die Möglichkeit für tolle Kooperationen mit Verbänden und Stiftungen.

Jakob Weydemann: In der thematischen Anbindung mit dem Welt-Aids-Tag und einer vorgelagerten konzentrierten Festivaltour sehen wir die Chance, über das klassische Kinopublikum hinauszugehen und auch andere Menschen zu erreichen, die vielleicht keine regelmäßigen Kinogänger sind. Bei „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ ist uns die Flexibilität und Event-Programmierung wichtig. Es soll kein starrer Kinostart sein – das darf auch für andere Projekte gelten, die wir verleihen werden. Die Kinobetreiber:innen wissen am besten, wie und wann sie ihr Publikum erreichen. Das wollen wir unterstützen.

Auch Ana-Felicia Scutelnicus „Transit Times“ wird über die Filmreederei ausgewertet.

Stichwort Talentfilm: Aus Ihrer Sicht als erfahrene Produzent:innen: Wurden mit der Förder­reform alle Stellschrauben richtig angezogen?

Jakob Weydemann: Der Talentfilm wurde in Deutschland eigentlich lange gut unterstützt. Es ist einfach schwieriger geworden, verleihseitig, förderseitig, senderseitig, auch durch die allgemeinen starken Kostensteigerungen. Wenn die lange in der Mache weilende Filmförderreform endlich vollendet wird, sind wir hoffnungsvoll, dass es, was die staatliche Unterstützung durch das Kuratorium junger deutscher Film angeht, auch für den Talentfilm wieder eine Verbesserung gibt. Das Kuratorium soll ja deutlich über das frühere Maß hinaus aufgestockt werden. Das wäre ein Game Changer für den deutschen Talentfilm. Bei den Sendern sind die Etats leider in den letzten Jahren eher weniger geworden und nicht mit den Kostensteigerungen gestiegen. Auch wenn in den Redaktionen, die sich um Debütfilme kümmern, die engagiertesten und tollsten Unterstützer:innen sitzen. Was uns allerdings in den Gesprächen auffällt, ist, dass ein Film mit einer Kinoherausbringung gerade für die Mediatheken sehr interessant geworden ist, weil es doch mit dieser Veredelung einhergeht. Ein Kinofilm ist kein Fernsehfilm.

Jonas Weydemann: Um den Bogen zum Verleihbereich zurückzuschlagen: Ein Talentfilm hat nicht die ganz großen Mittel, muss ohne große Marketingkampagne auskommen. Genau deshalb ist Flexibilität wichtig, um die passende Nische zu finden, die man bestenfalls aus der langen Produktionszeit heraus schon gefunden hat, weil man ahnt, wer das Publikum dafür ist. Die Filme müssen ja nicht alle wahnsinnig viele Tickets verkaufen. Beim Talentfilm geht es auch um den angesprochenen Aufbau neuer Stimmen und ist auch dann ein großer Erfolg, wenn er 20.000 oder 25.000 Besuche macht und auf Festivals ausgezeichnet wurde. Aber diese Aufmerksamkeit muss er bekommen. Das wollen wir mit dem Verleih nun noch besser unterstützen.

Gibt es abseits von „Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ schon ein anderes Projekt, das Sie über die Filmreederei auswerten wollen?

Jennifer Mueller von der Haegen: Das gibt es. Unter anderem Ana-Felicia Scutelnicus „Transit Times“, eine deutsch-rumänisch-moldawische Koproduktion, mit Cristian Mungiu als Rumänischer Partner. Ana-Felicias letzter Film, „Anishoara“, hatte 2016 in München und San Sebastián Premiere und wurde im weiteren Verlauf vielfach ausgezeichnet. Ihren neuen Film haben wir mit viel Aufmerksamkeit entwickeln können, u.a. mit der Script Station bei Berlinale Talents, wo wir den Kompagnon-Förderpreis gewinnen konnten. Der Film ist noch in der Fertigstellung. Dementsprechend haben wir für ihn noch kein Startdatum. Die zeitliche Logik wird sich aus hoffentlich starken Festivalauftritten vorab ergeben.

Das Gespräch führte Barbara Schuster