SamFilm steht seit fast einem Vierteljahrhundert primär für besonderes Family-Entertainment. Morgen startet im Verleih von Constantin Film der jüngste Film der Münchner Produktionsfirma, „Ein Mädchen namens Willow“ von Mike Marzuk. Schöner Film. Natürlich haben wir nachgefragt bei Ewa Karlström, Andreas Ulmke-Smeaton und Bernd Schiller.

Auch „Ein Mädchen namens Willow“ ist wieder ein Film in diesem Genre. Was macht ihn besonders, was macht ihn anders?
Ewa Karlström: Wir haben es uns erlaubt, Zeit zu nehmen bei der Erzählung, entgegen aller Trends, schnell zu erzählen, schnell zu etablieren. Wir führen behutsam in die Welt ein, lassen den Film eine Entdeckungsreise sein. Wie im Buch von Sabine Bohlmann sagt Willow auch in unserem Film gleich zuallererst: „Was soll ich denn mit einem Wald?“ Es ist eine Frage, aber natürlich auch ein Versprechen, dass wir genau das zeigen werden. Und wir machen es sorgfältig, fast leise, neugierig und nicht überstürzt, damit das Publikum genauso empfinden kann wie Willow, wenn sie schließlich freudestrahlend und mit ausgebreiteten Armen durch ihren Wald läuft. Wir wollten die Schönheit und die Magie des Waldes zur Wirkung bringen, ihn Stück für Stück entdecken, bis der Wald für Willow ihr ein und alles geworden ist.
Andreas Ulmke-Smeaton: Es ist unser erster Film, in dem nicht der Plot im Mittelpunkt steht. Man wird langsam hineingezogen in die Geschichte. Wir vertrauen den Bildern und setzen darauf, dass der Wald genau jenen Zauber beim Publikum entfaltet, dass man sich der Erzählung nicht entziehen kann.
Bernd Schiller: Immer wieder gibt es in dem Film Strecken, in denen so gut wie nicht gesprochen wird, in denen wir einfach nur ein Mädchen in dem Wald zeigen. Das ist höchst ungewöhnlich für einen Familienfilm, der ein breites Publikum anspricht. Da mussten wir einen gewissen Mut aufbringen, uns darauf einzulassen, auf die Wirkung der Bilder zu vertrauen. Wenn man ein Drehbuch liest, ist man gewohnt, der Handlung durch die Dialoge zu folgen. Das war hier ganz anders. Unser Regisseur Mike Marzuk hat diesen besonderen Zauber aber gleich erkannt, hat gespürt, dass hier die Chance ist, einen besonderen Film zu machen, in dem nicht nur unsere Heldin eine Hauptrolle spielt, sondern auch der Wald zu einer weiteren Hauptfigur wird.

Woher kam diese Idee?
Ewa Karlström: Man muss nur das Buch von Sabine Bohlman lesen. Da ist sehr viel schon angelegt von dem, was wir zunächst im Drehbuch von Gesa Scheibner und dann auch beim Dreh und im Film umgesetzt haben. Sabine hat ein ungemeines Talent und Gespür für sehr liebevolle Beschreibungen, einen damit zu verzaubern. Da legt sie viel Wert darauf. Mike war das bei der Umsetzung des Films ebenso ein Anliegen, wollte genau diese Qualität behalten, eine filmische Entsprechung finden. Man sieht das auch im Spiel von Ava Petsch und Golo Euler als Willow und ihr Vater: Ihr Umgang miteinander ist ganz selbstverständlich, fast spielerisch, geprägt von einer großen Liebe und Vertrauen zueinander, die sie nach dem Tod von Willows Mutter füreinander verspüren. Das hat eine einzigartige Note und macht sehr stark den ganzen Film aus. In allen Stadien der Entwicklung und Umsetzung war es uns ein Anliegen, dieses besondere Herz herauszuarbeiten.
Andreas Ulmke-Smeaton: Dass wir für diese Rollen Ava und Golo gewinnen konnten, war ein absoluter Glücksgriff. Ihre Chemie hat man schon am Set gespürt. Man kann sich so etwas wünschen als Produzent und in so vielen Notizen und Memos festhalten, wie man will, aber wenn es dann wirklich klappt und aufgeht und auf der Leinwand so rüberkommt, ist es ein Glücksfall.
„In allen Stadien der Entwicklung und Umsetzung war es uns ein Anliegen, dieses besondere Herz des Stoffs herauszuarbeiten.“
Ewa Karlström
Bernd Schiller: Sabine Bohlmann schreibt für ihr Zielpublikum vergleichsweise lange Bücher. Das ist unüblich, weil sich junge Leser:innen davon oftmals abgeschreckt fühlen. In den meisten Kinderbüchern ist es dann auch so, dass sie sich von einem Handlungspunkt zum nächsten bewegen, ohne der Welt, in der dieser Plot spielt, große Beachtung zu schenken: Was ist der Weg zum Schatz, wie lässt sich der Bösewicht überlisten? Die Länge der Romane von Sabine lässt sich nicht darauf zurückführen, dass so viel mehr Plot darin wäre, sondern weil sie in ihren Beschreibungen der Welten, in denen ihre Geschichten spielen, unheimlich akribisch ist. Alles ist genauestens recherchiert und auf eine sehr liebevolle Weise wiedergegeben. Das macht ihre Arbeiten so besonders und hilft dabei, eine emotionale Welt zu etablieren, die einen richtig eintauchen und Anteil haben lässt.
Warum haben Sie sich für Gesa Scheibner als Drehbuchautorin entschieden?
Ewa Karlström: Gesa ist eine vertraute Mitstreiterin, eine wirklich tolle Autorin. Sie ist ein gutes Stück jünger als wir, ist selbst mit Filmen wie „Die wilden Hühner“ aufgewachsen, die sie geliebt hat. Sie kann sich erinnern, wie wichtig es ihr damals war, dass die Filme nicht zu sehr von den Büchern abweichen, die sie kannte und mochte. Deshalb ist es ihr als Autorin ein Anliegen, dass die Filme nahe an der Buchvorlage bleiben. Sie hatte bei ihrer Arbeit viel Kontakt mit Sabine Bohlmann, hat sich ständig mit ihr ausgetauscht und abgesprochen. Gesa hat sehr behutsam gearbeitet. Was nicht heißt, dass es nicht doch Abweichungen gibt. Das betrifft die Gegenspieler, die im Buch erst sehr spät auftauchen, im Film aber schon früh als Bösewichte eingeführt werden. Das ist einer stimmigen Dramaturgie geschuldet.

Bernd Schiller: Die auffälligste Änderung ist sicherlich, dass das Zauberbuch im Roman wirklich einfach nur ein Buch ist, das seine Antworten schreibt und nicht spricht. Wir haben mit Mike lange überlegt, einen filmischeren Weg zu finden, wie man das Buch zu leben erweckt. Es gab verschiedene Modelle. Schließlich haben wir uns auch der Umsetzbarkeit halber dafür entschieden, das Buch von einem Schauspieler spielen zu lassen.
Ewa Karlström: Mike hatte mit Max Giermann bei seinem vorangegangenen Film, „Die Chaosschwestern und Pinguin Paul“, sehr gut zusammengearbeitet und hat ihn einfach gefragt, ob er Lust auf „Ein Mädchen namens Willow“ hätte. Er hat sofort zugesagt. Wir sind wahnsinnig glücklich darüber, weil es einfach sehr gut funktioniert und dem Film eine große Portion Spaß dazugibt. Wir bauen darauf, dass das auch Fans der Vorlage gefallen wird, weil die Geschichte noch einmal viel interessanter wird, wenn man eine Figur hat anstatt eines Buchs.
Andreas Ulmke-Smeaton: Es gab noch einen anderen Grund, warum Gesa Scheibner die Goldrichtige für das Drehbuch war: Sie liebt Hexen. Deshalb war sie sofort Feuer und Flamme, als wir ihr das Projekt vorschlugen. Es hat einfach perfekt gepasst.
„Wir halten eine Green Production für eine gute und unterstützenswerte Sache, aber es stellt uns Produzenten auch vor eine große Aufgabe, einen merklichen Mehraufwand.“
Andreas Ulmke-Smeaton
Eine weitere wichtige visuelle Komponente ist die alte Eiche, die von Willow „Waldtraut“ getauft wird.
Bernd Schiller: Im Roman ist dieser Baum eine Fichte. Das fanden wir für eine filmische Umsetzung nicht so spannend. Wenn man sich einen solchen Lebensbaum in einem deutschen Wald vorstellt, denkt man automatisch an eine Eiche. Tatsächlich haben wir zunächst nach realen Eichen gesucht, um diese Szenen drehen zu können. Wir haben auch schöne Exemplare gefunden, standen dann aber vor dem Problem, dass wir wussten, dass diese Eiche im Verlauf der Handlung gefällt werden müsste. Das kam natürlich nicht in Frage. Also suchten wir eine andere Herangehensweise und haben den Stumpf des Baums schließlich gebaut und den Baum darüber mit VFX hergestellt. Wir sind sehr zufrieden, aber es war ein langer Weg, bis wir so weit waren. Es war ein sehr aufwändiger Bau, für den wir keinen Schaumstoff oder Styropor verwenden durften, weil wir nach den Vorgaben einer Green-Production gearbeitet haben.
Sie haben dieses Siegel auch erhalten. Macht es eine Produktion spürbar aufwändiger, wenn man nach diesen Maßgaben arbeitet?
Andreas Ulmke-Smeaton: Es ist eine große Herausforderung. Bei uns kam erschwerend hinzu, dass wir bei „Ein Mädchen namens Willen“ aufgrund der Produktionsstruktur doppelt geprüft wurden, von deutscher und von österreichischer Seite. Es gibt einen ausführlichen Kriterienkatalog, den man erfüllen muss. Wir halten das für eine gute und unterstützenswerte Sache, aber es stellt uns Produzenten auch vor eine große Aufgabe, einen merklichen Mehraufwand. Einfach ist es nicht, all die Maßgaben zu erfüllen. Bisweilen mussten wir uns gehörig strecken, einzelne Leute haben ausschließlich an dieser Umsetzung gearbeitet. Aber: Wir haben es geschafft. Darauf sind wir stolz.

Mehraufwand ist in Zeiten wie diesen nicht unbedingt das, was Produzenten dringend brauchen. Frau Karlström, so haben gemeinsam mit weiteren Kolleginnen Alarm geschlagen, dass der Fortbestand des Familienfilms in Deutschland auf wackeligen Beinen steht – was angesichts der Tatsache, dass es kein zuverlässigeres und erfolgreicheres Genre in Deutschland gibt, paradox erscheint. Hat sich die Situation verbessert?
Ewa Karlström: Es ist nach wie vor so, dass die Fernsehsender für Kinder- und Familienfilme ungern hohe Beteiligungen zahlen. Sie machen das nicht, weil sie unwillig sind, sondern weil Familienfilme kaum in ihr Auswertungsschema passen. Wir bleiben aber bei unserer Forderung nach dieser Beteiligung. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben einen Auftrag, dass sie Familienfilme gleichberechtigt behandeln sollten, vielleicht sogar mehr unterstützen, weil es teurer und zeitaufwändiger ist, mit Kindern zu drehen. Das sollte berücksichtigt werden. „Ein Mädchen namens Willow“ konnten wir drehen, weil wir nach Österreich gegangen sind und von ÖFI+ profitieren konnten. Als wir für Servus TV die Pferdeserie „Gestüt Hochstetten“, die in Österreich „Trakehnerblut“ hieß, gedreht haben, hatten wir eigens eine Produktionsfirma in Österreich gegründet, die wir nie geschlossen und jetzt für „Willow“ mit einem Büro in Wien wiederbelebt haben. Sonst wäre es uns nicht möglich gewesen, den Film so schnell auf die Beine zu stellen und zu finanzieren. Wir sind sehr glücklich darüber, weil das Buch jetzt in aller Munde ist und das Timing aus unserer Sicht perfekt ist.
Andreas Ulmke-Smeaton: Es ist absurd, dass der Familienfilm so stiefmütterlich behandelt wird. Es ist aus Deutschland heraus und in Deutschland das erfolgreichste und langlebigste Genre. Die Kinoauswertung ist länger und nachhaltiger als bei anderen Genres, auch im Home-Entertainment erzielt Family-Entertainment bessere Resultate. Und wenn wir uns unsere Katalogtitel ansehen, stellen wir eine ungebrochene Nachfrage nach unseren Marken fest. „Fünf Freunde“, „Die wilden Kerle“ oder „Ostwind“ werden unverändert gerne gebucht. Sie sind zeitlos. Im Kino wird es aber immer schwieriger, sie zu finanzieren. Wenn wir nicht Constantin Film im Rücken gehabt hätten, die einen entsprechenden TV-Deal haben, wäre es eng geworden für uns. Es trifft nicht nur für Family-Entertainment aus Deutschland zu. Ein Blick auf die Kinocharts und man sieht, wer dafür sorgt, dass die Kinos voll sind. Die amerikanische Konkurrenz macht die Sache nicht einfacher für uns, weil dort mit ganz anderen Budgets gehhandhabt wird, wir aber trotzdem in den Wettstreit mit diesen Titeln treten müssen.
„Im Fall von ,Ein Mädchen namens Willow’ ist es toll, dass wir eine Marke anbieten können, die bei Eltern wie auch Kindern Anklang findet.“
Bernd Schiller
Mit einem Blick auf fast 25 Jahre Erfahrung im Familienfilm, wie sehen Sie SamFilm aufgestellt?
Andreas Ulmke-Smeaton: Es geht immer um Themen. Tatsächlich haben die sich gar nicht einmal besonders geändert. Was das Publikum in diesem Alter anspricht, sind unverändert Geschichten, die von Zusammenhalt und Freundschaft erzählen, in denen es darum geht, zu sich zu finden, sich zu behaupten, zu sich zu stehen. Das beschäftigt Kinder und Jugendliche, da finden sie sich wieder. Da schließt sich schließlich noch das Auserwählt-Sein an. Siehe „Ostwind“, siehe „Ein Mädchen namens Willow“. Ein immer wichtigeres Element ist die Musik. Erstmals haben wir das gemerkt bei „Die wilden Kerle“. Und besonders ist das bei Themen wie „Bibi & Tina“ oder jetzt „Die Schule der magischen Tiere“, wo einzelne Songs die gesamte Marke versinnbildlichen und die Musik einen wesentlichen Stellenwert hat.
Ewa Karlström: Zugehörigkeit und Zusammenhalt sind weitere dieser immer ewig jungen Themen. Das haben wir bei „Die wilden Kerle“ erstmals gemerkt, es zieht sich wie ein roter Faden durch eigentlich alle unsere Familienfilme. Bei „Ein Mädchen namens Willow“ ist das abermals wichtig, diese eingeschworene Gemeinschaft von Mädchen, die lernen müssen, sich aufeinander zu verlassen.

Bernd Schiller: Der Markt wird immer umkämpfter. Wir sind längst nicht mehr die Einzigen, die ihn bedienen, waren es im Grunde ja auch nie. Aber wir sehen schon, dass es eine zunehmende Konzentration auf wenige Spitzentitel gibt, die dann den Markt dominieren. Das macht bei den Kinder- und Familienfilmen zunehmend zum Zwang, dass es eine vertrauensbildende Maßnahme gibt, auf die man zurückgreift. Die Leute geben ungern Geld aus für Dinge, die sie nicht kennen. Im Fall von „Ein Mädchen namens Willow“ ist es toll, dass wir eine Marke anbieten können, die bei Eltern wie auch Kindern Anklang findet. Wenn man keine bestehende Marke hat, hat man einen schweren Stand. Ob es so etwas wie „Ostwind“ vor zwölf Jahren noch einmal geben kann, wage ich zu bezweifeln.
Ewa Karlström: Bei „Wow! Nachricht aus dem All“ mussten wir die schmerzliche Erfahrung machen, dass man mit einem originären Stoff schnell an Grenzen steht. Wir hatten die Hoffnung, dass das Thema Weltraum faszinierend genug sein würde, wenn man eine tolle Geschichte mit und für Kinder damit verbindet. Vielleicht war der Titel auch nicht optimal gewählt, aber ich denke, es war ein schöner, liebevoll gemachter Film, der ein größeres Publikum verdient gehabt hätte. Bei „Ein Mädchen namens Willow“ ist die Ausgangssituation jetzt wieder deutlich besser.
Bernd Schiller: SamFilm hat einen überschaubaren Output. Wenn wir uns für einen Stoff committen, dann machen wir das 125-prozentig. Dann geben wir uns in allen Stufen und unter allen Aspekten Mühe, den bestmöglichen Film zu machen und dass er bestmöglich ausgewertet wird. Das mag man als Mikro-Management empfinden, aber es ist einfach die Art und Weise, wie wir Filme machen. Und wie wir Filme machen wollen. Dafür wollen wir stehen. Jeder Film ist bei uns etwas Besonderes. Meine Hoffnung ist, dass wir das auch künftig so machen können. Es wird nicht einfacher, aber ich denke, ich spreche für Ewa und Andi, wenn ich sage, dass wir zuversichtlich sind. Unsere Freude am Filmemachen ist ungebrochen.
Das Gespräch führte Thomas Schultze.