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Dominik Kamalzadeh & Claudia Slanar: „Wir setzen in Zeiten großer Veränderungen auf Beständigkeit“


Dominik Kamalzadeh und Claudia Slanar, die seit 2024 die Diagonale leiten, sprechen im Interview über ihre Erfahrungen vom letzten Jahr, an welchen Stellschrauben gedreht wurde und welche Akzente sie im diesjährigen Programm gesetzt haben. Die 28. Diagonale startet am 27. März. Am 13. März war Programmpräsentation in Graz, am 14. März in Wien.

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Dominik Kamalzadeh & Claudia Slanar (Credit: Clara Wildberger)

Beginnen wir mit einer Rückschau: Was haben Sie bei Ihrer ersten Diagonale gelernt, wie ist es gelaufen?

Claudia Slanar: Sowohl zur Filmauswahl, zur Programmierung als auch zu den Rahmenveranstaltungen haben wir sehr positive Rückmeldungen bekommen, an Pressestimmen, aber auch von Menschen, die schon lange zur Diagonale kommen. 

Dominik Kamalzadeh: Es war schön zu erleben, dass die Neuerungen, die wir durchgeführt haben – die Location des Heimatsaals, die Special Presentations, die Verschiebungen durch den neuen Festivalstart – sehr gut angenommen worden sind. Wir wurden von einer kleinen Welle der Euphorie getragen. Zugleich ist man mit der eigenen Arbeit am allerkritischsten, und findet heraus, dass man an diversen Rädchen noch schrauben kann.

Welche Rädchen sind das?

Dominik Kamalzadeh: Wir müssen noch ökonomischer arbeiten. Das ist auch eine Reaktion auf die Erfordernisse der Zeit. Außerdem gab es ein paar Problemzonen, was den Ticketverkauf anbelangt. Das ist der neuen Festivaldramaturgie geschuldet, die sich erst etablieren muss. Das Startwochenende war toll, mit dem Wochenanfang hatten wir ein paar Schwierigkeiten. Da werden wir einige Aspekte leicht verändern, sprich Slots verschieben, das ein oder andere in der Programmierung anpassen. Insgesamt bleiben wir unserem Konzept aber treu und setzen in Zeiten großer Veränderungen auf Beständigkeit.

„Die finanzielle Seite ist durch die lange Regierungsfindung in Österreich nicht einfacher geworden.“

Dominik Kamalzadeh

Ist die Ankündigung, ökonomischer zu arbeiten, bedingt durch eine Budgetkürzung?

Dominik Kamalzadeh: Die finanzielle Seite ist durch die lange Regierungsfindung in Österreich nicht einfacher geworden. Es gibt Mehrjahresverträge, die teilweise aktualisiert werden mussten. Insgesamt sind wir damit konfrontiert, dass unsere Einnahmen eher stagnieren oder sinken statt zu wachsen. Auch der Privatsektor ist momentan zurückhaltend. Das ist eine Situation, die in Österreich nicht anders ist als in Deutschland. In Berlin gab es krasse Einschnitte. Die stehen auch in Graz und der Steiermark an. Insgesamt ist dies eine unsichere Gemengelage. Dieses Jahr ist unsere Reaktion darauf, dass wir das Herzstück, das Filmprogramm, sichern, dafür an Rahmenveranstaltungen einsparen oder die Preisverleihung verlegen. Wir haben dieses Jahr ein kleineres, konzentrierteres Abendprogramm und werden die Programme insgesamt fokussierter anlegen, auch, was die Anzahl der Filme anbelangt.

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Eröffnungsfilm: „How to Be Normal and the Oddness of the Other World“ von Florian Pochlatko (Credit: Golden Girls Film)

Sie sind mit zwei Vorsätzen angetreten: Die Diagonale international zu öffnen, eine stärkere Internationalisierung hervorzurufen; andererseits über den Festivalzeitraum hinaus in der Region stärkere Sichtbarkeit zu erlangen. Ist das bereits geglückt?

Claudia Slanar: Was die unterjährige Sichtbarkeit anbelangt, haben wir 2024 einige Programme in Kooperation gestartet. Etwa mit den Diesel-Kinos, einer privat geführten Kinokette, die entsprechend filmaffines Klientel hat. Dort haben wir einige Premieren gefeiert und zu Gesprächen mit Filmemacher:innen geladen. In der Richtung soll es weitergehen. Wir planen mit einzelnen local players zusammenzuarbeiten, um so den Menschen die Diagonale, aber auch den österreichischen Film per se nahezubringen. Dabei ist es uns wichtig, dass wir uns nicht als Marke irgendwo „draufsetzen“, sondern das Programm und die Kuratierung mit den lokalen Anbieter:innen gestalten. Wir können uns gut vorstellen, mit Kultureinrichtungen wie dem Pavelhaus in Bad Radkersburg zusammenzuarbeiten, oder auch wieder mit dem Griessener Stadl. Einerseits wollen wir also mit Kinoketten zusammenarbeiten, andererseits mit Kulturhäusern, die ein sehr kulturaffines Publikum haben. 

„Auffallend waren die viele Dokumentarfilme, die uns erreichten.“

Claudia Slanar

Wie hat sich der Auswahlprozess dieses Jahr gestaltet? Wie viele Filme wurden eingereicht?

Claudia Slanar: Es waren circa gleich viele Filmeinreichungen wie 2024, um die 570. Wir konnten weder einen Rückgang noch ein exponentielles Anwachsen bemerken. Der Auswahlprozess war schwierig: Auffallend waren die viele Dokumentarfilme, die uns erreichten, viele spannende und interessante Arbeiten mit Themen von Infrastruktur in Österreich bis zu politischen Prozessen in der Sub-Sahara. Bei den Kurzfilmen haben wir wie schon letztes Jahr mit einer Sichtungskommission gearbeitet, was sehr gut funktioniert.

Dominik Kamalzadeh: Wir freuen uns sehr darüber, wie viele Österreich-Premieren wir dieses Jahr haben. Gerade im Dokumentarfilmbereich hatten wir so viel zur Auswahl, dass wir stark selektieren mussten. Die Jahresschau ist uns auch wichtig, musste aber dieses Jahr aufgrund der vielen Premieren etwas eingeschränkt werden. Auch im Spielfilmbereich haben wir mehr Österreich-Premieren als letztes Jahr. Der Independent-Sektor ist extrem produktiv. Was den Auswahlprozess anbelangt, haben wir einerseits Produktionen bereits im Vorfeld im AugeAndererseits werden wir dann auch überrascht von außerordentlichen Debüts wie „Callas, Darling“ von Julia Windischbauer oder „Bürglkopf“ von Lisa Polster, die dann auch beide beim Filmfestival Max Ophüls Preis Weltpremiere feierten. Das sind großartige Arbeiten. Überhaupt merkt man, dass eine neue Generation am Start ist, die sich etwas traut. Die nicht nur ästhetisch, sondern auch politisch prononciert auftritt. Auch unser Eröffnungsfilm, „How to Be Normal…“ von Florian Pochlatko, gehört zu dieser Riege neuer Stimmen.

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Einer der vielen guten Dokumentarfilme einer jungen Generation: „Bürglkopf“ von Lisa Polster läuft auch bei der Diagonale `25 (Credit:

Warum ist Florian Pochlatkos Film der passende Eröffnungsfilm?

Dominik Kamalzadeh: Aus vielen Gründen. Claudia und ich haben uns in den Film verknallt. Wir waren hin und weg, als wir ihn das erste Mal gesehen haben. Es passiert selten, einem Debütfilm zu begegnen, der mit so viel spielerischer Genuität auftritt, der so viele Schichten hat, und sich mutig mit der Erzählmaschine des Kinos auseinandersetzt. Vielleicht findet man diese Art von Tollkühnheit ja gerade bei einem Debütfilm. Wir suchen bei einem Eröffnungsfilm nicht nach dem Common Sense, wie das oft geschieht. Das fand ich als Kritiker schon immer total fad. Wir wählen den Film aus, hinter dem wir mit Leidenschaft stehen. 

Claudia Slanar: Es ist ein Film, der auch Film Nerds anspricht, weil er viele Referenzen an andere Filme beinhaltet. Die muss man aber gar nicht wissen. Auch wenn man kein Nerd ist, kann man an dem Film seine Freude haben. Er ist wie eine Achterbahnfahrt.

„Unsere Filme sind wie ein zerbrochener Spiegel, der Österreich in einem Moment beschreibt, der von vielen als kritisch betrachtet wird.“

Dominik Kamalzadeh

Die vielen Dokumentarfilme wurden angesprochen. Was zeichnet das diesjährige Programm darüber hinaus aus? Was ist aufgefallen?

Claudia Slanar: Was Dominik schon gesagt hat, kann ich unterstreichen: Die junge Generation von Filmemacher:innen traut sich was, politisch, ästhetisch, erzählerisch. Da geht es um ein sehr selbstverständliches Einflechten von Fragen nach Mental Health oder Barrierefreiheit. Das klingt sperrig, ist aber sehr selbstverständlich, hat nichts Aufgesetztes. Das zeichnet diese Generation aus. Und was wir 2024 schon festgestellt haben, gilt auch für dieses Jahr, dass Satire und Parodie ein Element bleiben. Dieses Mal etwa mit Olga Kosanovićs „Noch lange keine Lipizzaner“. Der Film ist sehr lustig, aber es bleibt einem auch das Lachen im Hals stecken. 

Dominik Kamalzadeh: Unsere Filme sind wie ein zerbrochener Spiegel, der Österreich in einem Moment beschreibt, der von vielen als kritisch betrachtet wird. Wir standen ja ganz knapp vor einer äußerst rechten Regierung. Vielleicht ist auch deshalb die aktuelle Filmszene beweglicher, neugieriger und reflexiver denn je. Das zieht sich nicht nur durch die Spiel- und Dokumentarfilme, auch beim Innovativen Film fällt das auf, etwa in „Der tote Winkel der Wahrnehmung“ von Michael Gülzow, eine Art Fake-Documentary, die aufirrwitzige Art die mediale Logik und Verbreitung von Verschwörungsideologien persifliert. Oder der neue Film von Norbert Pfaffenbichler, „2551.03 – The End“, mit dem er seine Undergroundtrilogie abschließt und in einer ganz eigenen Liga spielt.

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„Altweibersommer“ von Pia Hierzegger feiert Weltpremiere bei der Diagonale (Credit: Film AG)

Was erwartet das Publikum in den Nebenreihen?

Claudia Slanar: Wir haben wieder zwei Positionen. Eine davon ist Dokumentarfilmerin Ivette Löcker gewidmet, deren neuester Film auf der Berlinale zu sehen war und die uns als präzise Beobachterin von Beziehungen fasziniert. Die zweite Position gehört Athina Rachel Tsangari, eine griechische Filmemacherin, die mittlerweile in den USA lebt und zur „Greek Weird Wave“, der „Neuen Welle“ des griechischen Kinos, gehört. Uns ist es ein Anliegen, mit den Positionen auch immer über den Kinofilm hinaus Personen zu vermitteln, die an Diskurs interessiert sind. Das ist uns letztes Jahr mit Christoph Hochhäusler gut gelungen, und das setzt sich dieses Jahr mit Tsangari fort. 

Dominik Kamalzadeh: Wir sind sehr stolz, dass wir sie nach Graz holen können. Sie wird auch eine Masterclass halten. Als Regisseurin, deren Namen auf Festivals weltweit mittlerweile ein Begriff ist, verkörpert sie eine schöne Weiterführung unseres internationalen Gedankens. Athina ist jemand, die sich treu bleibt, deren Schaffen einerseits mit ihrer griechischen Identität, dem Humor und der Literatur ihres Landes verhaftet ist, sich auf der anderen Seite aber eben auch international öffnet. Ihr jüngster Film, „Harvest“, der in Venedig Weltpremiere feierte, handelt von einem mittelalterlichen Dorf in England und hat eine ganz eigene lyrische Anmutung. Sie bringt auch einen Überraschungskurzfilm mit.

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Evi Romen kommt mit „Happyland“ nach Graz (Credit: Amour Fou/Martin Gschlacht)

Das Film Meeting feiert dieses Jahr 15-jähriges Jubiläum. Welchen Stellenwert hat das Netzwerktreffen mittlerweile?

Dominik Kamalzadeh: Das Film Meeting hat sich von einer oft aktionistischen Veranstaltung in den Frühjahren der Diagonale immer mehr zu einer gemanagten, organisierten Plattform entwickelt, in der man gezielt Themen anreißt, um sie weiterzuentwickeln. Wir haben dieses Jahr mit Michael Zeindlinger jemanden im Lead, der das Film Meeting aufsetzt und leitet. Er hat vorab mit vielen Leuten aus der Branche und mit Verbänden gesprochen, um Themen abzuklopfen. Die Palette ist wieder groß. Neben bereits fixierten Punkten wie Diversity und Barrierefreiheit sind manche Diskussionsrunden noch offen, weil wir da noch abwarten wollen – dieses Jahr gerade in Anbetracht der stattfindenden Regierungsbildung in Zusammenhang mit ÖFI+.

Claudia Slanar: Beim Film Meeting wollen wir stets einen Mix anbieten. Wir hören in die Verbände hinein, was sie bewegt, wo Gesprächsbedarf ist und gestalten dann nach eigenen Interessen aus. Wir sind einerseits früh an konkreten Themenfeldern dran, um sie gut vorzubereiten und aus verschiedenen Perspektiven mit Gästen aus dem europäischen Ausland zu beleuchten. Andererseits bewahren wir uns eine gewisse Offenheit. Wie es mit ÖFI+ weitergeht, wird sicherlich Gesprächsthema beim Film Meeting sein.

Dominik Kamalzadeh: Das Film Meeting ist ein wesentlicher Faktor der Diagonale und einmalig innerhalb der österreichischen Film- und Festivallandschaft. Es uns auch wichtig, das Meeting und das Festival stärker zusammenwachsen. Dass die Leute, die die Branche repräsentieren und anlässlich des Meetings nach Graz reisen, sich dem Festival gegenüber öffnen, und dass die „Normalbesucher:innen“ an den Veranstaltungen des Meetings teilnehmen. Das ist letztes Jahr bereits recht gut aufgegangen. Diese Durchdringung wollen wir vorantreiben.

„Es bräuchte mehr Mut zu unkonventionellen Auswertungswegen“

Claudia Slanar

Die Diagonale feiert das Kino und im Festivalrahmen ist erfreulich, dass die Filme von einem interessierten Publikum gesehen werden. Wie geht’s den Filmen dann aber in der regulären Kinoauswertung?

Dominik Kamalzadeh: Unterschiedlich. „Favoriten“, unser letztjähriger Eröffnungsfilm, ist in den österreichischen Kinos ein richtiger Hit geworden. Bei den kleineren Produktionen ist es schwierig. Die brauchen einen Verleih, der entsprechend ausgestattet sein muss, um solche Filme ins Volk zu tragen. Das passiert nicht immer. Da gilt es, bestehende Strukturen zu hinterfragen. Doch die Kinos leisten eine immense Arbeit – unter budgetär begrenzten Bedingungen. In der Verwertung fehlt insgesamt eine Strategie, die auch kleinere Produktionen strahlen lässt. Sie richtet sich zu sehr auf ökonomische Modelle aus.

Claudia Slanar: Die Diagonale ist auf jeden Fall ein Ort, an dem wir Aufmerksamkeit für Filme generieren, die nicht von vornherein gegeben ist. Für diese Filme ist das Festival durchaus ein Antriebsmotor. Ein gutes Beispiel ist der letztjährige Publikumspreisgewinner, „Caravan“, der keinen Verleih gefunden hat, den aber trotzdem viele Menschen gesehen haben, weil er von viele einzelnen Initiativen gespielt wurde und auch weiterhin gespielt wird. Er hatte keinen konventionellen Kinostart, hat aber trotzdem Aufmerksamkeit erhalten. Es bräuchte mehr Mut zu unkonventionellen Auswertungswegen.

Das Gespräch führte Barbara Schuster