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Cyrill Boss und Philipp Stennert zu „Die Nibelungen – Kampf der Königreiche“: „Die Serie entspricht noch stärker unserer Regie-Vision“


Nachdem im Oktober 2024 „Hagen – im Tal der Nibelungen“ in den Kinos erschienen war, wird am 6. November bei RTL+ die parallel gedrehte Serie „Die Nibelungen – Kampf der Königreiche“ veröffentlicht. Im Interview sprechen die Regisseure Cyrill Boss und Philipp Stennert über die Unterschiede zum Film und ihre Herangehensweise an die Figuren und Visualität.

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Cyrill Boss und Philipp Stennert (Credit: Constantin Film)

Inwiefern hat sich die Arbeit an Film und Serie unterschieden bzw. welchen Einfluss hatte es auf den Dreh, dass Sie die Geschichte durch zwei verschiedene Ausspielwege erzählen?

Philipp Stennert: Der Plan war natürlich nicht, dass wir eine Serie drehen und die dann für den Film einkürzen. Es gab unterschiedliche Drehbücher und es gab Szenen, die wir nur für die Serie gedreht haben, weil sie mehr erzählt haben und Schwerpunkte auf andere Figuren gelegt haben. Andererseits gab es auch Szenen, die nur für den Kinofilm gedreht wurden, weil sich dort die Perspektive viel klarer auf Hagen und Siegfried konzentriert.

„Hagen – Im Tal der Nibelungen“ lief im Kino eher unter den Erwartungen – hatte das einen Einfluss auf die Postproduktion der Serie?

Cyrill Boss: Nein. Die Serie war bei der Kinofilmpremiere fast fertig. Man könnte eher sagen, die Serie entspricht noch stärker unserer ursprünglichen Regie-Vision. Weil man nicht ständig zwischen zwei unterschiedlichen Formaten hin- und herspringen kann, haben wir uns beim Dreh sehr an den sechs Serienbüchern orientiert und der Kinofilm ist trotz eigenem Drehbuch mehr im Schnitt entstanden. Beim Kinofilm ging aber der ursprüngliche Plan des Drehbuchs, nämlich radikal aus Hagens Perspektive zu erzählen, nicht ganz auf. Wir hatten das Gefühl, wir müssen aus emotionalen Gründen Dinge mit reinnehmen, die eigentlich nur für die Serie gedacht waren. Bei der Serie dagegen ging für uns der ursprüngliche Plan ziemlich gut auf.

Philipp Stennert: Wir haben während des Kinostarts nur noch am Piloten der Serie gearbeitet, weil der einfach immer eine besondere Challenge ist. Da muss man genau überlegen, wie man die Zuschauer in die Welt einführt. Aber wir haben nicht auf die Rezeption des Films gewartet, die hatte also keinen Einfluss auf die Serie.

Und es ist ja durchaus außergewöhnlich, dass eine Geschichte gleichzeitig als Kinofilm und als Serie umgesetzt wird…

Cyrill Boss: Es ist aus kreativer Sicht ein Wagnis, weil man natürlich als Geschichtenerzähler einen Rhythmus im Kopf hat und ein Gefühl für den Flow der Geschichte. Es ist schwierig, das im Schnitt noch mal umzuwerfen, weil man beim Dreh schon sehr stark das Tempo bestimmt und mit diesem Rhythmus im Kopf dreht. Ob dieses Wagnis aufgegangen ist, müssen die Zuschauer entscheiden.

Inwiefern unterscheidet sich die Serie konkret vom Kinofilm?

Cyrill Boss: Was ganz wichtig ist: Die Serie erzählt natürlich ein viel größeres Universum. Es gibt historische Hintergründe, zum Beispiel kommen die Römer in der Serie vor. Diese ganze politische Dimension, die man in den sechs Folgen sieht, war im Kinofilm nicht drin. Außerdem sind die Fantasy-Elemente mit der Welt der alten Wesen viel stärker vertreten. Man wird diesen mystischen Aspekt vermutlich besser verstehen, weil man schlichtweg mehr Zeit und Raum dafür hat. Und wir beleuchten die unterschiedlichen Figuren viel stärker, etwa die Brüder des Königs oder auch Kriemhild.  

Sie sprechen gerade bereits Kriemhild an: War es Ihnen wichtig, dass in der Serie auch die weibliche Perspektive, die sonst in Sagen eher wenig vertreten ist, genügend Raum bekommt?

Philipp Stennert: Im Kinofilm haben wir uns sehr auf die Figur von Hagen konzentriert – das Tolle an Serien ist dagegen das facettenreiche Ensemble, das man erzählen kann. Hier bekommen Kriemhild oder auch die Mutter der Königsfamilie viel mehr Raum. Die Figur, die den Zuschauer in der Serie an die Hand nimmt und in diese Welt einführt ist Kriemhild und das gibt der Geschichte eine ganz andere Tonalität. Es war eine tolle Herausforderung zu überlegen, wie man die gleiche Geschichte aus anderen Perspektiven erzählen kann.

Waren diese verschiedenen Perspektiven auch wichtig, um die Serie ansprechend für ein modernes Publikum zu machen? Bzw. wie interpretiert man das Nibelungen-Lied für die Zuschauer des 21. Jahrhunderts?

Cyrill Boss: Ohne das werten zu wollen, haben Film und Serie unterschiedliche Tonalitäten. Der Film ist klassischer bezüglich Score und Rhythmus, während die Serie Elemente wie Pop- oder Rocksongs verwendet. Auch das Erzähltempo und die vielen unterschiedlichen Erzählperspektiven sorgen für ein ganz anderes Seherlebnis. Wir haben die Serie aber nicht gezielt für ein junges Publikum gedreht, sondern hatten vor allem das Gefühl, wir müssen die Geschichte thematisch so stark wie möglich erzählen. Das Nibelungen-Lied hat ein sehr spannendes Thema: Es geht um den Konflikt zwischen Emotionen und Ratio. Menschen versuchen gerne Allem ein erklärbares Narrativ zu verpassen. Andererseits gibt es da aber auch die Emotionen, die spontaner sind, weniger erklärbar. Sie führen auch in die Welt der Träume und Mystik. Bei jede Figur in dieser Serie prallen auf unterschiedliche Weise diese zwei Welten aufeinander.

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V.l.: Gernot (Bela Lenz), Giselher (Alessandro Schuster), Kriemhild (Lilja van der Zwaag), Königin Ute (Jördis Triebel) in „Die Nibelungen – Kampf der Königreiche“ (Credit: RTL / Constantin Film)

Einige Adaptionen des Nibelungenlieds beinhalten außerdem als zweiten Teil Kriemhilds Rache. Wieso haben Sie diesen Aspekt der Geschichte weggelassen?

Philipp Stennert: Wir hatten das Gefühl, dass die Geschichte, die wir zeigen, an sich schon sehr stark ist, weil sie die Spaltung dieser Familie zeigt. Der Tod von Siegfried ist dramaturgisch ein starker Endpunkt – um die Rache von Kriemhild zu erzählen, müsste man wirklich noch einmal sehr weit ausholen und bräuchte viel Raum.

Cyrill Boss: Im Grunde genommen ist diese Serie eine wirklich spannende Familiengeschichte, während der Kinofilm mehr den Kampf einer einzelnen Figur erzählt. Die Serie handelt von einer geschlossenen, starken aber in gewisser Weise emotionslosen Familie, in die von außen mit Siegfried jemand Neues reinkommt. Einer, der anders denkt und fühlt. Die Familie wächst dann an ihm, die Figuren ordnen ihr Leben neu, zerbrechen aber letztendlich auch an diesem Konflikt. Man wird sich am Schluss fragen, ob es gut war, dass er in diese Familie gekommen ist oder eher nicht.

„Hier prallen Welten aufeinander, die eigentlich nicht zusammenpassen.”

Philipp Stennert

Auch äußerlich unterscheidet sich Siegfried von den restlichen Figuren, seine Kostüme wirken beispielsweise moderner. Wie sind Sie an die Gestaltung dieser Figur herangegangen?

Philipp Stennert: Unsere Idee war es immer, einen mittelalterlichen Rockstar zu erzählen, der eine Impulsivität in diese sehr geordnete, militante Welt reinbringt. Das wollten wir natürlich auch über Kostüme, Frisur etc. erzählen. Cyrill hatte zum Beispiel die Idee für eine Art Bomberjacke.

Cyrill Boss: Genau, sein Kostüm erinnert an eine Bomberjacke, die Steve McQueen in „The War Lover“ getragen hat. Wir fanden diesen Aspekt des Rebellen einfach stark. Die Idee war, dass er wie ein Rockstar eine Welttour gemacht hat und in verschiedenen Ländern war, wo sich ihm dann seine Krieger angeschlossen haben. Manche Kritiken zum Kinofilm haben spekuliert, ob es uns darum ging, den Film besonders divers zu machen; darum ging es uns gar nicht. Die Idee war einfach: Was wäre, wenn Siegfried von zuhause ausgebrochen ist, weil er diese Enge nicht ertragen hat und sich ihm dann auf den verschiedenen Kontinenten auch verschiedene Krieger angeschlossen haben. Diese Gruppe von Rebellen ist eigentlich eine Band, die dann in Worms auftritt und alle flippen total aus, weil sie so etwas noch nie gesehen haben.

Philipp Stennert: Das heißt, wir haben in die Welt eine Diversität reingebracht – aber nicht, weil wir das Gefühl hatten, wir sind dazu gezwungen, weil ein Sender uns das vorgibt oder, weil das gerade im Trend ist. Sondern, weil das aus dieser Figur heraus einfach Sinn gemacht hat, die im Gegensatz zum steifen und konservativen Worms sehr weltoffen und frei ist. Er bringt diese Vielseitigkeit mit und dadurch prallen hier Welten aufeinander, die eigentlich nicht zusammenpassen.

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Jannis Niewöhner als Siegfried in „Die Nibelungen – Kampf der Königreiche“ (Credit: RTL / Constantin Film)

Inwiefern haben Sie sich insgesamt an realen historischen Praktiken und Begebenheiten orientiert?

Cyrill Boss: Wir haben natürlich sehr viel recherchiert, aber was das Nibelungen-Lied letzten Endes auszeichnet, ist, dass es viele Jahrhunderte in einer starken Geschichte vereint. Da treffen auch historische Figuren aufeinander, die gar nicht zur selben Zeit gelebt haben. Das ermutigt einen, spannende Elemente aus verschiedenen Jahrhunderten zu übernehmen und sich seine eigene Welt zu erschaffen.

Philipp Stennert: Wir haben immer vermieden, Jahreszahlen einzublenden oder Landkarten zu zeigen. Man soll gar nicht auf die Idee kommen, dass die Geschichte irgendwie historisch verortet ist.

Cyrill Boss: Es gibt tatsächlich Menschen, die den Film auf historische Authentizität geprüft haben – aber es ist eine Fantasy-Geschichte, da müsste man dann auch den Drachen oder die Walküren auf historische Genauigkeit prüfen.

„Beschränkungen können auch die Kreativität anregen.“

Cyrill Boss

Die Serie ist visuell unglaublich stark und sieht sehr hochwertig aus, trotz eines – im Vergleich zu internationalen Produktionen – eher geringen Budgets. Wie sah Ihre Herangehensweise an die Visualität aus?

Philipp Stennert: Man versucht natürlich aus jedem Euro so viel wie möglich zu machen. Wir haben das durch extrem gründliche Vorbereitung und Planung, sowie sehr genaue Absprachen mit den Departments versucht. Wir versuchen immer mit Stilmitteln, die nicht so viel kosten, viel Atmosphäre zu schaffen, etwa mit Nebel, Schnee und dem entsprechenden Licht. Man soll die Welt fühlen können.

Cyrill Boss: Beschränkungen können auch unheimlich die Kreativität anregen. Wir haben das immer als Herausforderung gesehen – so bekommt man Ideen, wie man mit weniger Geld einen ähnlichen oder sogar größeren emotionalen Effekt erzielen kann. Bei uns ist die Perspektive ganz wichtig: Wir überlegen immer, welche Perspektive gerade emotional am stärksten ist, dann braucht man andere Blickwinkel auf das Geschehen gar nicht mehr.

Philipp Stennert: Und wir mögen das Prinzip von Auslassung sehr. Manches wird stärker, wenn man es nicht oder nur wenig zeigt, weil es dadurch geheimnisvoll bleibt. Dadurch schafft man ein Mysterium und es ist nicht so teuer (lacht).

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Brunhild (Rosalinde Mynster) in „Die Nibelungen – Kampf der Königreiche“ (Credit: RTL/ Constantin Film)

Sie arbeiten bereits seit knapp 20 Jahren zusammen und haben u.a. auch schon „Der Pass“ gemeinsam realisiert. Was haben Sie davon über das Serienmachen gelernt, was Sie jetzt anwenden konnten, und wie hat sich Ihre Zusammenarbeit im Lauf der Zeit verändert?

Cyrill Boss: Unsere Zusammenarbeit hat sich zunehmend so entwickelt, dass wir mit zwei Units drehen. Das ging beim „Pass“ so richtig los und das haben wir mit den „Nibelungen“ jetzt perfektioniert. Dadurch spart man Zeit und kann mehr Material drehen. Ich würde aber sagen, dass die Erfahrungen aus „Der Pass“ nur als Bauchgefühl mit eingeflossen sind. Jedes neue Projekt ist eine Herausforderung für sich, vor der wir dann erst einmal staunend stehen und überlegen, wie wir sie am besten angehen können. Das ist das Tolle am Medium Film: Es gibt keine Blaupause und die wird es nie geben – und wenn es sie geben würde, dann werden die Filme langweilig. Das Leben ist voller neuer Herausforderungen und ich glaube, genauso muss man es auch anpacken.   

Das Gespräch führte Lea Morgenstern