Am heutigen 24. März startet in Deutschland auf National Geographic und Disney+ die spektakuläre Doku-Serie „David Blaine: Nicht nachmachen!“. Produzent Christopher St. John spricht über die atemberaubenden Stunts des Zauberers, die Herausforderungen der Weltreise und kommende Projekte bei Imagine Entertainment.
Der weltberühmte Aktions- und Zauberkünstler David Blaine hat für Ihre Doku-Serie „David Blaine: Nicht nachmachen!“ zahlreiche spektakuläre Stunts hingelegt. Was hätten Sie sich als Executive Producer selbst zugetraut und bei welchen Stunts hätten Sie auch bei allem Geld der Welt abgewunken?
Christopher St. John: Ich bin definitiv kein David Blaine, würde mich aber als dem Risiko mehr zugeneigte Person als die meisten Menschen bezeichnen. Als David für die erste Episode in Brasilien angezündet die Brücke heruntersprang, war ich vor Ort. Ich mag es auch, von hohen Gebäuden herunterzuspringen. Und es hätte mich ehrlich gesagt gereizt, mit von dieser Brücke herunterzuspringen – aber ohne das Feuer. David bringt seine Stunts immer auf das nächste Level. Aber die eine Sache, die ich niemals machen würde, kommt in unserer Episode vom nördlichen Polarkreis vor. Wir beenden die Episode mit diesen Abnoetauchern, die David vor Ort traf und die unter dem Eis von zugefrorenen Flüssen tauchen. Das faszinierte David, der lernte, auch auf diese Weise unter dem Eis zu schwimmen. Wir bereiteten einen Stunt vor, bei dem er mehr als 30 Meter ohne Taucheranzug und nur mit angehaltenem Atem unter dem fast ein Meter dicken Eis schwamm. Die Strecke ging von einem Loch zu einem anderen Loch, das wir jeweils ins Eis schnitten. Wobei das zweite Loch durch die Kälte schon wieder zugefroren war. David musste sich also durch das Eis schlagen. Allein der Gedanke bereitet mir jetzt noch Gänsehaut.
Wer kam auf die Idee für diese Doku, bei der David Blaine um die Welt reist, Meister ihres Faches und deren gefährlichsten Stunts kennenlernt und dann nachmacht? War es Davids Idee oder kam Imagine Entertainment auf ihn zu?
Christopher St. John: Es war ein Zusammentreffen der Ideen. David hatte bereits mit Imagine einige Specials umgesetzt. Der Regisseur Matthew Akers, der die ersten beiden Episoden von „David Blaine: Nicht nachmachen!“ drehte, kannte David auch gut, weil er schon viel mit ihm vorher zusammenarbeitete. Wir kamen alle gemeinsam auf die Idee für diese Doku-Serie. Es war der perfekte Sturm dafür. Wenn David gerade kein TV-Special oder seinen nächsten großen Trick vorbereitet, macht er genau das in seiner Freizeit: Er sucht auf der ganzen Welt Menschen, die ihm neue Dinge beibringen können. Denn für diese Magie gibt es keine neueren Lehrbücher, die man in der örtlichen Bibliothek finden kann. Auch im Internet findet man dazu nichts. Es sind Geheimnisse, die sie sich über Jahrzehnte angeeignet haben oder die von Meistern an Schüler weitergegeben wurden. Manchmal sind es sogar Fähigkeiten, bei denen die Menschen selbst gar nicht denken, dass sie als magisch bezeichnen werden könnten. Davids Definition von Magie ist aber weit gefasst. Er sucht ständig Inspirationen oder Dinge, die er in seine eigenen Aktionen einbauen kann. Wir pitchten das Projekt als Reiseformat, bei dem David die Welt durch das Magie-Handwerk entdeckt.
Als Produzent muss das Projekt aber ein Alptraum an Herausforderungen gewesen sein, oder? Die vielen Reisen, die verschiedenen Länder, der Sicherheitsaspekt der Stunts, die wilden Tiere oder auch Versicherungsfragen.
Christopher St. John: Es gab bei diesem Projekt viele Herausforderungen, ja. Diese Doku-Serie war wirklich schwer umzusetzen. Aber jetzt können wir uns über die Früchte der Arbeit freuen. So verrückt David auch ist, konzentriert er sich in seiner Arbeit stark auf den Sicherheitsaspekt der Aktionen. Er macht nichts, bevor er es nicht von Anfang bis Ende durchdacht, analysiert und dann vor allem dafür trainiert hat. Dazu kommen die hohen Standards von National Geographic und Disney. Wir haben regelmäßig einen Austausch mit deren Komitee, in dem Anwälte, Ärzte und Kultur-Experten sitzen, die unser Konzept hinterfragen. David soll eine Kobra küssen? Er soll brennend von einer Brücke springen? Das waren nur einige Nachfragen. Wir müssen bei unserem Projekt zeigen, dass wir für jede Eventualität vorbereitet sind. Das sind lange Diskussionen, die aber auch zu Davids Sicherheit beitrugen. Wenn man unter einem zugefrorenen Fluss schwimmt, kann man nie zu hundert Prozent sicher sein. Aber wir können die Aktion so sicher wie möglich machen. Als Produktion reisen wir schon zu herausfordernden Orten. Aber dazu bringen wir auch ein großes Team mit uns und stellen nicht nur sicher, dass das einzige Krankenhaus in Südostasien das passende Gegengift für den Biss einer Königskobra hat, sondern dass wir mit einem Krankenwagen auch nur 20 Minuten dorthin brauchen. Es hat uns geholfen, dass viele Menschen auf der Welt das lieben, was David macht – und ein Teil davon sein wollen. So hatten wir immer Unterstützung und Wertschätzung vor Ort.
„Uns geht es darum, diese Menschen für ihre Fähigkeiten zu feiern und sie mit ihren eigenen Stimmen ihre Geschichte erzählen zu lassen.“
Es ist nicht nur eine wunderschön aussehende Doku-Serie mit atemberaubenden Stunts, sondern man gewinnt auch den Eindruck, dass es der Produktion ebenso um die bereisten Länder und den Respekt geht, den David gegenüber den Menschen zeigt, die er auf der Reise trifft.
Christopher St. John: Ich bin sehr glücklich, dass aus der Zuschauerperspektive zu hören. Dem gesamten Team bei Imagine war es sehr wichtig, nicht nur eine wunderschön gemachte Doku-Serie umzusetzen, sondern mit unseren Fähigkeiten auch ein Licht auf diese Orte zu lenken, das sie verdienen. Die bei uns neben David im Mittelpunkt stehenden Menschen erhalten normalerweise nicht diese Form von Aufmerksamkeit, die ihnen das Format jetzt bringen wird. Viele dieser Menschen findet man nicht im Netz. Manche von ihnen sind auch nicht mit den größeren Teilen dieser Erde verbunden. Dabei können alle getroffenen Personen unglaubliche Dinge und sind Meister in den Aktionen, die sie beherrschen. Uns war bewusst, dass wir nicht mit Flugzeugen in einen Ort einfallen wollten, nur um dann eine Person aufzufordern, eine Performance hinzulegen, die wir uns wiederum dann aneignen. Uns geht es darum, diese Menschen für ihre Fähigkeiten zu feiern und sie mit ihren eigenen Stimmen ihre Geschichte erzählen zu lassen. Sie sollten uns sagen, woher sie kommen und warum sie das machen, was sie so gut können. David war bislang in seiner Karriere bis zu einem gewissen Grad immer ein Mysterium und Enigma. Das Besondere dieser Doku-Serie ist, dass sie auch ein wenig den Vorhang bei David hochlässt und seinen Enthusiasmus für diese Kunst zeigt. Hier ist er kein Performer oder Lehrer, sondern ein Schüler. Man sieht seinen Respekt, den er gegenüber den Menschen zeigt, die er trifft. Wir alle im Team haben teils unglaubliche Beziehungen zu den Menschen entwickelt, weil wir dort auch längere Zeit verbrachten. Auch David geht aus diesem Projekt mit Beziehungen, die sicher noch viele weitere Jahre andauern werden.

Den Namen Imagine Entertainment verbindet man stark mit den Namen Ron Howard und Brian Grazer. Die Dokumentar-Abteilung steht im Vergleich etwas im Schatten der fiktionalen Projekte. Wie ist dabei Ihre Position?
Christopher St. John: Ja, Ron Howard und Brian Grazers Produktionsfirma Imagine Entertainment gibt es seit vielen Jahren und sie haben schon eine Menge sehr guter Spielfilme gemacht. Sie produziert auch fiktionale Serien in Los Angeles. Vor ungefähr sechs Jahren wurde aber auch Imagine Documentaries gestartet. Diese Abteilung sitzt in New York. Das Ganze entstand aus einem Interesse von Ron und Brian für Dokumentationen, aber auch dem wachsenden Markt für diese Formate. Ron selbst hat schon einige Dokus inszeniert. Im vergangenen Jahr drehte er zum Beispiel die Doku „Jim Henson: Ein Mann voller Ideen“ für Disney, die fünf Emmys gewann und bei der ich Produzent sein durfte. Ich bin seit fast 20 Jahren im Produzentengeschäft und habe schon für jede Menge Menschen gearbeitet. Ich habe eigene Projekte gemacht. Als Imagine mit ihren Dokus anfing, wurde ich für ein Projekt engagiert. Zuerst war ich freier Mitarbeiter, dann wurde ich Creative Executive und schaue seitdem über viele der Projekte, die nun bei Imagine Documentaries entstehen. Ich achte auf unsere Produktions-Slate, forme Teams und schaue auf die Qualität der Formate.
„Unsere Beziehung zu Disney ist wundervoll.“
Wie hilfreich ist es für Imagine Documentaries, dass Sie so gut mit weltweit bekannten Marken wie Disney und National Geographic zusammenarbeiten?
Christopher St. John: Unsere Beziehung zu Disney ist wundervoll. Wir schätzen die Zusammenarbeit sehr. Ich erwähnte schon die erfolgreiche Doku „Jim Henson: Ein Mann voller Ideen“. Das erste große Projekt, das ich für Imagine umsetzte, war „Light & Magic“ über die Spezialeffekte bei „Star Wars“ in Zusammenarbeit mit Lucasfilm. Im April starten wir dort die zweite Staffel auf Disney+. Darin wird es um die Zeit ab den frühen 2000er-Jahren mit einem Schwerpunkt auf digitale Effekte gehen. National Geographic ist als Marke in ihrer Ausrichtung noch etwas spezifischer als Disney, weil es dort stärker um Geografie, die Natur und das Entdecken der Welt geht. Aber auch mit denen arbeiten wir gerade daran, unser nächstes gemeinsames Projekt zu finden. Wir machen Filme und Fernsehformate für viele Sender und Plattformen, aber mit Disney ist es schon eine besondere Beziehung.
Im Jahr 2017 waren Sie mit Ihrer Dokumentation „The King – Mit Elvis durch Amerika“ auf das Filmfest Hamburg eingeladen. Finden Sie für Kinoprojekte noch Zeit oder sind Sie jetzt vollends bei Imagine eingespannt und mehr auf Doku-Serien konzentriert?
Christopher St. John: Ich bin bei Imagine festangestellt. Aber wir setzen gerade jetzt auch Dokumentarfilme um, die auch für die Festivals dieser Welt gedacht sind und im Kino gezeigt werden. Ich bin in der glücklichen Position, gleichzeitig große Fernsehformate und kleinere Dokumentarfilme machen zu können. „Jim Henson: Ein Mann voller Ideen“ war zum Beispiel auch im Kino zu sehen. In diesem Bereich habe ich also meinen Hut noch nicht an die Wand gehängt. Was kommende Projekte angeht: Imagine hat zum Beispiel gerade eine Dokumentation über die Nascar-Familie „The Earnhardts“ fertiggestellt, die in den Familienstrukturen sehr shakespearhaft ist. Bei Disney veröffentlichen wir auch im April den Dokumentarfilm „Pets“, den Ron Howards Tochter Bryce Dallas Howard inszeniert hat. Darin geht es um die Beziehungen der Menschen zu ihren Haustieren.
Das Interview führte Michael Müller