Mit „The Kidnapping of Arabella“ legt die Italienerin Carolina Cavalli ihren zweiten Spielfilm vor, der seine Premiere in der Sektion Orizzonti beim Filmfestival in Venedig feierte. Im Fokus steht eine junge Frau, die überzeugt ist, die falsche Version ihrer selbst zu sein – bis sie ein Mädchen trifft, das sie zum Umdenken bringt. Wir sprachen im Rahmen des Geneva International Film Festivals mit Cavalli.

„The Kidnapping of Arabella“ ist erst ihr zweiter Spielfilm – beide Filme feierten ihre Premiere in der Reihe Orizzonti in Venedig.
Carolina Cavalli: Darüber habe ich mich sehr gefreut, es ist eine tolle Plattform für den ersten oder zweiten Film. Dadurch erreicht man ein größeres Publikum und tritt auch Kontakt mit potenziellen Verleihern. Und es ist einfach eine tolle Erfahrung, weil man so viele andere Filmschaffende treffen kann.
Der Film dreht sich um Themen wie Identitätsfindung und das Gefühl, nicht die Version von einem selbst zu sein, die man gerne wäre… War diese Geschichte sehr persönlich für Sie?
Carolina Cavalli: Ja, der Film war persönlich in dem Sinne, als dass ich viel Zeit damit verbracht habe, zu überlegen, wie das Leben von anderen Menschen aussieht – ich habe auch Geschichten, die nicht meine eigenen waren, in Writers Rooms geschrieben. Ich glaube, wir denken viel darüber nach, inwiefern unser Leben anders hätte laufen können oder ob wir eine andere Version unserer selbst hätten werden können. Das ist sehr zeitgemäß, weil wir heutzutage oft die Möglichkeit bekommen, Einblicke in die Leben von anderen Menschen zu erhalten. Ich war sehr interessiert an der Beziehung, die man mit dem Kind haben kann, das man einmal war. Wenn man ein Kind ist, steht einem alles offen: Dann trifft man Entscheidungen und ebnet sich seinen Weg.
Sie sagten eben bereits, dass Sie am Anfang Ihrer Karriere in Writers Rooms arbeiteten…
Carolina Cavalli: Das ist oft die erste Gelegenheit, die einem als Drehbuchautor eröffnet wird. Mit der Zeit habe ich dann versucht, meine eigenen Geschichten geschrieben und Regie geführt, aber es stört mich nicht für andere Menschen zu schreiben. Ich liebe es, weil man dadurch mit anderen Menschen zusammenarbeitet und gezwungen ist, aus sich herauszugehen, statt immer nur im einsamen Kämmerchen zu sitzen und alleine zu schreiben. Die Kollaboration ist doch gerade das Schöne am Kino – man kann einen Film nicht alleine umsetzen.
Was haben Sie aus dieser Zeit im Writers Room gelernt?
Carolina Cavalli: Nichts steht in Stein gemeißelt; der Editing-Prozess ist sehr wichtig und vieles kann sich auch später im Schnitt noch ändern. Das nimmt einem auch das Ego, man lernt Feedback und Veränderungen anzunehmen und zu akzeptieren, wenn nicht alles läuft, wie man es sich vorstellt. So lernt man, Probleme, die von außen kommen, als Möglichkeiten, etwas zu verbessern, anzusehen.
Sie sagten in der Vergangenheit, dass es Ihnen beim Schreiben vor allem auf die Figuren ankommt. Was war Ihnen bei der Gestaltung der Figuren in „The Kidnapping of Arabella“ besonders wichtig?
Carolina Cavalli: Es gibt zwei zentrale Figuren, ein Kind und eine erwachsene Frau. Bei der Frau war mir sehr wichtig, eine Figur zu haben, die die Realität nicht auf eine objektive Art sieht. Das stellt ein Problem für sie und die Menschen um sie herum dar. Dadurch ist sie sehr einsam und fühlt sich, als würde sie feststecken oder in der Vergangenheit leben, sie bewegt sich nicht nach vorne. Sie geht davon aus, dass Stillstand einen mehr voranbringt als Veränderung. Dass ich vor allem von den Figuren ausgehe, heißt nicht, dass ich mich nicht für die Story insgesamt interessiere. Aber wenn man weiß, was die Charaktere ausmacht, kann man das als Ausgangspunkt nehmen und damit spielen.

Und das Kind hilft dann dabei, aus diesem Stillstand auszubrechen?
Carolina Cavalli: Das Kind repräsentiert für mich ihr Verlangen danach, etwas Neues zu finden. Sie möchte von zuhause weglaufen und hat eine Art kindisches Rachegefühl gegenüber ihren Eltern. Das Mädchen hat keine Freunde und auch keine besonders gute Beziehung zu ihren Eltern, weshalb sie unbewusst nach ihrem Platz in der Welt sucht – soweit das eben für eine 7-Jährige möglich ist.
Mit der Hauptdarstellerin Benedetta Porcaroli haben Sie auch schon in Ihrem ersten Film zusammengearbeitet. Was zeichnet Ihre Kollaboration aus?
Carolina Cavalli: Vor meinem ersten Film kannten wir uns gar nicht aber als ich sie kennengelernt habe, habe ich direkt ihre Arbeitsweise verstanden. Der Ton des Films ist sehr eigenartig, was nicht alle Schauspieler mögen. Benedetta versteht diese Atmosphäre und schafft es Figuren, die vielleicht erst einmal nicht so sympathisch erscheinen, mit Zärtlichkeit zu versehen. Sie holt noch einmal mehr Komplexität aus dem Charakter heraus.
Können Sie noch ein bisschen stärker ausführen, was für eine Atmosphäre Sie konkret erschaffen wollten?
Carolina Cavalli: Die Welt in dem Film ist wie unsere Welt, aber es wird ein gewisses Gefühl von Distanz erzeugt. Man weiß nicht genau, wann oder wo die Geschichte spielt. Ich versuche das aber auszubalancieren, indem das Innenleben der Figuren sehr realistisch und ehrlich ist. Deshalb ist es mir wichtig, dass die Figuren geerdet sind, und Beziehungen zueinander aufbauen, die die Zuschauer nachvollziehen können.
Im sonst rein italienischen Cast sticht Chris Pine als Vater des kleinen Mädchens heraus. Wieso haben Sie ihn gecastet – haben Sie speziell nach einem internationalen Schauspieler gesucht?
Carolina Cavalli: Im Skript stand die Nationalität des Vaters nicht fest, das hatte ich recht unspezifisch geschrieben. Das heißt, wir waren für Schauspieler aus allen möglichen Ländern offen, mir schwebte aber jemand aus Südamerika oder Nordamerika vor. Ich wollte, dass die Figur ein bisschen fehl am Platz wirkt, er sollte nicht die gleiche Herkunft wie die anderen Figuren haben. Dann hat aber Chris Pine das Skript gelesen, mochte es direkt und zeigte Interesse. Er ist glaube ich ein sehr neugieriger Schauspieler und hatte auch Lust in einem kleineren Film mitzuspielen.
Beide Ihrer Filme stellen weibliche Hauptfiguren in den Mittelpunkt und Sie sagten auch, dass Ihnen weibliche Protagonistinnen wichtig sind. Wie blicken Sie auf den Status des Female Storytelling in der aktuellen Filmlandschaft?
Carolina Cavalli: Selbst wenn ein Film nicht offensichtlich politisch ist, ist er in meinen Augen immer politisch wegen des Blicks. Egal, welche Geschichte man erzählt: Es spielt eine Rolle, ob Regie und Drehbuch von einer Frau stammen, denn man bringt immer einen eigenen Blick mit, in diesem Fall den Female Gaze. Natürlich gibt es Fortschritte, aber ich glaube, es ist immer noch viel zu tun. Gerade die italienische Filmindustrie ist stark männerdominiert. Ich bin sehr stolz, Teil meiner Generation zu sein, weil diese diverser ist und mehr Wert auf Inklusion legt.
Das Gespräch führte Lea Morgenstern.