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Anja Marquardt über „His & Hers“: „Von allen Beteiligten ein Herzensprojekt“


Die deutsche Filmemacherin Anja Marquardt arbeitet und lebt schon lange in den USA. Mit „His & Hers“ mit Tessa Thompson und Jon Bernthal geht nun ihre erste große Netflix-Produktion an den Start (ab 8.1.!), die u.a. von Jessica Chastain produziert wurde. Wie das Projekt von Showrunner Will Oldroyd zu ihr kam und was Unterschiede sind beim Arbeiten an amerikanischen Sets im Vergleich zu deutschen (Marquardt war Lead-Regie bei „Die Zweiflers“), darüber sprechen wir im Interview.

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Anja Marquardt (Credit: Chris Sgroi)

Wie ist „His & Hers“ zu Ihnen gekommen, was hat Sie daran gereizt?

Anja Marquardt: Das Projekt kam ganz konventionell zu mir über meinen amerikanischen Agenten, der mir die Bücher zu lesen gab. Es war zwar recht kurzfristig – aber das ist nicht selten in der amerikanischen Serienlandschaft. Ich wandle bereits seit 20 Jahren zwischen Deutschland und den USA und habe mir speziell in Amerika ein gutes Netzwerk aufgebaut. Gereizt haben mich die tollen Schauspieler, die mich beim ersten Lesen der Bücher sofort berührt haben. Ich konnte sie im Kopf mitdenken, weil sie schon gecastet waren. Den Ausschlag hat dann ein sehr schönes Erstgespräch zwischen allen Beteiligten gegeben. Wir haben uns auf einer Wellenlänge verstanden, auch kreativ. Meine Impulse haben genau Will Oldroyds Vision getroffen. Will trägt die Serie als Creator bereits seit 2020 im Kopf und Herzen, und meine kreative Sicht hat sich mit seiner getroffen. Dann ging alles superschnell: Drei Wochen später begann die Vorproduktion in Atlanta. Da war kein langes Fackeln. 

Sie haben bereits Serienerfahrung gesammelt. Die dritte Staffel von Steven Soderberghs „Girlfriend Experience“ stammt von Ihnen. Außerdem waren Sie Lead-Regie von „Die Zweiflers“. Was war nun das Besondere bei „His & Hers“ und was hebt sie von anderen Event-Shows ab?

Anja Marquardt: „His & Hers“ ist eine sehr originelle Serie. Auf den ersten Blick schwimmt sie im Fahrwasser erfolgreicher anderer Netflix-Serien aus der Vergangenheit, die die Genres Suspense-Thriller und Romance verbinden und eben genau zugeschnitten sind auf ein Publikum, das diese Genres goutiert. Dennoch entwickelt die Story etwas ganz Eigenes. Sie hält eine feine Balance zwischen Themen, die Leben und Tod behandeln. Es werden auch zwischenmenschliche Beziehungen auf die Probe gestellt. Für mich war der Schlüssel die Frage nach der Wahrheit. Was stimmt? Wem kann man glauben? Gibt es die Wahrheit? Ist sie manipuliert? Das Thema begegnet uns derzeit überall. Insgesamt hat mich die Tonalität begeistert. Und ich wusste auch um Will Oldroyds Background als Autorenfilmer, der in Großbritannien im Spielfilmbereich sehr erfolgreich war und dessen Filme stets von einer ganz eigenen Vision leben. 

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„His & Hers“ mit Tessa Thompson (Credit: Netflix 2025)

Setzte dieses Projekt für Sie neue Maßstäbe, was die Größe betrifft, oder ist im Prinzip die Arbeit an den Sets dann doch immer gleich?

Anja Marquardt: Gute Frage. Bei „His & Hers“ gab es definitiv mehr Spielzeug als bei meinen bisherigen Arbeiten. Ohne genaue Zahlen nennen zu dürfen, hatten wir pi mal Daumen das vierfache Budget von „Girlfriend Experience“. Das wirkt sich beim Arbeiten im Regiebereich aber nicht großartig aus. Klar, man hat mehr Equipment, darf ein bisschen großzügiger arbeiten, mehr Nebendarsteller und Background verwenden etc. Aber im Prinzip sind die Parameter sonst ähnlich, was die tägliche Arbeit als Regie angeht. An amerikanischen Sets geht es sehr professionell zu. Als Regie muss man sehr eigenverantwortlich darauf achten, dass man keine Überstunden macht. Sonst kriegt man schnell keinen Folgeauftrag mehr. Es ist auch gewerkschaftlich alles sehr geregelt. Bei „His & Hers“, aber auch bei meinen bisherigen Arbeiten empfand ich es als großes Privileg, dass wir große kreative Freiheit hatten. Das lag auch an den tollen Produzenten. Es war eine Produktion aus verschiedenen Firmen, auch Jessica Chastains Freckle Films gehört dazu. Tessa Thompson ist nicht nur Hauptdarstellerin, sondern auch Executive Producer, was ihr großen kreativen Spielraum gewährte. „His & Hers“ ist von allen Beteiligten ein Herzensprojekt.

„Ich habe die Folgen drei, vier und fünf inszeniert, den mittleren Block mit den großen emotionalen Wendungen.“

Wie sah die Zusammenarbeit mit Will Oldroyd aus? Sie haben sich mit ihm die Regie geteilt…

Anja Marquardt: „His & Hers“ ist Wills Baby. Er hat schon in der Coronazeit damit angefangen, den Roman von Alice Feeney zu adaptieren. Es hat ein paar Jährchen gedauert, bis es drehfertig war. Aber das ist nicht unüblich. Klar war auch, dass er die Lead-Regie übernimmt. Ich habe die Folgen drei, vier und fünf inszeniert, den mittleren Block mit den großen emotionalen Wendungen. In Folge vier gibt es eine Szene, die neun Seiten lang ist. Das war eine der emotional komplexesten Szenen, die ich jemals gelesen habe und dann auch drehen durfte. 

Sie sind bereits fürs Studium in die USA gezogen, haben Ihren Abschlussfilm, „She’s Lost Control“ von 2014, auf englisch gedreht und sind dort geblieben. Für „Die Zweiflers“ sind Sie eigentlich erstmals wieder nach Deutschland zurückgekehrt. War das ein bewusster Schritt?

Anja Marquardt: Ich hatte noch nie keine Lust, wieder in Deutschland zu arbeiten. Manchmal spielt das Leben eben eine eigene Melodie. Es stimmt schon, dass ich hauptsächlich Aufträge aus USA realisiert habe. Bei „Die Zweiflers“ war es eine ebenso kurzfristige Kiste wie bei „His & Hers“. Hier kam das Angebot über meinen deutschen Agenten Sebastian DiBona. Es war wie eine kleine Fügung, die ich gerne mit „Kismet“ bezeichne. Es war ein Stoff, bei dem ich nicht Nein sagen konnte, bei dem ich dankbar war, dass er mich gefunden hat. Mit Showrunner Daniel Hadda war sofort eine gemeinsame Ebene da, wir haben kreativ genau in die gleiche Richtung gedacht. Ich fand es vor allem erstaunlich, dass so ein Stoff in Deutschland noch nicht realisiert wurde. 

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„His & Hers“ mit Jon Bernthal (Credit: Netflix 2025)

Was ist Ihnen als Regisseurin wichtig? Bei „Girlfriend Experience“ stammen auch die Bücher von Ihnen und Sie haben mitproduziert. Bei „His & Hers“ oder „Die Zweiflers“ beschränkt sich Ihre Beteiligung auf die Regie. Verfolgen Sie da einen genauen Plan?

Anja Marquardt: Bei „Girlfriend Experience“ war ich in der Tat auch Showrunnerin aller zehn Folgen. In dem Sinne war die dritte Staffel aus einem Guss meine. Im Gegensatz dazu bin ich bei „Die Zweiflers“ und „His & Hers“ als Regie-Zugpferd dazugestoßen, um die Vision, die bereits in der Luft hing, einzufangen und umzusetzen. Das macht mir persönlich auch sehr viel Spaß, ist nur eine andere Art der Genese. Aber am Set arbeitet man trotzdem wie immer. Da sind es eben eine bestimmte Thematik, Klangfarbe und Tonalität, die mich überzeugen, und bei denen ich spüre, dass ich mit meinem eigenen Handwerkszeug etwas Produktives beitragen kann. Am Set muss die Freiheit gegeben sein, losrennen zu können. Wenn das gegeben ist, kann ich das auch ausfüllen.

„Ich habe das Gefühl, dass in Deutschland laxer umgegangen wird mit den Arbeitszeiten. Vielleicht ist das aber auch verzerrte Wahrnehmung.“

Inwiefern hat Sie das amerikanische System geformt und geprägt und inwiefern unterscheidet es sich immer noch vom deutschen?

Anja Marquardt: Ich habe das Gefühl, dass es inzwischen viele Gemeinsamkeiten gibt. Unter anderem setzt sich das AD-System im deutschen Erzählen durch. Ein Dreiergespann aus Regie, DoP und Assistant Director ist sehr hilfreich. Wenn diese Spitze funktioniert, ist das Drehen die reinste Freude. Ich habe das Gefühl, dass in Deutschland laxer umgegangen wird mit den Arbeitszeiten. Vielleicht ist das aber auch verzerrte Wahrnehmung. Die Crews in Deutschland sind toll, man merkt, dass die ihr Handwerk richtig gelernt haben. Blickt man auf die reine Maschinerie, hat die in den USA natürlich mehr Zahnräder, die Budgets sind größer, es ist nichts Ungewöhnliches, einen eigenen Trailer zu bekommen, generell einen Riesenfuhrpark zu haben. Aber ich komme ursprünglich gar nicht aus diesem großbudgetären Hollywoodsystem, sondern aus der New Yorker Independentszene, die der deutschen gar nicht so unähnlich ist. Es werden Filme mit kleinen Budgets gemacht, es gibt kurze Entscheidungswege, große künstlerische Freiheit, es wird viel improvisiert, aus einem Dollar werden 100 Dollar gemacht, soll heißen, es sieht teurer aus, als es ist, weil man im Schnitt die ganzen Absurditäten elegant untern Tisch fallen lässt.

Sie sind dann aber irgendwann an die Westküste gezogen. Wie ist allgemein die Stimmung in Hollywood?

Anja Marquardt: Ab 2014 habe ich viel Zeit in Los Angeles verbracht. Der Umzug dorthin hatte mit der Entscheidung für eine bestimmte Lebensqualität zu tun. Mein Standbein in Deutschland habe ich nie aufgegeben. Aktuell verbringe ich auch wieder mehr Zeit in Berlin. Das ist in Zeiten dieser kolossalen globalen Umbrüche ganz gut. In den USA werden die Weichen gerade in eine ganz perfide Richtung gestellt. Die Schauer, die mir als Deutsche in den Staaten dabei über den Rücken laufen, lassen sich nicht ignorieren – bei all der Sonne und bei all den Palmen in L.A.. Seit den Streiks versuchen viele in Hollywood, das Ruder wieder in eine gute Richtung herumzureißen. Aber die Stadt L.A. ist extrem betroffen von dem Wandel in der Film- und Fernsehlandschaft. Seit 2014 habe ich noch nie ein Jobangebot bekommen, das direkt in L.A. selbst dreht. Es wird oft auf andere Produktionsstandorte ausgewichen, sogar bis nach Europa. Momentan wird viel in New Jersey und London gedreht… Bei „His & Hers“ bestand die Crew aus extrem hochqualifizierten Leuten, die arbeitslos waren. Wir konnten uns aussuchen, wen wir wollten. Das war ein surrealer Zustand. Normalerweise hätten dutzende Produktionen um die gleichen Leute gebuhlt.

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„His & Hers“ mit Tessa Thompson und Jon Bernthal (Credit: Netflix 2025)

Wie geht es bei Ihnen weiter? An was arbeiten Sie?

Anja Marquardt: Ich freue mich auf ein Projekt, das 2026 weiter vorangetrieben wird. Es spielt zwischen Deutschland und den USA, wird auch deutsch-amerikanisch produziert. Es ist inspiriert von den Lebensgeschichten zweier Sportlerinnen, die sich Ende der Achtzigerjahre gegenüberstanden und gegeneinander um eine Goldmedaille antreten mussten. Eine der Sportlerin ist deutscher, die andere amerikanischer Herkunft. Thematisch geht es um Propaganda und die Frage, ob eine schwarzweiß gemalte Welt existieren kann. Das Projekt ist als Miniserie konzipiert. 

Würden Sie auch gerne mal wieder Kino machen?

Anja Marquardt: Ich würde unglaublich gerne als nächstes einen Kinofilm drehen. Der Realist in mir sagt allerdings, dass es nicht klappen wird. Ich bin hauptberuflich Filmemacherin, insofern sind bestimmte Parameter damit verknüpft, denen ich mich nicht entziehen kann. Das Licht muss anbleiben, die Familie muss ernährt werden… Aber es gäbe nicht schöneres, als in der nahen Zukunft an einem Kinofilm zu arbeiten. 

Das Interview führte Barbara Schuster