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Ali Samadi Ahadi zu „Sieben Tage“: „Ich habe sehr für den Film gekämpft“


Ali Samadi Ahadi kennt man für seine Familienfilme, aber auch für engagierte Dokumentarfilme. Jetzt hat der zwölfjährig aus dem Iran geflohene Filmemacher mit Wohnsitz in Köln mit „Sieben Tage“ ein engagiertes Politdrama gedreht, das auf einem Drehbuch von Mohammad Rasoulof basiert und von Little Dream Pictures am 15. Mai ins Kino gebracht wird. 

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Ali Samadi Ahadi, Regisseur von „Sieben Tage“ (Credit: brave new work)

Sie machen unterschiedlichste Filme: Family-Entertainment, Dokumentarfilm, jetzt ein politisches Drama. Was ist Ihr Selbstverständnis als Filmemacher?

Ali Samadi Ahadi: Ich bin ein Geschichtenerzähler. Der Ansatz, den ich habe, um Geschichten zu erzählen, ist ganz einfach: Ich frage mich, wie diese Geschichte erzählt werden will und für wen diese Geschichte erzählt werden will. So vermeide ich es, mich dem Projekt aufzudrängen. Ich versuche, die Notwendigkeit, die das Baby hat, zu entdecken und mein Know-how, mein Wissen, meine Erzählweise den Bedürfnissen des Projekts anzupassen.

Was aber muss eine Geschichte mitbringen, damit Sie ihr Erzähler sein wollen?

Ali Samadi Ahadi: Die Geschichte sollte Ebenen haben, die mich fesseln und nicht loslassen. Etwas, das für mich selbst eine große Frage darstellt. Dann wird das Entwickeln und Produzieren und das Gespräch mit den Zuschauern wie eine gemeinsame Suche nach Antworten.

Was hatte „Sieben Tage“, dass Sie diese Geschichte erzählen wollten?

Ali Samadi Ahadi: Diese Geschichte ist die Geschichte von vielen starken, hauptsächlich Frauen – und auch Männern –, die für Grundwerte, die wir als selbstverständlich erachten, ihr Leben riskieren. Diese Menschen kämpfen auf der einen Seite zunächst für ihre individuellen Rechte, also kein Kopftuch tragen zu müssen, keinen Rahmen gesetzt zu bekommen, was man arbeiten darf, wo man hingehen darf und so weiter. Auf der anderen Seite aber haben sie verstanden, dass sie ihre individuellen Rechte nur dann erlangen können, wenn alle diese Rechte haben. Deshalb sind sie bereit, ihr Leben zu riskieren, damit andere die Freiheit, die Gleichberechtigung und ein Leben in Würde erfahren dürfen.

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Malika Rabahallah und Ali Samadi Ahadi bei der Premiere von „Sieben Tage“ (Credit: Michael Kottmeier/ Filmfest Hamburg 2024)

Das Drehbuch wurde von Mohammad Rasoulof geschrieben. Stand immer fest, dass er „Sieben Tage“ nicht selbst drehen würde?

Ali Samadi Ahadi: Ursprünglich wollte er den Film selber machen. Doch dann kam die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“. Er wurde verhaftet, wie viele andere Kollegen. Als er aus dem Gefängnis herauskam, hat er über Umwege den Kontakt aufgenommen und sagte mir, er stünde so unter Druck, dass er „Sieben Tage“ nicht machen könne, ob ich es nicht übernehmen könne. Ich musste erst einmal in mich gehen und darüber nachdenken. Es war eine Riesenverpflichtung – nicht nur ihm und den Frauen, die gemeint sind, sondern auch 85 Millionen Menschen gegenüber.

„Die Menschen mussten so geschützt sein, der Dreh musste so geheim stattfinden, dass ihnen keine Schwierigkeiten bei der Rückkehr in den Iran drohten.“

Das Ganze spielt im Winter und im Schnee – es gab also auch einen gewissen Zeitdruck, nicht wahr?

Ali Samadi Ahadi: Mohammad hatte den Kontakt im Juli gesucht, und ich brauchte bis Mitte August, um mir klar zu werden, mit meiner Familie und Kollegen zu sprechen. Von September bis Februar hatten wir Zeit, den Film zu finanzieren, Locations zu suchen, den Cast zusammenzustellen, dann zu drehen, zu schneiden und fertigzustellen. Das ist schon sehr schwierig für ein normales Filmprojekt, das nicht geheim gehalten werden muss und mit vielen logistischen und produktionstechnischen Herausforderungen konfrontiert wird – wie dem Dreh im Schnee bei bisweilen minus 25 Grad. In unserem Fall war es schier unmöglich.

Gab es unmittelbare Gefahr bei Dreh und Fertigstellung? Gibt es Repressalien für Beteiligte an der Produktion?

Ali Samadi Ahadi: Die Gefahr gab es. Sie betraf auch uns. Aber am meisten betraf sie die Kollegen, die aus dem Iran kamen. Das war der schwierigste Aspekt von allen. Die Menschen mussten so geschützt sein, der Dreh musste so geheim stattfinden, dass ihnen keine Schwierigkeiten bei der Rückkehr in den Iran drohten. Zu diesem Zeitpunkt war auch Rasoulof selbst noch im Iran. Es war also wichtig, dass nicht auch er in Risiko geriet. Geheimhaltung war für uns oberste Priorität. Auf der anderen Seite mussten wir aber auch die Schauspieler:innen und das Team zusammenstellen, das Projekt vom Boden bekommen. Es war immer ein Hin und Her, ein fortwährendes Abwägen, wie weit wir nach außen treten, wie weit wir Informationen zurückhalten müssen.

Hatten Sie iranische Darsteller:innen, die wieder in den Iran zurückgekehrt sind?

Hatten Sie iranische Darsteller:innen, die wieder in den Iran zurückgekehrt sind?

Ali Samadi Ahadi: Unsere Schauspieler:innen waren alle aus der Diaspora. Unsere Hauptdarstellerin Vishka Asayesh hatte das Land aus Protest gerade zwei oder drei Monate vor unserem Dreh verlassen. Sie hatte gesagt, dass sie nicht länger unter diesem Regime arbeiten wollte. Wir konnten sie für unser Projekt überzeugen. Das war ein Riesengewinn.

Sie sprechen die Diaspora an. Mohammad Rasoulof sagte in seinem Interview mit SPOT, er verstehe die außerhalb des Iran lebenden Iraner als eine Art „kulturellen Iran“, ein kollektives iranisches Bewusstsein. Sehen Sie das auch so?

Ali Samadi Ahadi: Ich stimme ihm nicht zu. In meinen Augen gibt es so etwas nicht. Ich glaube, das ist ein nostalgischer Blick auf die Diaspora. Denn sie ist nicht homogen, sondern sehr divers. Die Menschen, die in den letzten 47 Jahren der Unterdrückung in der ganzen Welt verstreut wurden, haben alle ein anderes Bild vom Iran und eine andere Vision. Das Iran-Bild, das jeder von ihnen im Herzen trägt, ist anders. Manche haben den Iran vor 40 Jahren, manche vor drei Jahren, manche vor zehn Jahren verlassen. Bei vielen ist das Iran-Bild nie wieder aufgefrischt worden. Sie waren nie mehr dort. Das zweite Dilemma ist, dass die Iraner, die in Deutschland leben, die Denk- und Lebensweise in Deutschland übernehmen, während die Iraner in den USA von der Kultur und der Politik in den USA geprägt werden. Die Diaspora ist nicht homogen. Sie ist im Gegenteil zutiefst gespalten. Das sieht man auch in den Bewegungen, die stattfinden. Die Menschen im Iran leben zusammen, wissen vom Leid und Schmerz voneinander. Im Ausland sehe ich dagegen viel Spaltung, weil wir das, was dort passiert, aus der Ferne nicht in allen Dimensionen und Details erfassen können – und dementsprechend sind die Lösungsansätze, die aus der Diaspora kommen, nicht den Situationen entsprechend.

„Ich verstehe mich als deutscher Filmemacher, weil die deutsche Gesellschaft mir am nächsten ist.“

Gilt das auch für die Filmschaffenden?

Ali Samadi Ahadi: Kein Land hat außerhalb seiner eigenen Grenzen so viele namhafte Filmemacher wie der Iran – er hat die größte Diaspora der Filmgeschichte. Kein Land hat so viele Filme, die gar nicht im eigenen Land entstanden sind. Das ist der Langlebigkeit dieses Regimes geschuldet – 47 Jahre Zensur und Verfolgung der Filmschaffenden. Aber zugleich sind die erfolgreichsten Filmemacher in dieser Diaspora vornehmlich die, die außerhalb des Irans geboren wurden oder in sehr jungen Jahren das Land verlassen haben. Lassen Sie mich stellvertretend Marjane Satrapi, Ali Abbasi, Arash Riahi oder auch mich nennen. Ich kam mit zwölf nach Europa und habe hier Wurzeln geschlagen. Wir kennen die Kultur, kennen die Sprache, kennen die Bedeutung der Wörter – nicht nur in der ersten, sondern auch in der zweiten Reihe. Es herrscht eine große Durchdringung und Identifikation. Das lässt uns Filme in unseren zweiten Heimaten, also außerhalb des Irans, machen, die die westliche Welt kennt und versteht. Erwachsene iranische Filmschaffende, die im Iran sozialisiert wurden – wie Amir Naderi, Makhmalbaf, Kiarostami, Gobadi oder Asghar Farhadi – sind daran gescheitert. Sie haben mit in ihrer Heimat entstandenen Filmen große Triumphe gefeiert, waren aber, als sie ins Exil gingen, weniger erfolgreich. Sie sind gescheitert, weil natürlich das Verständnis von der Sprache und der Kultur essenziell ist, um die neuen Geschichten und die neuen Zuschauer zu verstehen. Bei den Schauspieler:innen ist es noch drastischer, weil sie in fremden Sprachen spielen müssen.

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„Sieben Tage“ von Ali Samadi Ahadi (Credit: Little Dream Entertainment)

Sie leben in diesem Jahr seit 40 Jahren in Deutschland. Haben Sie Sehnsucht nach dem Iran?

Ali Samadi Ahadi: Sehnsucht habe ich nach den Straßen, in denen ich groß geworden bin. Ich habe Sehnsucht nach der Sprache. Ich habe Sehnsucht nach meiner Familie und meinen Verwandten. Ich habe Sehnsucht nach dem Geruch und den Geräuschen. Die trage ich in meinem Herzen und meinen Sinnen, und ich versuche immer wieder, sie mir zu vergegenwärtigen. Aber das hat nichts zu tun mit dem heutigen Iran. Es sind konservierte Gedanken, die nicht viel mit dem realen Land von heute gemein haben. Ich kann mir vorstellen, dass das Verlieben wieder passiert, wenn ich wieder im Land wäre. Ich sage immer, ich hätte zwei Heimaten. Ich vergleiche das mit zwei Kindern von mir. Ich liebe ein Kind nicht mehr als das andere. Ich liebe sie beide gleich viel. Aber die Aufmerksamkeit ist meistens bei dem Kind, das krank ist und leidet, dem etwas fehlt. In diesem Fall ist mein Herz des Öfteren mit dem Iran – aber aktuell auch sehr mit Deutschland, wenn ich feststelle, was hier gerade politisch und gesellschaftlich passiert. Der Iran ist ein Kind, das weit weg ist. Es ist nicht mehr das Gleiche. Es ist gewachsen, hatte Stimmbruch und hat sich verändert – während mein Bild das eines kleinen Kindes ist. Und doch liebe ich es von ganzem Herzen. Wenn ich es jetzt sehen würde, würde ich es sofort in die Arme schließen.

Identifizieren Sie sich als iranischer oder als deutscher Filmemacher? Oder ist das egal, weil Film universal ist, die Weltsprache schlechthin?

Ali Samadi Ahadi: Ich verstehe mich als deutscher Filmemacher, weil die deutsche Gesellschaft mir am nächsten ist. Ich kenne keine andere Gesellschaft, kein anderes Land besser als Deutschland. Wenn ich durch die Straße gehe, weiß ich, was hinter den Fenstern passieren kann. Das kann ich in Frankreich, Polen, Spanien, Italien oder Ägypten nicht behaupten. In Deutschland kann ich es. Deshalb bin ich in erster Linie ein deutscher Regisseur.

„Ich habe versucht, über mich selbst hinauszuwachsen, um dem Film zu dienen.“

Wie macht dann ein deutscher Regisseur einen Film wie „Sieben Tage“?

Ali Samadi Ahadi: Das war eine große Herausforderung. Ich habe Unterstützung gebraucht – von Menschen, die mich der Gesellschaft, dem Geruch, dem Aussehen, den Kleidern, den Straßen, der Sprache näherbringen. Dabei spielte meine Hauptdarstellerin Vishka Asayesh eine große Rolle, weil sie gerade erst aus dem Iran gekommen war, ganz nah noch dran war. Genauso wie andere Kollegen hinter der Kamera, die aus dem Iran kamen und eine unschätzbare Hilfe waren. Wir haben all ihre Erfahrungen in das Drehbuch einfließen lassen. Wir mussten es in die Umgangssprache übersetzen. Ich habe auch das Ende geändert, habe einige Szenen komplett umgeschrieben. Und das ging nur mit Hilfe der Kolleg:innen, die mir das aktuelle Bild Irans nahebrachten. Und natürlich haben Sie recht: Film ist eine Weltsprache. Aber er muss verankert sein. Dieser Film hat den Anker im Iran. Und er kann nur funktionieren, wenn man den Iran im Film glaubt.

Ist es Ihnen gelungen?

Ali Samadi Ahadi: Ich hoffe. Ich glaube. Es ist mir eine große Freude, wenn ich nach den Screenings mit Iraner:innen ins Gespräch komme und sie nicht glauben können, dass wir gar nicht im Iran gedreht haben.

Hat Mohammad Rasoulof den Film gesehen?

Ali Samadi Ahadi: Er war beim Screening auf dem Filmfestival in Göteborg im Publikum. Als er nach vorne auf die Bühne kam, hat er geweint. Er war sehr berührt. Auch Narges Mohammadi, auf deren Erlebnissen „Sieben Tage“ basiert, hat ihn gesehen. Sie meinte, dass sie sich mit der Maryam des Films sehr identifizieren kann.

Wie geht es Ihnen mit dem Film?

Ali Samadi Ahadi: Ich kann immer nur sagen, dass ich das Beste gegeben habe, was ich kann. Ich habe sehr für den Film gekämpft. Ich habe versucht, über mich selbst hinauszuwachsen, um dem Film zu dienen. Ich habe versucht, Menschen für diesen Film zu gewinnen, die weitaus besser sind als ich. Ich wollte, dass ich das schwächste Glied in der Kette bin. Das ist mir gelungen. Der Film sollte die besten Mütter und Väter haben, um groß zu werden. Ich kann sagen, dass ich zu dem Zeitpunkt, als ich den Film gemacht habe, an nichts gespart habe, um dieses Kind gedeihen zu lassen und aufwachsen zu sehen.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.