Mit „Franz K.“ legt die legendäre Filmemacherin Agnieszka Holland eine Filmbiographie über Franz Kafka vor, wie man es noch nie gesehen hat. Als Koproduktion mit X Filme (Uwe Schott, Jorgo Narjes) und mit dem fabelhaften Newcomer Idan Weiss in der Hauptrolle entstanden, startet der polnische Oscar-Vorschlag am 23. Oktober im Verleih von X Verleih in den deutschen Kinos. Wir sprachen mit der Filmemacherin über ihren besonderen Erzählansatz.

Ihnen ist mit „Franz K.“ eine höchst ungewöhnliche Filmbiographie gelungen, die fast alle Konventionen dieser filmischen Form umschifft. Gestatten Sie in diesem Zusammehang die vermessene Frage, was für einen Film sie explizit NICHT machen wollten?
Agnieszka Holland: Als ich mit dem Autor Marek Epstein vor einigen Jahren an „Charlatan“ gearbeitet habe, ebenfalls eine wahre Geschichte mit realen Figuren im Mittelpunkt, sind wir sehr geradlinig vorgegangen, war die Erzählung eher konventionell. Es war eine gute Erfahrung mit ihm, wir haben sehr harmonisch gearbeitet, und ich wollte diese Zusammenarbeit gerne fortsetzen. Ich habe ihm also „Franz K“, vorgeschlagen, einen Film über Franz Kafka, aber ich habe ihm gleich gesagt, dass ich nicht nach Schema F vorgehen wollte, dass ich das Prinzip klassischen Storytellings nicht in Betracht ziehen würde. Das ist doch vollkommen irrelevant, sagt nichts über einen Menschen aus und schon gar nicht über Kafka. Er ist kein Autor, bei dem man mit einem regulären Biopic besonders weit kommt. Wem wäre geholfen, wenn man sein Leben von A bis Z nacherzählt oder eine Erzählform findet, in der das Leben anhand von Rückblenden aufgefächert wird?
Wie reagierte Marek Epstein?
Agnieszka Holland: Sein erster Impuls war ein anderer Ansatz, nämlich eine bestimmte Episode aus Kafkas Leben herauszugreifen. Das gefiel mir auch nicht, weil das eine andere Konvention ist, ein klassisches Biopic zu gestalten. Entweder dramatisiert man das gesamte Leben, oder man pickt sich einen Abschnitt heraus, weil man findet, dass er etwas Profundes über den jeweiligen Menschen erzählt. Wissen Sie, was mir an diesen Filmbiographien nicht gefällt?
Sie werden es mir hoffentlich gleich sagen…
Agnieszka Holland: 50 Prozent der Energie wird aufgewandt, um Informationen in Form einer Dramatisierung zu vermitteln. Ich halte das für völlig uninteressant, ich hasse das. Es langweilt mich. Ich habe Marek gesagt, dass wir einen anderen Ansatz verfolgen sollten, eine Suche nach Franz. Ich wollte, dass wir ihn aus verschiedenen Perspektiven betrachten und uns auf diese Weise an ihn annähern. Er ist ein Schriftsteller, der einen nicht so leicht an sich heranlässt, gleichzeitig ist kaum ein Schriftsteller so introspektiv wie er. Er schrieb hunderte von Briefen und füllte Tagebücher mit endlosen Details über jeden Moment seiner Gefühle. Alles bla bla. Man bekommt ihn nicht zu greifen.
Und doch scheinen Sie sich ihm sehr nah zu fühlen.
Agnieszka Holland: Ich war vierzehn oder fünfzehn, als ich „Der Prozess“ zum ersten Mal gelesen habe. Ich habe mich sofort in ihn verliebt, habe alles verschlungen, was er geschrieben hat. Sehr früh habe ich dabei seine Briefe an seine enge Freundin Milena Jesenská entdeckt, die in meinem Film von Jenovéfa Boková gespielt wird; für mich die Texte von ihm, die am tiefsten blicken lassen. Und doch lassen auch sie keine definitiven Rückschlüsse zu. Ich finde es selbst wunderbar kompliziert und wollte genau das auch in meinem Film ausdrücken. Dazu kommen meine Eindrücke aus dem Prag von heute, die überhaupt der Auslöser für mich waren, einen Film über Kafka machen zu wollen. Die Tschechen haben Kafka lange Zeit keine große Bedeutung beigemessen. Während des Zweiten Weltkriegs war er ein obskurer deutscher Jude. Als er nach dem Krieg weltweit mehr und mehr als ein prophetischer großer Schriftsteller angesehen wurde, war die CSSR unter der Knute Stalins und tat Kafka als bourgeoisen Degenerierten ab. Nur während des Prager Frühlings spielte er kurz eine wichtige Rolle, danach wurde er die nächsten 20 Jahre wieder ignoriert. Mit der Freiheit kam der freie Markt, und auf einmal wurde Kafka als Zugpferd für den Tourismus entdeckt. Keiner spült mehr Geld in die Kassen als er, neben dem kleinen Maulwurf das bestverkaufte Aushängeschild Prags. Ich fragte mich, was Franz wohl davon halten würde, eine Kitschikone seines Landes geworden zu sein, inklusive Museum und Statue. Und dann fragte ich mich, wie sein Vater das wohl sähe, wie glücklich er wäre zu sehen, welchen Stellenwert sein Sohn besitzt.
„Für mich war er immer auch verspielt, schelmisch, lustig manchmal, voller Lust auf das Leben und offen für körperliche Wonnen.“
Agnieszka Holland
Es rumorte in mir.
Agnieszka Holland: Mein ganzes Leben hat mich dieser Mann begleitet, als junge Frau habe ich einmal „Der Prozess“ für das Fernsehen adaptiert. Für mich war er nie diese brütende, düstere Gestalt, als die die Welt ihn sieht. Dieses Bild habe ich nie gekauft, so habe ich seine Geschichten nie verstanden. Für mich war er immer auch verspielt, schelmisch, lustig manchmal, voller Lust auf das Leben und offen für körperliche Wonnen, manchmal auch fragil und ängstlich, einerseits angepasst, andererseits mutig und stark, auf jeden Fall keine eindimensionale Figur, die man in eine Schublade schiebt und gut. All das wollte ich zeigen, in einem Film. Sie werden verstehen, dass das nie möglich gewesen wäre, wenn man ein konventionelles Biopic gemacht hätte.
Gerade der Umstand, dass sich Ihr Film nie ausrechnen lässt, er viele Dinge ist und da oft gleichzeitig, macht ihn so faszinierend. Er ist ernst, er ist politisch, er ist sehr lustig, immer wieder. Er ist indes nie kafkaesk.
Agnieszka Holland: Nichts ist je final mit Kafka. Daran musste ich immer denken beim Machen des Films. Als wir „Der Prozess“ gedreht haben, dachte ich, ich hätte Schlüssel gefunden, vor 45 Jahren. Aber das ist ein Trugschluss, das denkt man nur. Keinem kann das gelingen. Deshalb ist der Film auch nicht endgültig, niemals endgültig. Das geht überhaupt nicht, wenn man sich ernsthaft mit Kafka befasst. Man kann nur immer wieder neue Anläufe wagen, aus verschiedenen Blickwinkeln. Genau das war die Maßgabe des Films. Deshalb hat es auch so viel Spaß gemacht.

Wie sehr ist dieser Film beim Machen entstanden? Natürlich hatten Sie ein Drehbuch, keine Frage, aber doch wirkt es so, als würde der Film immer wieder bei sich selbst nachhaken, neue Wege antesten.
Agnieszka Holland: Der Film hat sich mehrfach neu erfinden. Erst beim Schreiben des Drehbuchs, bei dem wir immer wieder neue Anläufe unternommen hatten, bis wir eine Form gefunden hatten, die all die Aspekte enthält, die uns wichtig waren. Dann bei der Vorbereitung, als wir das Drehbuch mit Kameramann Tomasz Naumiuk und Szenenbildner Henrich Boraros durchgingen und überlegten, wie wir es umsetzen könnten. Dann bei der Suche nach Drehorten, als wir die Geschichte den Gegebenheiten anpassen mussten. Und dann wieder beim Dreh, als die Schauspieler sich einbrachten und wir spürten, was funktioniert und was nicht. Wenn wir neue Ideen hatten, haben wir sie sofort umgesetzt. Die tschechische Crew war für mich die beste Crew der Welt. Sie war präzise und organisiert wie eine amerikanische Crew, aber sie bringt die Fantasie einer polnischen Crew mit. Sie machen jede Kehrtwende mit, bei Amerikanern wäre das unmöglich. Der Prozess war sehr kreativ, er war großartig.
„Ich bin froh, dass ich diese Entscheidung getroffen habe. Ich hätte sonst nie diese großartigen jungen deutschen Schauspieler kennengelernt.“
Agnieszka Holland
Sie haben den Film weitestgehend auf Deutsch gedreht, außerdem auf Tschechisch und Jiddisch. Fiel Ihnen das leicht?
Agnieszka Holland: Ich hatte zuvor schon zwei Filme auf Deutsch gedreht. Es war mir also nicht neu, ich wusste, dass ich das kann, wenn ich mit einem Übersetzer arbeite und mit den Schauspielern kommunizieren kann. Aber klar, es ist schwieriger, als wenn man in seiner eigenen Sprache dreht. Ich vermute, ich habe eine masochistische Ader, dass ich mir das angetan habe. Es gab bei „Franz K.“ nur keinen Weg drumherum. Ich habe darum gekämpft, den Film in den richtigen Sprachen drehen zu können. Kafka hat auf Deutsch geschrieben, sprach Deutsch, wurde aber nicht als Deutscher anerkannt. Muttersprachliche Autoren in Deutschland empfanden ihn als bizarr, merkwürdig. Deutsche Juden sahen ihn als tschechischen Juden, tschechische Juden als deutschen Juden. Er wusste nie, wo er hingehörte, was seine Identität war, besonders nach dem Ersten Weltkrieg. Ich bin froh, dass ich diese Entscheidung getroffen habe. Ich hätte sonst nie diese großartigen jungen deutschen Schauspieler kennengelernt. Für mich stellen sie die beste Generation dar seit den Zeiten von Fassbinder und Schlöndorff. Ein Geschenk des Himmels!
War es Ihnen wichtig, für die Hauptrolle einen Schauspieler zu wählen, der noch nicht über allzu viel Kameraerfahrung verfügt?
Agnieszka Holland: Das spielte für mich keine Rolle. Ich wollte einfach nur den Richtigen finden. Idan Weiss brachte all das mit, wonach ich gesucht hatte, diese tiefe Aufrichtigkeit, ein stilles Fragen in seinen Augen. Seine Augen waren für mich das Fenster zu Kafkas Seele. Bevor er mir vorgeschlagen wurde, hatte ich der Casterin gesagt, dass ich jemanden suche, der genau das nicht macht, was Schauspieler eigentlich immer machte: Er sollte nicht so tun als ob. Er sollte genuin sein. Auf Idan trifft das zu.

Gerade Ihre jungen Darsteller sind ausgezeichnet. Katharina Stark war noch nie so gut wie als Kafkas Schwester Ottla…
Agnieszka Holland: Es berührt mich, wenn Sie das sagen. Ich will nicht vermessen klingen, aber weil ich mich schon als Mädchen so sehr mit Kafka angefreundet hatte, fühlte ich mich immer ein bisschen wie seine Schwester, weshalb mir Ottla besonders wichtig ist, besonders nahesteht. Sie ist so etwas wie mein Alter ego, mein emotionaler Zugang zu Kafka. Katharina ist erstaunlich. So hat nicht besonders viele Szene, drückt in der Kürze der Zeit aber alles aus, was relevant ist.
„Franz K.“ folgt auf „Green Border“, eine essenzielle, aber auch sehr intensive Seherfahrung. Könnte man Ihren neuen Film als bewussten Gegenentwurf zu diesem harten, in Schwarzweiß gedrehten Drama ansehen?
Agnieszka Holland: Nach „Green Border“ musste ich etwas Anderes machen. Einen solchen Film hätte ich nicht noch einmal machen wollen. Das wäre zu viel gewesen für mich, es wäre zu deprimierend gewesen. Ich bin froh und stolz, „Green Border“ gemacht zu haben, ein Film, der aus einer großen Wut und Verzweiflung heraus geboren wurde. Aber für meine eigene kreative Gesundheit musste ich etwas anderes machen, einen Film, der mich nicht umklammert und mir die Luft abdrückt. „Franz K“ ist dieser Film, ein Experiment in Freiheit, eine der besten Erfahrungen meiner Laufbahn als Filmemacherin. Ich wünschte mir, es könnte jedes Mal so sein.
Das Gespräch führte Thomas Schultze.