Beim traditionellen Fazit-Gespräch mit der Presse waren die fehlenden 50.000 Euro im Festivaletat der Nordischen Filmtage Lübeck ab dem kommenden Jahr ein Thema – aber auch die selbst in die Hand genommenen Festival-Verbesserungen in diesem Jahr und Hailers Abschied als Künstlerischer Leiter.

Am finalen Festivaltag, dem Sonntag, haben Geschäftsführerin Susanne Kasimir und der Künstlerische Leiter Thomas Hailer traditionell zum Fazit-Gespräch der Nordischen Filmtage Lübeck geladen. Im Fokus standen die Zuschauerzahlen, die von Thomas Hailer bei der Preisverleihung angesprochenen 50.000 Euro weniger im Festivaletat 2026 sowie Hailers Verabschiedung als Künstlerischer Leiter.
Die Formulierung zu den Zuschauerzahlen wurde im Vergleich zur samstäglichen Preisverleihung noch ein klein bisschen zurecht gezurrt, wobei sich am positiven Trend nichts änderte. Jetzt sprach man konservativ und kaufmännisch anstelle von 16 Prozent mehr Ticketverkäufen von gut 15 Prozent. Das sei ein belastbarer Wert angesichts der bisherigen Daten, auch wenn mit dem Sonntag noch ein Festivaltag in den Kinos anstand.
Geschäftsführerin Susanne Kasimir sagte zum von der Politik geplanten kleineren Festivaletat ab dem kommenden Jahr: „Mit dieser Einsparung werden wir uns im nächsten Jahr auseinandersetzen. Man muss immer die Folgen dabei bedenken.” Das Festival habe keine Rücklagen oder Polster und müsse schauen, wo dann eingespart werde.
Sie wollte aber prinzipiell diese politische Entscheidung nicht bewerten. Denn sie sieht das Festival als Teil der Hansestadt Lübeck an. Sie erklärte nochmal genauer die Hintergründe. Im Stadthaushalt gibt es einen Minusbetrag von 1,6 Millionen Euro. Deswegen beschlossen Grüne, FDP und CDU eine Umverteilung bei der Kulturförderung. Es sei keine Zuschusskürzung, sondern eine Budgetbegrenzung. Eine der beiden davon betroffenen Kulturinstitutionen waren jetzt die Nordischen Filmtage.
Thomas Hailer hofft auf Mehrheiten, um die 50.000 Euro wieder zurückzunehmen
Der scheidende Künstlerische Leiter Thomas Hailer konnte dahingehend ein bisschen deutlicher werden. Am großen Abend der Preisverleihung hatte er die Budgetbegrenzung auf der Bühne angesprochen und das Ganze als Zäsur bezeichnet, weil es das erste Mal in der Geschichte des Festivals sei, dass es einen Schritt zurück ginge.
Die eingesparten 50.000 Euro nützten in seinen Augen niemanden etwas. Er bezeichnete das Ganze als Entsolidarisierung und hofft, dass in Lübeck noch politische Mehrheiten lauern, welche die Entscheidung nochmal zurücknehmen.
Geschäftsführerin Kasimir: „Mir ist Verankerung des Festivals in Stadtgesellschaft wichtig”
Geschäftsführerin Kasimir ist als Lübeckerin die Verankerung des Festivals in die Stadtgesellschaft sehr wichtig. Sie schwärmte von der intensivierten Zusammenarbeit mit den dortigen Institutionen wie zum Beispiel dem Theater Lübeck, wo es nicht nur darum ginge, die Räumlichkeiten zu nutzen, sondern die Kooperation weit darüber hinaus ginge. Auch der in diesem Jahr „old school” mit Stimmkarten und Stimmboxen belebte Publikumspreis sehr gut angekommen.
Kasimir sprach über die gedrehten Stellschrauben, die über das neue Ticketing-System hinausgegangen seien. „Wir haben dahingehend auch ein verstärktes Marketing gemacht, um mehr Sichtbarkeit herzustellen.” Den Preistarif, dass Tickets zum Beispiel nicht mehr online als an der Tageskasse kosten, sei noch besser gelungen.
„Man hat mir einen unfassbar schönen Abschied verschafft”
Ansonsten schwärmte Hailer beim Fazit von den frischen Festivaleindrücken. Er sei emotional noch etwas geplättet. „Man hat mir einen unfassbar schönen Abschied verschafft.” Er war auch mit der Juryauswahl bei den Preisen des vielfältigen Programms zufrieden.
„Wir hatten thematisch die Ukraine da, wir hatten die Schlaganfallstation auf der Leinwand. Es war alles da. Ich war hin und weg von unserem Dokumentarfilm-Programm. Man will immer die Welt in die Kinosäle holen. Der Preis für ‚Mr. Nobody Against Putin‘ saß einfach”, sagte Hailer und spielte auch auf die prämierten Filme wie „Second Victims” und „Renovation” an.
Auf seinen Abschied angesprochen, führte Hailer aus, dass er damals mit einem Drei-Jahres-Vertrag in der Pandemie in Lübeck angetreten sei. Die verantwortliche Senatorin habe ihn dann gefragt, ob er sich aufgrund dieser Ausnahmesituation noch eine Verlängerung um zwei Jahre hätte vorstellen könne, was er tat.
Er werde kommenden März 67 Jahre alt und hatte auch seine Familie versprochen, dass jetzt Schluss sei. Mit seiner Nachfolgerin Hanna Reifgerst habe sich aus dem Team der Nordischen Filmtage heraus jemand „mit einem großen Organisationstalent und viel Lust auf die Aufgabe” beworben.
Er hoffe nicht, dass er dem Festivalzirkus erhalten bleibe. Dann wiederum erinnerte er auch daran, dass er bei der Berlinale anfangs nur mit zwei Jahren plante und deutlich länger blieb. „Es musste schon Lübeck sein“, betonte Hailer nach dem Berlinale-Engagement seinen Willen, nochmal einem anderen Festival seine Leidenschaft zu geben.
Geschäftsführerin Kasimir sagte abschließend lächelnd: „Ich glaube, wir werden ihn bei der nächsten Festivalausgabe hier wiedersehen.” Dann aber wahrscheinlich „nur” als freundlich empfangenen Besucher und gern gesehenen Gast der Nordischen Filmtage.