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Bozen feiert Christian Petzold 


Heute Abend wurde mit Christian Petzold einer der innovativsten zeitgenössischen Regisseure des deutschen Kinos im Rahmen des 38. Bolzano Film Festival Bozen mit dem Ehrenpreis für eine herausragende Filmkarriere ausgezeichnet. Die Laudatio hielt sein langjähriger Freund und Filmkritiker Peter Körte. 

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Christian Petzold umringt von Peter Körte (l.) und Vincenzo Bugno (Credit: SPOT)

Mit dem Ehrenpreis für eine herausragende Filmkarriere wurde der renommierte deutsche Regisseur Christian Petzold heute Abend im Rahmen des 38. Bolzano Film Festival Bozen geehrt. Als Laudator hatte Festivalleiter Vincenzo Bugno Petzolds langjährigen Freund und Filmkritiker Peter Körte nach Südtirol reisen lassen. „Die Deutsche Bahn hat sogar mitgespielt, was nicht immer der Fall ist“, wie dieser schmunzelnd anmerkte. Seine Laudatio begann Peter Körte auf Italienisch, weil es gut zum Einstieg passte, da er, wie er erzählte, Petzold vor genau 25 Jahren in Venedig kennengelernt habe, als dort sein erster Kinofilm, „Die innere Sicherheit“, gezeigt worden war. 

Hier ein Auszug aus Peter Körtes Laudatio:

„,Die innere Sicherheit‘ erzählt die Geschichte eines Terroristenpaars, das mit seiner Tochter an der Algarve untergetaucht ist, bis die Schatten der Vergangenheit es einholt. Die Inspiration zu seinem ersten Kinofilm war, wie er dann erzählte, Kathryn Bigelows Vampir-Western ,Near Dark‘. Auch die Protagonisten der ,inneren Sicherheit‘ sind Schattenwesen, die sich nach Erlösung sehnen. Die Kritiker aus derselben Generation wie Christian waren sich damals schnell einig: der beste deutsche Film seit langem! Mit diesem Petzold ist zu rechnen. Mir fällt bis heute, wenn ich an ,Die innere Sicherheit‘ denke, eine Szene ein, die ich nie vergessen werde: Da sitzt die Familie im Auto an einer Kreuzung. Alle Ampeln auf rot. Sie warten. Sie warten so lange, bis sie sicher sind, dass es sich um eine Polizeiaktion handelt. Der Vater steigt schließlich mit erhobenen Händen aus dem Auto und genau in dem Moment wird die Ampel grün. Ein paar Monate später lernte ich Christian dann besser kennen in Hannover bei einer gemeinsamen Veranstaltung. Es war ein gelungener, feucht fröhlicher, gesprächsintensiver Abend, weit über die Veranstaltung hinaus.

Ich lernte etwas über seine filmischen Vorlieben und vor allem aber auch über seine Art, über das Kino nachzudenken. Unter den Regisseuren, die ich zu dem Zeitpunkt kannte, war allein Dominik Graf so reflektiert im Umgang mit der eigenen Arbeit und hatte auch einen intellektuell so weit gespannten Horizont wie Christian. Er erzählte zum Beispiel damals, dass er seine Schauspieler zu den Proben zu der ,inneren Sicherheit‘ Verhörprotokolle der griechischen Militärjunta hatte lesen lassen. In der erzwungenen Nähe und Intimität spiegele sich das Binnenverhältnis der Familie in ihrer Isolation an der Algarve. Ich lernte dann auch den Leser Christian Petzold kennen. Und immer, wenn wir uns sehen oder hören, geht es um Literatur und Kino, wenn wir nicht gerade über Fußball reden. Auch dazu hat er dezidiert sehr zeitdiagnostische Beobachtungen. Und ich weiß, dass er auch immer noch Lese- und Sehempfehlungen für seine Schauspieler hat. Empfehlungen, die scheinbar zunächst gar nichts mit dem gemeinsamen Projekt zu tun haben. Aber sobald man genauer einsteigt, liest, hinsieht, dann treten unerwartete Querverbindungen zutage.

Damals, als wir uns kennenlernten, redete niemand von der Berliner Schule. Der Begriff tauchte wohl erst 2001 in einem Artikel in der ,Zeit’ auf. Aber das Label etablierte sich schnell (…). Die Franzosen sprachen lieber von einer ,Nouvelle Vague allemande’  (…). In Deutschland galt diese Art von Kino damals als viel zu intellektuell, was offenbar noch immer, oder besser: schon wieder ein Mangel ist. Langweilig sei das, zu viel lange Einstellungen, eine gewisse Kühle und Distanziertheit. (…) Ja, Christians Filme wirken kühl, sie wirken stilisiert und unheimlich präzise. Sie haben, wenn man so will, eine Kälteschicht und einen Hitzekern, die einander dringend brauchen und bedingen. Diese Art Kino hat viel damit zu tun, dass er wie ich auch in der Provinz aufgewachsen ist, wo es kaum Kinos gab. Die Kinos, die es gab, zeigten nicht die Filme, die wir sehen wollten. So kam es dann, dass man als Jugendlicher, als junger Mensch schon sehr viel über Film- und Filmgeschichte gelesen hatte, bevor man dann endlich die ersehnten Filme sehen konnte. (…) 

Christian ist einer, der seine Filme unglaublich akribisch vorbereitet. Er weiß am Set genau, was er sehen will, er braucht nur wenige Takes. Und seine langjährige Cutterin, Bettina Böhler, hat am Ende der Dreharbeiten eine schon sehr brauchbare Version fertig. Und Christian arbeitet sehr gerne mit vertrauten Personen zusammen. Das sind Arbeitsehen auf Zeit. Von den Schauspielerinnen waren das zunächst Julia Hummer, es folgten die langen Jahre mit Nina Hoss und Barbara Auer und Paula Beer ist seit ,Transit’ da. Ganz so stabil und die Filme prägend sind die Beziehungen zu den Männern nicht. Außer zu Hans Fromm, dem Kameramann, der war eigentlich schon immer da. 

Es gibt dann auch ein paar vertraute, in immer neuen Varianten wiederkehrende Motive in Christians Arbeiten. Das Kino, hat er mal gesagt, sei eine Sammlung unerlöster Menschen. Schattenwesen, Gespenster findet man vor allem in seinen frühen Filmen. ,Die innere Sicherheit’ sollte sogar ursprünglich ,Gespenster’ heißen. 2005 drehte Christian dann den Film, der so heißt, ,Gespenster’. Die Suche nach einer verlorenen Tochter. Das sind Menschen, die nach einem neuen Leben suchen, nach Erlösung durch Liebe. (…) Es ist natürlich auch kein Zufall, dass Christian immer wieder gern über George Romeros ,Night of the Living Dead’ redet.

Auch seine Filme sind bevölkert von Menschen, die schon ein Leben verloren haben, die nicht einsehen wollen, dass sie tot sind. Die im Zwischenreich zwischen den Lebenden und den Toten hausen. Das heißt aber nicht, Christian erzähle Gespenstergeschichte im landläufigen Sinne. Im Gegenteil. Seine Filme haben ein ausgeprägtes Gegenwartsbewusstsein und einen ausgeprägten Sinn für Schauplätze und Details. Ich behaupte immer, man wird, wenn man sich in 20 Jahren einen Film wie ,Jerichow’ zum Beispiel ansieht, sofort wissen, wie es in Deutschland jener Jahre aussah, wie die Menschen dort lebten und was sie fühlten. Christian hört auch dann nicht auf von der Gegenwart zu erzählen, wenn die Geschichten in der Vergangenheit spielen. Wie ,Barbara’ aus dem Jahr 2012 und ,Transit’ von 2018 (…). Christian hat sich diese historischen Reisen erarbeitet wie einen neuen Karriereschritt. Ich habe zwar nie gefragt, ob er einen Karriereplan habe. Aber er hat mal selbstironisch gesagt, irgendwann vor vielen Jahren: Er wolle berühmt werden.

Hey, das hat er geschafft (…) Gerade am Umfang mit den Erzähldimensionen des historischen Films, erkennen wir ein Merkmal von Christians Arbeit: er will verknappen, reduzieren, entschlacken, schlanker machen, andeuten, immer nur das Nötigste zeigen und sagen. Er hasse Filme, hat er mal gesagt, die sich ranschmeißen an die Zuschauer, die anschaffen gehen. Das bezieht sich zum einen auf das Protzen mit Production Values, aber vor allem auf ein zufälliges, visuell und erzählerisch denkfaules Kino. 

Bei ,Transit’ war er dann zum ersten Mal so nah an einer Buchvorlage, dass er die Rechte erwerben musste. Und spätestens hier muss ich jetzt auch gerne Harun Farocki erwähnen, Christinas Lehrer an der dffb, sein Mentor, Ko-Autor, dramaturgischer Berater und vor allem sein Freund. Ein Essayist des Kinos, der dessen Bildproduktion reflektierte und dessen Arbeitsweisen. ,Transit’ war der erste Film nach Farockis Tod im Juli 2014. Sie hatten das Projekt zusammen begonnen, aber Christian merkte, dass er noch mal neu beginnen musste. Er hat dann mit Anna Seghers‘ Roman etwas gemacht, wofür es schwer ist, das richtige Verb zu finden. Verfilmen, adaptieren, ist total unscharf. Aktualisieren klingt nach Stadttheater, nach ,Hamlet’ mit Rolex. (…) Christian hat hier ein paar kleinere perspektive Verschiebungen vorgenommen. Er hat auch hier völlig auf jedes Kolorit verzichtet, das immer nur soll, was es nicht kann, nämlich eine vergangene Zeit beglaubigen. 

Auch bei ,Roter Himmel’ aus dem Jahr 2023 steht ganz am Anfang ein Buch, Richard Fords Roman ,Wild Life’ von 1990. (…) Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sich der Wandlungsprozess von diesem Buch zu einer Beziehungs- und Liebesgeschichte an der Ostsee, zu einem ironisches Künstlerdrama vollzogen hat, oder welche verschiedenen bewussten wie unbewussten Einflüsse hier verschmolzen sind. Geblieben aber sind die Waldbrände, die sich nähern, die das Geflecht der Beziehungen eingreifen und die Glut fast zu molodamatischem Ton der Gegenwinde aufkommt Und auch hier gibt es ein fernes, visuelles Echo des Gespenstermotivs, wozu ich jetzt immer nichts mehr sagen werde. Denken Sie vielleicht mal an Pompeij, denken Sie an Menschen, die gestorben sind und dennoch über Jahrtausende im Tod weiter existieren. Mehr nicht. Auch Christians nächster Film ist schon fertig, ,Miroirs, No.3’ mit Arbeitstitel, auch ein Wiedersehen mit alten Bekannten, Paula Beer, Barbara Auer oder Matthias Brandt. Alles ganz vertraut und dann doch wieder ganz neu. Non ha ancora visto il film. Lo vedo l‘ora. Vielen Dank.“

Als kleine Retro zeigt das 38. BFFB Petzolds Filme „Barbara“, „Transit“ und „Roter Himmel“.