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Wes Anderson & Roman Coppola über den Mythos Babelsberg, brutale Antihelden und Glaube im Kino


Nach der umjubelten Cannes-Weltpremiere kommt Wes Andersons und Roman Coppolas neuer Film „Der phönizische Meisterstreich“ am 29. Mai in die Kinos. Im Exklusiv-Interview sprechen sie über ihren brutal düsteren Protagonisten, das Thema Glaube und den Mythos Studio Babelsberg.

Roman Coppola und Wes Anderson
Roman Coppola (l.) und Wes Anderson in Cannes 2025 (Credit: Universal Studios. All Right Reserved)

Es ist fantastisch, dass es jetzt bei Studio Babelsberg ein Gebäude gibt, das nach Ihnen benannt ist. „Der phönizische Meisterstreich“, der am 29. Mai in den deutschen Kinos anläuft, ist ihre fünfte Zusammenarbeit. Woraus besteht der Zauber dieser Kollaboration?

Wes Anderson: Als wir das erste Mal mit Studio Babelsberg bei „The Grand Budapest Hotel“ zusammenarbeiteten, haben wir nicht auf dem Studiogelände, sondern in Görlitz gedreht. Aber die Miniaturen wurden zum Beispiel dort von Simon Weisse angefertigt und Studio Babelsberg war in die Produktion involviert, weil auch ein großer Teil des Teams daherkam. Sie wurden unsere Partner. Als wir weitere Filme machten, wurden sie zu unseren Executive Producers und halfen uns in verschiedenen Angelegenheiten über die Jahre. Wir haben uns angefreundet. Daraus wurde eine kontinuierliche Zusammenarbeit. Hier und da drehten wir mit ihnen auch einen Werbespot. Außerdem hatten wir viele Filme auf der Berlinale. Das verband uns mit Berlin und Deutschland. Aber „Der phönizische Meisterstreich“ war der erste Spielfilm, den wir komplett im Studio Babelsberg drehten. Das war eine großartige Erfahrung. Der Ort hat solch eine mythische Qualität und so viel Filmgeschichte, dass eine gewisse Magie dort zu spüren ist.

Als Filmemacher, die sich eine Geschichte ausdenken, muss es besonders befriedigend sein, wenn die Orte dafür nicht nur von Location Scouts gefunden werden, sondern genau nach den eigenen Vorstellungen gebaut werden wie bei „Der phönizische Meisterstreich“, oder?   

Wes Anderson: Das ist es. Ich finde das sogar aufregend. Es ist das eine, für die Filmemacher zu sehen, wie die Dinge, die man sich vorgestellt hat, lebendig werden, weil die richtigen Orte gefunden werden. Aber manchmal muss es gebaut werden. Und wer davon am meisten profitiert, sind die Schauspieler, weil sie zuerst noch nicht wissen, wie das Set wirklich aussieht, bevor sie es nicht erfahren haben. Sie kennen die Szenen nur aus dem Drehbuch. Wenn sie dann aber tatsächlich in der dort beschriebenen Szenerie stehen wie Benicio del Toro als Sza-zsa Korda in seinen riesigen Räumlichkeiten in „Der phönizische Meisterstreich“, gibt ihnen das was. Sie lieben das. Auch sie finden das aufregend, weil sie heutzutage häufig nur noch an Sets gesagt bekommen, was sie sehen sollen, um dann gegen eine Green Screen zu spielen. Ja, man kann dann immer noch eine großartige Szene spielen, aber es macht ebenso den Schauspielern mehr Spaß, wenn der Ort wirklich da ist.

Herr Coppola, Wes Anderson sagte, dass er bei diesem Filmprojekt als Erstes das Bild von Benicio del Toro im Kopf hatte, der auf die Kamera zuläuft. Wie entwickelt man daraus gemeinsam ein Drehbuch? Kann man sich Sie beide wie Billy Wilder und I.A.L. Diamond vorstellen, die gemeinsam im Büro über der Schreibmaschine lehnen?

Roman Coppola: Beim Drehbuchprozess gibt es verschiedene Facetten, bei denen wir weniger vor einer Schreibmaschine gemeinsam in einem Raum sitzen. Es gibt aber viele Gespräche, insbesondere wenn wir zusammen reisen. Und wir haben einen gemeinsamen Erfahrungsschatz, auf den wir zurückgreifen. Der Prozess an sich ist eher ungewöhnlich. Es entstehen erst kleine Teile der Geschichte. Dann gibt es ein Momentum. Wir treffen uns häufiger und sind sehr aktiv. Aber ich liebe die romantische Idee, an einem Stift zu kauen, wie das diese beiden Hollywood-Typen damals taten.

Wes Anderson: Ich denke, unsere Arbeitsweise ist gar nicht so unähnlich. Billy Wilder und I.A.L. Diamond arbeiteten zusammen in einem Raum. Das machen wir auch. Wir sprechen über die Story, fragen uns gegenseitig Fragen und pitchen gemeinsam die Antworten und verwerfen sie zusammen.   

Roman Coppola: Manchmal heben die Ideen auch ab.

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Benicio Del Toros Figur Zsa Zsa Korda ist bislang einer der düstersten Protagonisten im Schaffen von Wes Anderson (Credit: TPS Productions/Focus Features)

Wie entwickelt sich dann aber ein Charakter wie Benicio del Toros Zsa-zsa Korda, der ein überlebensgroßer Geschäftsmann ist, der dieses gigantische Bau-Vorhaben plant, was wiederum die Handlung in Gang bringt?

Roman Coppola: Als Filmemacher bestimmt Wes den Startpunkt, weil ihn irgendetwas fesselt. Das kann ein sehr befriedigender Prozess sein, wenn sich daraus dann wie bei „The Darjeeling Limited“ zum Beispiel die Idee herausschält, dass drei erwachsene Brüder gemeinsam in einem Zug durch Indien reisen, um ihre Mutter zu treffen. Darauf kann man als Drehbuchautor aufbauen. Bei „Der phönizische Meisterstreich“ steht ein sehr dynamischer Charakter im Mittelpunkt, der eine machtvolle Führerfigur für seine Industrie ist. Dann kommt aber der biografische Fakt hinzu, dass er auch Vater einer Tochter ist, die er eigentlich gar nicht kennt. Das sind sichere Koordinaten, mit denen wir dann herumexperimentieren.

Wes Anderson: Hinzu kommt der Fakt, dass Benicio del Toros Figur nicht tot zu kriegen ist. Er ist ein brutaler und gar nicht netter Mensch, der kein sonderliches Interesse an dem Guten in der Welt hat. Trotzdem ist er als diese Kraft nicht aufzuhalten.

Aus welchen Teilen Ihres Unterbewusstseins ist diese Figur gestiegen?

Wes Anderson: Ich könnte jetzt sagen, dass wir diese oder jene Inspiration aus dem echten Leben hatten. Aber es gibt Männer, die ein bisschen wie Zsa Zsa Korda in der Realität sind, mit denen wir über die Jahre unsere eigenen Erfahrungen gemacht haben. Daher haben wir Details für die Figur genommen. Wenn aber die Frage lautet, warum wir solch eine Figur zum Protagonisten des Films gemacht haben, kann ich nur sagen: Weil er Gestalt angenommen hat und es sich so anfühlte, als ob das unsere nächste Geschichte sein sollte. Ein Teil des Reizes an der Figur war sicherlich, dass sie ein gewisses Geheimnis birgt und dass wir die Düsternis der Figur aufregend fanden. Die Düsternis, was er in seinem Leben erreichen will. Die Grandiosität seiner Selbstverliebtheit kombiniert mit den Schauspielkünsten von Benicio del Toro – das gab uns die Energie, dieses Projekt anzustoßen.

Roman Coppola: Ja, wir fanden das spannend, uns zu fragen, wie solch eine Figur immer weitermacht, obwohl ständig versucht wird, sie umzubringen. Gleichzeitig öffnet sich Benicio del Toros Figur im Laufe des Films wegen der Nahtoderfahrungen dem Glauben, was bei solch einem Typen eher unerwartet kommt.

Wes Anderson: Ja, der drohende Tod ist die andere große Zutat, die wir hinzugaben. Er stirbt, und er stirbt wieder und er stirbt wieder. Das war Teil dieser Figur. Man kann Sza-sza Korda zwar töten, aber er stirbt nicht.

Ja, es gibt diese wunderschön gefilmten Schwarzweiß-Szenen, in denen auch Bill Murray als Gott auftritt. Die erinnern ästhetisch an Ingmar Bergman und Carl Theodor Dreyer. Aber Luis Buñuel soll auch eine größere Inspiration gewesen sein.

Wes Anderson: Luis Buñuel war eine Inspiration. Aber Bergman und Dreyer standen mehr beim Visuellen Paten. Bei Buñuel ist es seine Persönlichkeit in Verbindung mit dem katholischen Glauben. Ich würde es nicht Launenhaftigkeit nennen wollen. Aber es ist schon sein Sinn für Humor und seine Sicht auf die Dinge, wenn es um die Kirche geht. Das zieht sich durch all seine Filme. Ich finde diese Sicht einzigartig in der Filmgeschichte. Auch der Schabernack, den er mit der Bibel anstellt.

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Mia Threapleton (r.) spielt Benicio del Toros Filmtocher Liesl, die Nonne ist (Credit: TPS Productions/Focus Features)

Die Beschäftigung mit dem Glauben ist auch ein neuer Aspekt für Ihr Werk. In den früheren Filmen fand sich davon eigentlich fast gar nichts. 

Wes Anderson: Nein, bei uns gab es nie Gott. Wobei in unserem vorherigen Film „Asteroid City“ Aspekte stecken, die mit den großen Fragen der Menschheit zu tun haben und sich mit dem Unbegreiflichen und der Unendlichkeit auseinandersetzen. Gerade bei den dort gezeigten Charakteren und ihren Beziehungen zu diesen Aspekten, dass man ein Nichts im Universum ist und wie sich das anfühlt. Meiner Meinung nach haben wir das bei „Der phönizische Meisterstreich“ mit den Themen Tod und Trauer weitererzählt. Auch wenn die Filme voneinander getrennt sind, gibt es Gedanken, die von einem auf den anderen Film übergehen. Das passiert mir häufiger. Das ist keine bewusste Entscheidung, die ich treffe, aber ich stoppe diesen Prozess auch nicht.

Es gibt bei Ihnen eine so große Freude an dem Erzählen, dem Einführen von Charakteren und den verschiedenen Erzählschichten, dass ich mich gefragt habe, ob es dabei gar nicht so wichtig ist, was erzählt, aber viel wichtiger ist, wie etwas erzählt wird.

Wes Anderson: Es geht schon um das, was wir erzählen. Aber wie man etwas erzählt, mag ich als Aufgabe auch sehr. Es muss uns zuallererst begeistern, etwas kommunizieren zu wollen. Aber im Fokus steht, was unsere Geschichte ist. Dann geht es um die Charaktere und was wir mit ihnen entwickeln wollen. Was ist das Gefühl, von dem dieser Film handelt? Ich liebe den Prozess des Filmemachens als Lebensaufgabe. Ich liebe das Erfinderische bei allen Künstlern. Ein Freund von mir sagte mal: Originalität ist mir nicht wichtig, das Wichtige ist die Narrative. Für mich ist die Narrative auch wichtig – das gilt nur genauso für die Originalität. Wir versuchen eine Erfahrung zu erschaffen, die unterhaltsam ist und am Ende vielleicht ein Kunstwerk wird. Gute Kunst ist für mich originell.

Sie sagten bei der Weltpremiere in Cannes, dass Ihr nächster gemeinsame Film mit Roman Coppola und Richard Ayoade düsterer als die bisherigen Filme werden wird. Ist ein Horrorfilm von Wes Anderson vorstellbar?

Wes Anderson: Ich kann mich gar nicht erinnert, dass ich sagte, der nächste Film würde düster werden. Sie sollten niemals auf das vertrauen, was bei einer Pressekonferenz gesagt wird. Aber ich denke schon, dass die nächste Geschichte ein bisschen düster wird. Tatsächlich wissen wir aber noch gar nicht ganz genau, was es wird. Es gibt bisher nur eine Idee, die sich jeden Tag weiterentwickelt. Aber bis jetzt ist es kein Horrorfilm.

Sind Sie nicht daran interessiert, einen Horrorfilm zu drehen?

Wes Anderson: Mich interessiert das Kino. Und was ich daran mag, ist, dass es Teile eines Films gibt, wo man will, dass sich das Publikum auf eine bestimmte Weise fühlt. Die Musik muss ihren Anteil leisten. Vieles, was ich mache, hat nicht solch eine Klarheit, was Genres angeht. Es geht mehr darum, wie sich diese Charaktere kennenlernen und wie sich die Beziehungen miteinander entwickeln. Filme können witzig und traurig zur gleichen Zeit sein. Sie sollten nicht nur eine Sache sein müssen. Ich habe meine eigenen Regeln.

Das Interview führte Michael Müller.