Kathryn Bigelow bringt „A House of Dynamite“ mit auf den Lido, François Ozon die Camus-Verfilmung „L’étranger“. Während die Oscargewinnerin in der PK die Entnuklearisierung der Welt forderte, philosophierte der französische Meisterregisseur darüber, dass man als Kreativer zweimal lebe.

Mit „A House of Dynamite“ stellt Kathryn Bigelow ihren neuen Film im Wettbewerb von Venezia82 vor. Darin spielt Idris Elba den Präsidenten der USA, der damit konfrontiert wird, dass auf sein Land eine Atombombe zusteuert und er die richtige Entscheidung treffen muss. Der Countdown – knapp 18 Minuten – wird aus verschiedenen Blickwinkeln des innersten Krisenstabs erzählt. In der PK sprach die Oscargewinnerin darüber, dass sie hoffe, mit ihrem Film (ihr erster seit „Detroit“ vor acht Jahren, entstanden für Netflix) eine Art Aufforderung abgeliefert zu haben zu entscheiden, was mit all diesen Nuklearwaffen geschehen soll. „Meine persönliche Antwort wäre, mit dem Abbau der Atomwaffenbestände zu beginnen. Denn derzeit leben wir tatsächlich in einem Haus voller Dynamit.“ Elba sagte, dass er durch die Rolle gelernt habe, dass er niemals Politiker werden könnte. Seine Kollegin Rebecca Ferguson, die eine hohe Mitarbeiterin im sogenannten Situation Room des Weißen Haus spielt, gefiel, dass trotz der Dramatik alle Figuren von ihren menschlichsten und persönlichsten Seiten gezeigt würden. Das Drehbuch schrieb Noah Oppenheim, ehemaliger Journalist und Experte in Nuklearfragen. Seine Herangehensweise in der Recherche war sehr dokumentarisch präzise. Dies war für Bigelow ausschlaggebend. „Ich erzähle von der Welt, in der wir leben: Wir leben in einem nuklearen Arsenal. Neun Länder auf der Welt besitzen die Atombombe: Das Risiko ist alltäglich. Es geht nicht mehr darum zu sagen ,was würde passieren, wenn…‘, sondern ,was wird passieren, wenn…‘“, so Bigelow.

François Ozon brachte „l’étranger“ mit in den Venedig-Wettbewerb. Die Verfilmung von Albert Camus‘ weltbekanntem Roman ist in Schwarzweiss umgesetzt, mit Benjamin Voisin (mit ihm hat er in „Sommer 85“ schon zusammengearbeitet) in der Hauptrolle des Meursault. In der Pressekonferenz verriet der profilierte, arbeitssame Franzose (er dreht jedes Jahr einen Film), dass er ihm die Idee zur Verfilmung des Romans kam, als die Finanzierung eines anderen Projekts über den einen gescheiterten Selbstmordversuch eines jungen Mannes gescheitert sei. „,‘Létranger‘ habe ich natürlich bereits in der Schule gelesen, wie die meisten Franzosen. Aber erst später habe ich eine neue Bedeutung darin entdeckt“, so Ozon in der Pressekonferenz. Das Vorhaben setzte ihn gleichzeitig unter Druck: „Ich habe erst ziemlich unbeschwert damit begonnen. Gleichzeitig begannen die Leute um mich herum ihre Neugierde zu äußern, was ich aus ihrem Lieblingsbuch machen würde. Ihm sei ein moderner Blick wichtig gewesen, „ich wollte diese Geschichte über die französische Kolonialisierung in Algerien kontextualisieren und gleichzeitig die Figur des Meursault in Camus‘ Sinne so wahrheitsgetreu wie möglich darstellen.“
Eine Frage in der PK bezog sich auf seine „Arbeitswut“, woher er die Motivation nehme, Jahr für Jahr einen neuen Kinofilm zu drehen, in Zeiten, in denen alles schwieriger werde. „Es gibt ein Zitat von Camus: ‚Kreativ sein heißt zweimal leben‘. Für mich heißt, einen Film zu drehen, zweimal zu leben. Journalisten unterstellen mir oft, keine Zeit zum Leben zu haben, weil ich ständig Filme drehe. Im Gegenteil, ich glaube, dass ich doppelt so intensiv lebe, weil ich Filme mache … zu kreieren, eine Geschichte zu erzählen, mit einem Team zu arbeiten ist das Kraftvollste, was es gibt für mich.“