Am 6. August fällt der Startschuss für das 78. Locarno Film Festival, immer schon ein unverzichtbarer Termin im Branchenkalender. Kurz vor Startschuss sprachen wir mit dem künstlerischen Leiter Giona A. Nazzaro über seinen vierten Jahrgang und seine generellen Betrachtungen zum Zustand des Kinos und der Festivallandschaft.

Locarno78, ganz simpel gefragt: Was ist neu und was ist wichtig?
Giona A. Nazzaro: Ich erlaube mir, einfach zu antworten: Neu sind die Filme! Die Frage danach, was neu ist, finde ich oft verdächtig, weil sie meistens von Leuten gestellt wird, die sich überlegen, in etwas zu investieren. Der Wunsch nach etwas Neuem, denn das Wissen darum beruhigt bei der Geldanlage. Ein Festival ist immer neu, weil es immer neue Filme gibt. Das hört sich simpel an. Aber wir setzen uns ganz ernsthaft und bewusst mit der Idee auseinander, dass die Sprache des Films ein Kernpunkt unserer Zeit ist.
Was genau meinen Sie damit?
Giona A. Nazzaro: Durch den Film und die Sprache des Films kann man unsere Zeit gestalten. Man trägt eine Verantwortung, die Geschichte zu erklären, gerade heute, angesichts der Überschwemmung mit News. Diese Flut an News hat meiner Meinung nach eine Relativierung unserer Gefühle und unserer Erlebnisse provoziert. Alles ist gleich zu allem anderen. Das bedeutet, dass wir eigentlich nicht mehr leben. Die Verantwortung gegenüber der eigenen Geschichte bedeutet, dass man zu einem Standpunkt steht, dass man sagt: Das ist wichtig, und ich will dass Ihr Euch Zeit dafür nehmt. Ich würde mir wünschen, dass das Publikum nach einem Film aus dem Kino geht und sich sein kritisches Denken zurückerobert, sich erlaubt, seine Zeit wieder zu gestalten und sich in ein tieferes Gespräch hineinzuversenken. Sich die Zeit nimmt, buchstäblich.
Ein Filmfestival erscheint als idealer Ort genau dafür.
Giona A. Nazzaro: Die Herausforderung bei Filmfestivals ist, dass das Publikum oftmals diese Zeit nicht mehr hat. Alles muss Zack Zack sein. Das finde ich problematisch. Wenn man Dinge nur durch einen Social-Media-Post weitererzählen kann, erlebt man nichts mehr. Ich will hier nicht als der alte Onkel dastehen, aber als wir damals die Chance erhielten, „Satantango“ von Béla Tarr zu entdecken oder „Heaven’s Gate“ von Michael Cimino, hatten wir nicht das Bedürfnis, die Nase zu rümpfen, weil die Laufzeit so lang ist. Ich würde mir wünschen, dass sich die Beziehung zur eigenen Zeit wieder ändert. Wenn sich die nicht ändert, haben wir keine Beziehung mehr zum eigenen Leben. Oder, um noch deutlicher zu werden: Man muss den Mut zur Langeweile haben. Im wortwörtlichen Sinn des Wortes, Lange-Weile, eine längere Zeit. Man versucht immer wieder, Erlebnisse wie Festivals in eine kurze Zeitspanne, in eine kurze Weile hineinzuzwängen. Man bräuchte wieder eine lange Weile im Sinne von länger zusammen sein, länger Filme schauen, länger miteinander sprechen, essen, sich amüsieren. Länger besser leben. Eine Gegenbewegung zur heutigen Schnelllebigkeit.
„Jeder Film soll ein Abenteuer sein, er muss nicht unbedingt leidenschaftlich geliebt werden. Das ist unmöglich.“
Giona A. Nazzaro
Eigentlich ist das die Qualität eines Filmfestivals, genau das außerhalb der kommerziellen Kinobesuche zu schaffen…. Man nimmt den Rhythmus und die Zeit des Festivals an und setzt sich völlig anders mit Film auseinander…
Giona A. Nazzaro: Das ist auch der Grund, warum wir das Programm so vielfältig wie möglich gestalten wollen. Wir zeigen abstrakte und tollkühne Filme, dieses Jahr unter anderem „Dry Leaf“, den neuen Film von Aleksandre Koberidze, „Solomamma“ von Janicke Askevold oder bizarre Komödien wie „Dracula“ von Radu Jude. Jeder Film soll ein Abenteuer sein, er muss nicht unbedingt leidenschaftlich geliebt werden. Das ist unmöglich. Ich möchte, dass die Leute sich trauen, einen Film auch nicht zu mögen. Dass sie aber verstehen, warum es ihn gibt. Ich möchte andere Arten von Gesprächen ermöglichen, nicht nur eine Einteilung in „Mag ich“ vs. „Mag ich nicht“. Unsere Auswahl ist nicht eklektisch. Eklektizismus bedeutet heute nichts. Es soll der Sinn fürs Abenteuer, fürs Fühlen geschärft werden. Ein Festival soll ein Genuss des Abenteuers sein. Jeder Film ist ein kleines Land oder ein kleines Dorf. Und man geht als Zuschauer die Leute in den verschiedenen Dörfern besuchen, in denen verschiedene Sprachen gesprochen werden. Man kommt zusammen. Es ist wie Reisen ohne zu reisen.
Spielte diese Idee bei der Zusammenstellung des Programms eine Rolle?
Giona A. Nazzaro: Ich sage dem Programmerteam immer wieder: Man muss versuchen, aus sich selbst herauszugehen. Würde ich das Programm ganz allein gestalten, würde es sehr wahrscheinlich von Rossellini bis Straub gehen, in der Mitte irgendwo noch Howard Hawks, Stan Laurel oder John Ford. Wir müssen im Team ganz bewusst versuchen, aus uns herauszugehen, uns ein bisschen vergessen, offen sein gegenüber Überraschungen. Die Herausforderung unserer Arbeit ist, sich das Staunen zu bewahren. Der Zynismus ist eine Gefahr in unserer Arbeit. Nur weil wir ein Filmfestival machen, dürfen wir nicht leichtfertig handeln und vergessen, dass in den Filmen die Anstrengung von sehr vielen Leuten steckt. Unsere Entscheidung hat nichts mit Arroganz zu tun. Wir versuchen immer, so respektvoll wie möglich zu sein und den Festivalbesuchern das beste Programm zu bieten.

Ein Festival ist immer im Fluss und wird auch geprägt von den Menschen, die es gestalten. Maja Hoffmann ist im zweiten Jahr Festivalpräsidentin, Ihr Vertrag als künstlerischer Direktor wurde verlängert. Wie hat sich denn das Verhältnis entwickelt? Wie hat sich vielleicht auch das Festival unter Maja Hoffmann entwickelt?
Giona A. Nazzaro: Ich habe das Privileg zu sagen, dass Maja Hoffmann mich arbeiten lässt. Unsere Beziehung hat sich dadurch entwickelt, dass sie immer die Ergebnisse genau betrachtet hat. Sie ist eine Person, die die Qualität der Arbeit schätzt. Sie hat die starke Idee von der Kunst als einem Erweckungserlebnis. Für mich ist das sehr interessant. Maja Hoffmann hat meinen Vertrag verlängert. Dafür bin ich sehr dankbar und freue mich, dass ich das Festival so auch bei seinem 80. Geburtstag in zwei Jahren begleiten werde.
Wie erleben Sie generell die Entwicklung für Filmfestivals, die Bedeutung von Filmfestivals und wie sehen Sie Locarno innerhalb dieses Gefüges?
Giona A. Nazzaro: Festivals sind nie unabhängig von der Filmindustrie zu betrachten. Was mich an Locarno interessiert, ist, dass es nicht nur ein Filmfestival ist. Es ist eher eine Gemeinschaft für Filmschaffende und kreative Leute, die für etwas einstehen. Locarno fühlt sich auch heute noch der textuellen und politischen Tradition des Konzepts eines Nouveau Cinéma, durch das es Ende der 1960er-Jahre zum Leben erweckt worden ist, verpflichtet. Deswegen sehe ich auch keinen Widerspruch, neben anspruchsvollen Filmen auch anderes Kino zu zeigen, das mehr mit dem Genre oder dem Erbe der B-Movies verknüpft ist. Die Wiederentdeckung des Genres oder der B-Movies ist sowieso stark verknüpft mit der Idee des Nouveau Cinéma.… Für mich ist es immer wichtig, Welten zusammenzubringen, von denen man denkt, sie seien sehr weit entfernt voneinander. Das ist eine große und interessante Aufgabe, der ich mich leidenschaftlich widme.
„Ich weigere mich zu sagen, dass es eine sehr gute Zeit fürs Kino ist; aber sehr schlecht ist sie auch nicht…. Aber der Film wird nie sterben.“
Giona A. Nazzaro
Wie erleben Sie das Filmgeschehen als solches? Ist es eine gute Zeit? Für Filmemacher? Für Filme?
Giona A. Nazzaro: Das ist eine schwierige Frage. Realistisch müsste man antworten: Schlimme Zeit! Was man üblicherweise immer wieder hört, von allen Leuten, die in der Branche arbeiten, bei Film Commissions, in der Förderung… Aber das wussten schon auch die Brüder Lumière. Kaum hatten sie das Kino erfunden, sagten sie, dass es keine Zukunft hat. Die Probleme heute sind sehr individuell. Es ist nicht so, dass es eine starke Industrie gibt, die die Filmemacher unterstützen kann. Wenn ich nach Amerika blicke, zum nordamerikanischen Kino, frage ich mich: Wo ist ein neuer Ron Shelton? Wo ist ein neuer Phil Alden Robinson? Wo ist ein neuer Kevin Reynolds? Wir sprechen nicht unbedingt von den Allergrößten. Wenn ich zum französischen Film gucke, frage ich mich: Wo ist heute der neue Pierre Granier-Deferre? Auch Filmemacher, die in Frankreich ein bisschen auf den Arm genommen worden sind wie Henri Verneuil („On doit faire un film qui soit mauvais comme un film de Henri Verneuil“). Das gibt es nicht mehr. Glücklicherweise gibt es noch individuelle Handschriften, die sich gegenüber den Produktionsbedingungen behaupten können. Das ist die große Hoffnung. Und in Locarno haben wir glücklicherweise sehr viele Beispiele von Individuen, die etwas Wichtiges über Film, die Filmsprache und das Kino sagen. Ich weigere mich zu sagen, dass es eine sehr gute Zeit fürs Kino ist; aber sehr schlecht ist sie auch nicht…. Aber der Film wird nie sterben. Was sich sehr wahrscheinlich dauerhaft verändert, ist die Filmindustrie. Aber das wusste auch schon Roberto Rossellini.
Zu guter Letzt, gerne auch mit Blick auf Ihre diesjährigen Stargäste: Auf was freuen Sie sich bei Locarno78 am meisten?
Giona A. Nazzaro: Ich freue mich auf das Festival. Für mich ist wichtig, dass wir ein Programm gestalten können, das eine Heimat für alle Formen des zeitgenössischen Films ist. Auf Jackie Chan freue ich mich natürlich auch sehr! Wenn Leute über Jackie Chan sprechen, denken sie an simple Kungfu-Filme. Jackie Chan ist anders. Jackie Chan ist der Künstler, der die Tradition von Buster Keaton, Stan Laurel und Harold Lloyd, aber auch die Tradition der Komödien von Ernst Lubitsch in das Genrekino von Hongkong gebracht hat. Und wenn man Filme wie „A Miracle – The Godfather of Canton“ sieht, versteht man, dass Chan auch die Filme von Stanley Donen und Vincente Minnelli sehr sorgfältig studiert hat. Mit Jackie Chan feiern wir jemanden, der etwas bewegt hat. Das trifft auch auf Emma Thompson zu, die wir dieses Jahr ebenfalls ehren. Sie steht in einer Tradition, setzt aber diese Tradition auf ihre ganz eigene Art und Weise fort. Auch die libanesische Firma Abbout Productions, die wir mit dem Preis für unabhängiges Produzieren würdigen, passt hierzu: Sie haben mit ihrer Arbeit ein anderes Libanon, eine andere Stadt Beirut, in Erscheinung treten lassen. Die Arbeit von Abbout versucht, das Land aus dem Trauma eines unglaublich langen und gewaltigen Bürgerkrieges herauszubringen und ein anderes Land zu zeigen. So sehr Roberto Rossellini der Architekt von Italien ist mit seinen Filmen ist, so sehr sind es Abbout Productions beim zeitgenössischen Film, die etwas Tollkühnes gewagt haben und ein anderes Libanon heraufbeschwören konnten. Weil sie das gemacht haben, haben sie sehr vielen jungen Leuten die Möglichkeit gegeben, sich Film zu nähern, sich kreativ zu öffnen. Ich hatte das Glück, in Beirut beim Dreh eines ihrer Videoclips für eine Band dabei zu sein. Wir gingen von einer Wohnung zur anderen, von einer Straße zur nächsten. Durch die ganze Stadt hindurch. Es war ein Team mit Leuten ganz unterschiedlicher Konfessionen. Da wurde mir ein ums andere Mal bewusst: Bomben zerstören, Filme bauen auf, bauen Gemeinschaften. Und diese Gemeinschaften gilt es zu verteidigen.