Morgen geht es los, morgen geht es nach Cannes. Aber jetzt schon einmal die zwölf Filme, auf die sich THE SPOT ganz besonders freut auf dem 78. Festival de Cannes – immer mit dem Bewusstsein, dass die unerwarteten Entdeckungen die schönsten sind, die man machen kann. Wir halten Sie selbstverständlich wie immer vollumfänglich auf dem Laufenden.

1
Die My Love
Ein wenig irrational ist sie, unsere Liebe für das Kino von Lynne Ramsay. Seit ihrem Debüt „Ratcatcher“ im Jahr 1999, der damals in der Reihe Un Certain Regard, hat die 55-jährige Schottin nur vier Spielfilme gemacht – und jeder davon lief in Cannes, die beiden letzten jeweils im Wettbewerb. Der letzte, „You Were Never Really Here“ (mit dem bizarren deutschen Verleihtitel „A Beautiful Day“), der mit Joaquin Phoenix und dem Hammer, war 2017 kurz auf knapp fertig geworden, lief am letzten Tag des Festivals als Work in Progress und haute alle um (inklusive der Jury um Pedro Almodóvar, die Phoenix den Darstellerpreis zusprach). Und nun folgt acht Jahre später, viele geplante, manche abgebrochene Projekte später, endlich Film Nummer 5, „Die My Love“, für den Ramsay sich Oscargewinnerin Jennifer Lawrence und Robert Pattinson als Hauptdarsteller:innen sichern konnte. Was immer es auch sein mag, es wird ein Erlebnis. Und nur ordnungshalber, damit alle Filme von Lynne Ramsay genannt sind: „Morvern Callar“ ist in unserem internen Ramsay-Ranking die Nummer 1, „We Need to Talk About Kevin“ wiederum auf Platz 4.

2
In die Sonne schauen
Gespannt wie Flitzebogen sind wir auf „In die Sonne schauen“, den zweiten Spielfilm von Mascha Schilinski, die ihr Debüt 2017 gegeben hatte mit „Die Tochter“, das Leinwanddebüt von Helena Zengel immerhin. Seitdem im Januar die amerikanischen Trades sich darauf zu versteifen begannen, der von Studio Zentral produzierte Film sei ganz weit oben auf der Liste des Auswahlkomitees von Thierry Frémaux, verfolgte man den Lauf des zweieinhalbstündigen, mehrere Generationen von Frauen auf einem Landgut in der Altmark mit wachsender Spannung mit und fragte sich: Wie hatte diese Produktion, immerhin hammermäßig besetzt mit Luise Heyer, Lena Urzendowsky, Susanne Wuest und Lea Drinda, so spurlos an einem vorübergehen können? Anyway, erster deutscher Film im Wettbewerb seit „Perfect Days“, erster deutscher Film einer Regisseurin im Wettbewerb seit „Toni Erdmann“ im Jahr 2016. Übermorgen schon wissen wir mehr, da wird „In die Sonne schauen“ als erster Film im diesjährigen Palmenrennen gezeigt.
3
Amrum
Fatih Akin hat einen Hark-Bohm-Film gedreht. Scheint es. Heißt es. Weil eigentlich Bohm selbst Regie hatte führen sollen bei dieser Verfilmung der eigenen Kindheitserinnerungen, als Abschluss seines gewaltigen Lebenswerks, dann die Inszenierung doch in die Hände seines Freundes und Schülers legte, den Bohm bereits bei den Drehbüchern von „Tschick“ und „Aus dem Nichts“ unterstützt hatte. „Eine deutsche Kindheit“ verheißt der französische Verleihtitel. Um die letzten Tage des Krieges und die Tage danach wird es gehen in einem Film, der sich ankündigt als ganz einfache Geschichte – „wie ,Fahrraddiebe’, sagt Akin – eines aus Hamburg nach Amrum gezogenen Jungen, der den Geheimnissen seiner Familie auf die Spur kommen will. Man darf gespannt sein auf Jasper Billerbeck in seiner Filmrolle, den der Regisseur mit Brad Pitt vergleicht, und Laura Tonke und Lisa Hagmeister an seiner Seite sowie den Regisseuren Detlev Buck, Lars Jessenund Jan-Georg Schütte in den männlichen Rollen und Gastauftritten von Matthias Schweighöfer und Diane Krüger. Can’t wait.
4
Dossier 137
Vor drei Jahren war Dominik Molls „In der Nacht des 12.“ ein wenig unbeachtet geblieben in der Nebenreihe Cannes Première. Dabei war die französische Antwort auf „Zodiac“ einer der besten Filme des Jahrgangs, ein tolles Comeback für den Regisseur, der mit „Harry meint es gut mit dir“ 2000 ein großartiges Debüt in Cannes abgeliefert hatte, der dann bei den Césars zum Abräumer wurde. Es ist folgerichtig, dass Moll mit seinem neuen Film in den Wettbewerb zurückkehrt, wieder ein Procedural, diesmal mit der großartigen Léa Druckerin der Hauptrolle. Wenn der Film in der gleichen Liga spielt wie der Vorgänger, dann kann man sich auf Großes gefasst machen.

5
The Secret Agent
Mit „Aquarius“ und speziell seinem Spagetti-Western mit Ufo meets Werner-Herzog-Thriller „Bacurau“ hat sich Kleber Mendonça Filho nicht nur bei uns ganz nach oben inszeniert in die Elite des anspruchsvollen Weltkinos. Nun legt der brasilianische Filmemacher einen in den späten Siebzigerjahren angesiedelten Stoff vor, der so klingt, als würde er sich auf intrinsische Weise verzahnen mit Walter Salles‘ Oscargewinner „Für immer hier“, ein weiterer Blick auf ein Land unter der Knute der Militärdiktatur, mit Wagner Moura als Titelfigur. Es wäre kein Film von Mendonça Filho, wenn da nicht noch mehrere doppelte Böden warten würden. Deshalb: Megaspannung. Koproduziert von One Two Films, die echt einen Lauf haben.
6
Sentimental Value
„Der schlimmste Mensch der Welt“ war vor vier Jahren ein echter Quantensprung für den norwegischen Filmemacher Joachim Trier, der seinem Star Renate Reinsve in Cannes den Darstellerinnenpreis und eine Weltkarriere bescherte. Jetzt ist sie abermals Hauptdarstellerin bei Trier, der das Drehbuch erneut mit Eskil Vogt schrieb und als zweite Hauptdarstellerin Elle Fanning mit dazuholte. Wenn der Filmemacher die hohe Klasse des Vorgängers hält, wieder so herausragende Ideen hat wie dort, als er die Zeit in Oslo stehen ließ oder unmerklich eine Nebenfigur für kurze Zeit zum Protagonisten machte, ist Großes zu erwarten. Korpduziert von Komplizen Film, was längst schon ein Qualitätssiegel für sich ist.

7
Vie privée
Rebecca Zlotowski haben wir als Filmemacherin ins Herz geschlossen seit ihrem wunderbaren Venedig-Wettbewerbsfilm „Les enfants des autres“ mit Virginie Efira in ihrer bisher vielleicht besten Rolle (was einiges heißt, weil sie doch auch in „Sybil“ und „Benedetta“ großartig war). Nun endlich ein neuer Film, fast drei Jahre später. Ein psychologischer Thriller in bestem französischen Stil, aber eben nicht von Chabrol oder Sautet, sondern einer der messerschärfsten feministischen Filmemacherinnen unserer Zeit, diesmal mit der seit Jahrzehnten in Paris lebenden Jodie Foster in der Hauptrolle, die erstmals auf Französisch spielt. Plus Virginie Efira in einer Nebenrolle. Sehr gespannt.

8
Nouvelle Vague (New Wave)
Richard Linklater ist immer für neue Wege zu haben, für Überraschungen, für Ungewöhnliches. Wer erinnert sich nicht zurück ans Jahr 2006, als er mit „Fast Food Nation“ (Wettbewerb) und „A Scanner Darkly“ (außer Konkurrenz) gleich mit zwei Filmen in Cannes vertreten war. In diesem Jahr stellt er, in bestem Stil eines Hong Sang-soo oder Ryūsuke Hamaguchi zwei Filme im Abstand von drei Monaten auf zwei A-Festivals vor. „Blue Moon“ war im Wettbewerb der Berlinale der absolute Publikumsliebling (plus Preis für die beste Nebendarstellung für Andrew Scott), nun reist er mit seinem Film über die Dreharbeiten zu Godards „Außer Atem“ nach Cannes, der jene Art von modernem Kino mitbegründete, deren amerikanische Variante Linklater bald schon vier Jahrzehnte bedient. Natürlich in Schwarzweiß gedreht, natürlich auf Französisch. Es gibt nichts, was Richard Linklater nicht kann.
9
Miroirs No. 3
Gerne hätte man Christian Petzold bei seiner ersten Reise nach Cannes einen entsprechenden Slot in der Sélection officielle gewünscht. Es ist die Quinzaine geworden. Nicht die schlechteste Adresse, wenngleich eine partnerschaftliche Parallelveranstaltung zum eigentlichen Festival de Cannes, die schon unwesentliche Namen wie Martin Scorsese, Werner Herzog, Gaspar Noé oder Sean Baker zierte. Ein guter Ort also, „Miroirs No. 3“ vom Stapel laufen zu lassen, der vierte Film Petzolds in Folge mit Paula Beer in der Hauptrolle und zugleich Abschluss seiner inoffiziellen Naturgeister-Trilogie. Und hoffentlich von ähnlich leichter Hand uns anspielungsreich inszeniert wie der Vorgänger „Roter Himmel“, der die Berlinale 2023 in Flammen setzte.

10
Alpha
Es soll Menschen geben, die haben sich bis heute nicht von „Titane“ erholt, diesem außergewöhnlich radikalen Stück Bodyhorror, mit dem Julia Ducournau vor vier Jahren einigermaßen überraschend die Goldene Palme hatte gewinnen können. Jurypräsident Spike Lee hatte der Film so nachhaltig zugesetzt, dass er bei der Preisverleihung damals gleich zu Beginn erklärt hatte, seine Jury habe sich für diesen Film entschieden. Es ist ein Film, der spaltet. Keine Frage. Der wildeste Cannes-Gewinner seit „Wild at Heart“. Und jetzt „Alpha“, mit dem die französische Filmemacherin unterstreichen muss, dass „Titane“ keine Eintagsfliege ist. Wir sind mit dabei. Und schnallen uns schon einmal an und setzen einen Helm auf.

11
The History of Sound
Eigentlich hatte hier „Eddington“ stehen sollen, Ari Asters erster Film im Wettbewerb von Cannes und vermutlich allein schon aufgrund der Stardichte (Joaquin Phoenix, Austin Butler, Pedro Pascal) das ganz große Ticket in Cannes (hey, natürlich können wir es nicht erwarten). Aber das wäre zu offensichtlich gewesen (wie auch „Mission: Impossible – Final Reckoning). Deshalb also der neue Film von Oliver Hermanus, der sein Debüt „Moffie“ an die Croisette gebracht hatte, unser Herz dann aber im Sturm eroberte mit seinem unfassbar gelungenen Kurosawa-Remake „Living“. Deshalb ein besonderer Blick auf diese schwule Liebesgeschichte, die mit Paul Mescal und Josh O’Connor kaum hochkarätiger und besser besetzt sein könnte. Ebenso spannend: „Pillion“ im Un Certain Regard, eine weitere queere Lovestory.
12
Urchin / Eleanor the Great / The Chronology of Water
Es kann nicht nur Wettbewerb sein (sonst hätten wir hier jetzt noch „Die jüngste Tochter“ von Hafsia Herzigenannt, auf den wir supergespannt sind und der in Koproduktion mit Katuh Studio entstand). Deshalb also drei Erstlingsfilme von drei Schauspielstars, die allesamt den Weg in den Un Certain Regard gefunden haben. Harris Dickinson aus „Babygirl“, der als John Lennon in den Beatles-Filmen von Sam Mendes zu sehen sein wird, Indiedarling Kristen Stewart und Marvel-Heroine Scarlett Johansson landen als vielversprechende Nachwuchsfilmemacher in Cannes, jeweils mit Filmen, in denen sie überhaupt nicht vor der Kamera agieren. Wollen wir mal sehen, wie die drei abschneiden.