Mit „Das Licht“ stellt Tom Tykwer zum dritten Mal den Eröffnungsfilm einer Berlinale. Es ist zugleich auch seine Rückkehr zum Kino nach zehn Jahren mit „Babylon Berlin“ – Kinostart ist am 20. März im Verleih von X Verleih. Natürlich haben wir uns mit ihm unterhalten über diese so brandaktuelle Arbeit.

„Das Licht“ ist ein Film, der einen überrollt mit seiner Fülle an Geschichten, Themen und Perspektiven, der einen im Sturm erobert. Stets hat man das Gefühl: Es geht um alles! War das eine Absicht, die hinter „Das Licht“ steckt?
Tom Tykwer: Von vornherein kann ich das nicht behaupten. Ich glaube auch, dass es ungesund ist, wenn man Filme macht und von Anfang an weiß, was und wie es werden soll. Ich habe gelernt, dass es wirklich wichtig ist, sich darauf einzulassen, was mit einer gewissen Versuchsanordnung passiert. Es ist eine Erfahrung, die ich über die Jahre gemacht habe. Auch rückblickend, weil ich oft gedacht habe: Oh Gott, weiß ich überhaupt gut genug, was ich hier vorhabe? Und im Nachhinein war ich dann doch immer froh, dass den Filmen noch viel Überraschendes passieren konnte, was sie stets reicher gemacht hat.
Wie sieht das bei „Das Licht“ aus?
Tom Tykwer: Es gibt eine produktive Dichotomie zwischen zwei Polen. Da ist eine einfache narrative Vorgabe auf der einen Seite: Eine Familie, die sich auseinandergelebt hat, alle leben auf ihrer eigenen Insel, erlebt einen Schock durch den Tod ihrer Haushälterin. Eine Frau, die Jahrzehnte ein und ausging bei ihnen und die sie, wie sie jetzt feststellen, eigentlich gar nicht kannten. Das stürzt sie in eine Identitätskrise, bis jemand Neues in ihr Leben tritt, der so völlig anders ist und sie herausfordert und ihnen, obwohl sie aus einer anderen Welt kommt, die Chance gibt, wieder zueinander zu finden. Das ist eher klassisches Plotting, das kennen wir schon aus anderen Filmen, Pasolinis „Teorema“ ist ein gutes Beispiel dafür oder… „Mrs. Doubtfire“!

„Das stachelige Kindermädchen“ war damals der deutsche Untertitel…
Tom Tykwer: Was ich sagen will: Diese Prämisse braucht es erst einmal, das ist das Karussell, auf dem die Figuren sitzen. Was dann aber auf sie einstürzt, ist die Welt, in der wir leben. Und zwar die Welt, in der wir JETZT leben. Ich wollte explizit keinen historischen Film machen, nachdem ich mich mit „Babylon Berlin“ zehn Jahre lang ausschließlich historisch bewegt habe und dabei viel Erfahrung sammeln konnte, wie es ist, wenn ganz normale Menschen den Ausuferungen historischer Verbiegungen ausgeliefert sind und damit umgehen müssen. Das war ein Jahrzehnt lang mit der Generation meiner Großeltern. Ich verspürte aber den Druck in mir, von uns zu erzählen, also von dieser diffusen, aber einst einflussreichen westliche Mittelschicht. Wenn ich „wir“ sage, dann meine ich damit auch die Leute, die noch ins Kino gehen in solche Filme, über die wir jetzt sprechen. Also jene Menschen, die ich mit meiner Arbeit gerne noch vom Sofa herunterzerren will, um sie ins Kino zu locken.
„Ein Film wie „Das Licht“ passiert nicht ohne Grund, sondern weil so viel Widersprüchliches los ist und uns widerfährt, politisch, gesellschaftlich, im Zusammenleben, sozial.“
Tom Tykwer
Womit Sie sich automatisch auf einen Boden begeben haben, wo sich mächtig was tut, es kräftig rumort.
Tom Tykwer: Das ist eine freundliche Untertreibung. Es ist eigentlich alles implodiert, was uns gerade beschäftigt. Und es hat sich quasi beim Schreiben selber entfesselt. Ein Film wie „Das Licht“ passiert nicht ohne Grund, sondern weil so viel Widersprüchliches los ist und uns widerfährt, politisch, gesellschaftlich, im Zusammenleben, sozial, so viele Herausforderungen da sind, wie es sich aus meinem Leben heraus in keiner Epoche jemals so angefühlt hat. Zumindest könnte ich mich nicht erinnern. Dazu wollte ich etwas sagen.
Der Film ist überwältigend. Er fühlt sich aber auch so an, als hätten Sie die bewusste Herausforderung gesucht, sich aus Ihrer persönlichen Komfortzone bewegt, als hätten Sie sich selbst den Fehdehandschuh vor die Füße geschleudert.
Tom Tykwer: Ich konnte mich selber nicht mehr hören in meiner Beschwerde, was mir im Kino oft so fehlt, auch im deutschen Film. Ich fand es auch blöd und borniert, wenn ich gesagt habe: Es müsste so oder so sein. Ich habe mich dann gefragt: Mache ich es denn selbst besser? Ich würde mir wünschen, dass in Filmen eine wirklich verletzbare und streitbare Subjektivität in den Ring geworfen wird. Ich würde mir wünschen, dass Filme so akut sind, während ich sie sehe und wie das bei den richtig guten Filmen nun einmal so ist, dass ich es kaum aushalte. Nicht, weil da etwas Privates preisgegeben wird. Das interessiert mich überhaupt nicht. Es geht um eine Intimität durch eine Öffnung in die Themen, die uns alle etwas angehen. Du musst es universell fassen können. Der größte Lernprozess ist: Wie beschütze ich die subjektive Energie eines Films und trage sie aber ins allgemein Zugängliche. Wie mache ich das so, dass es mitreißend ist, dass es Spaß macht, auch wenn es todernst ist? Mir machen auch Filme Spaß, bei denen ich verzweifle, wenn ich merke, sie haben die nötige Vehemenz, Filme, die sich selbst herausfordern, die sich in jeder Szene der Routine widersetzen. Unroutinierte Filme sind das Schönste, was es gibt.
„Das Licht“ hat diese Vehemenz, die Sie ansprechen. Und doch steckt eine große Leichtigkeit in ihm, er ist streckenweise richtig lustig und, mehr noch, genuin emotional. Das habe ich in Ihrem Kino so noch nicht erlebt. Ist das etwas, was Sie bewusst herstellen wollten? Spürt man das beim Machen?
Tom Tykwer: Leicht war es nicht, das könnte ich nicht behaupten. Es war aber ungemein schön. Schön im Sinne von: Klar haben wir hart gearbeitet, klar waren die Tage lang, und es hat immer geregnet, was es nicht unbedingt angenehmer oder einfacher gemacht hat. Wir haben unglaublich viel gerungen mit dem Film. Aber es war beseelt von einer kollektiven Identifikation mit dem Material. Wir haben viel gequatscht, haben uns förmlich hineingeredet in diesen Film gemeinschaftlich, sowohl die Schauspieler:innen wie auch das Team und die Kreativen. So ergab sich eine verschworene Gemeinschaftsstimmung, die bei jeder Aufgabe immer noch weiter gewachsen ist. Das ist beglückend, wenn man das miterleben darf. So erträumt man sich das immer. Alle fühlten sich mitgenommen. Es war, als säße man auf einem Schiff, wo jeder gebraucht wird. Jeder ist wichtig. Jeder erhält die Anerkennung für seinen Beitrag.
„Leichtigkeit zu erzeugen, selbst wenn die Themen schwer sind, ja, das ist die große Herausforderung. Dabei ist das eminent wichtig.“
Tom Tykwer
Das ist eine Grundlage dafür, dass etwas „Leichtes“ entstehen konnte, etwas, das aussieht, als sei es nicht das Ergebnis harten Ringens, sondern wie selbstverständlich im kreativen Prozess entstanden.
Tom Tykwer: Leichtigkeit zu erzeugen, selbst wenn die Themen schwer sind, ja, das ist die große Herausforderung. Dabei ist das eminent wichtig. Die Leichtigkeit gehört zum Leben, sonst könnten wir es doch gar nicht meistern. Weil wir eben auch albern sind und lächerlich sind in unserer Wichtigtuerei. Aber eben nicht nur. Wir sind auch wichtig! Jeder von uns. Das muss sich auch in den Filmen widerspiegeln, zumindest in denen, die ich machen will. Früher habe ich das nicht wirklich gewusst, aber heute kann ich sagen, dass ich wohl wirklich älter werden musste, um das zu begreifen. Man muss einfach auch einmal loslassen, sich locker machen. Übrigens auch formal. Spaß zu haben am Spiel der Dinge und sie einfach spielen zu lassen und kein Kontrollfreak zu sein und nicht überall noch einen Akzent setzen zu wollen, sondern die Akzente, die die anderen gesetzt haben, einfach stehen zu lassen und darüber glücklich zu sein, dass es sie gibt. Das nennt man wohl Gelassenheit, aber ich meine damit mehr eine Freiheit, eine künstlerische Freiheit, die zu Leichtigkeit führt. Zumindest hoffe ich das. „Das Licht“ ist ein Film, der gewiss auch ein paar ziemlich harte Packungen verabreicht. Aber mein Grundwunsch wäre es, dass er einen auch zurücklässt mit eigentlich nur schönen Gefühlen, auch wenn man mit den Figuren gerade auch schreckliche Dinge erlebt hat.
Er heißt nicht zuletzt „Das Licht“.
Tom Tykwer: Und das ist etwas Schönes in meinem Film, auch wenn es manchmal etwas gruselig ist in seinen Ausformungen. Manchmal weiß man auch nicht, ob man der Sache trauen soll. Und das ist etwas, was man sein ganzes Leben lang lernen muss, den Abstraktionen zu vertrauen und sich auf Gefühle zu stützen bei großen Lebensentscheidungen und sie nicht immer untermauern zu müssen mit tausend Fakten.

Sie waren mit der Fertigstellung von „Das Licht“ im Sommer/Herbst schon relativ weit, mussten dann aber bereits mit dem Dreh der nächsten Staffel von „Babylon Berlin“ beginnen…
Tom Tykwer: Ein großer Teil meiner Dreharbeiten für Staffel 5 ist abgeschlossen, ich muss im März noch einmal ran für einen Block. Die beiden anderen, Henk Handloegten und Achim von Borries, sind noch intensiver damit befasst, das geht noch eine Weile…
Wie hat es sich aber angefühlt, danach wieder zu „Das Licht“ zurückzukehren und weiterzuarbeiten?
Tom Tykwer: Das war ganz toll. Es ist ein seltener Luxus, dass man zwei Monate Zeit hat, einen Film liegen und reifen zu lassen, und dann vielleicht noch einmal etwas daran machen kann. Viel war es nicht, aber zwei oder drei Ideen hatte ich noch, die dem Film gutgetan haben. Aber es war minimal. Natürlich ist es ein ganz normaler Zeitlauf, dass man ein Jahr lang an einem gedrehten Film arbeitet, aber mir scheint es schon bedeutsam, dass er genau JETZT fertig geworden ist. Weil erst jetzt, Anfang Februar, ist er wirklich fertig. Ein Film wartet schon auch auf den Zeitpunkt, wann er da sein soll. Es ist ein seltsames, magisches Gefühl, das ich dazu habe, dass es keinen besseren Termin geben könnte, auf der Berlinale auf die Welt zu kommen, in einer Welt, von der ich vor einem Jahr, als wir den Film gedreht haben, überhaupt keine Ahnung haben konnte, dass sie so aussehen würde, wie sie jetzt aussieht, und sich so anfühlen würde, wie sie sich jetzt anfühlt – und dieser Film wirklich eine Haltung dazu hat, ein Angebot macht, wie wir mit unserer verwirrten Position umgehen sollen… Die Entwurzelung ist so massiv gerade, der Widerstreit dieser Positionen, diese Unschärfe, die man gerade verspürt und die dazu fährt, dass man sich förmlich in die Achtzigerjahre zurücksehnt, wo die Feindbilder so klar und gerecht waren, wo es so schöne Gegensatzmodelle gab. Man konnte sich auf eine Seite schlagen und fühlte sich dann im Recht, auf der richtigen Seite. Das gibt es nicht mehr. Alles ist ungemein unübersichtlich geworden. Gleichzeitig fühlt man auch, dass es eine gefährliche Zeit ist. Jetzt mit einem Film zu kommen, der das alles ernst nimmt und am Ende aus Liebe heraus argumentiert und daraus auch Hoffnung schöpfen kann, ohne esoterisch irrational dabei zu sein, das fühlt sich richtig an. Es ist gut, dass er jetzt kommt.
Als Eröffnungsfilm der Berlinale, wohlgemerkt. Was prädestiniert „Das Licht“ dafür?
Tom Tykwer: Obwohl es mein dritter Eröffnungsfilm ist, ist es der erste in deutscher Sprache und eigentlich auch der erste, der wirklich in Berlin spielt – und zwar sowas von in Berlin. Es ist der wohl berlinischste Film, den ich je gemacht habe – mit Ausnahme von „Lola rennt“ vielleicht, mit dem er auf eigentümliche Weise auch verwandt ist, wie ich finde. Er ist die alte große Schwester von „Lola rennt“. Es ist gleichzeitig auch ein Statement. Am Anfang des Festivals zu stehen mit einem Film, der aus der Heimat dieses Festivals kommt und vielleicht auch die kinematografische Ansage ist, die sich dieses Festival selber wünscht, all das könnte mich nicht hoffnungsvoller stimmen.
Das Gespräch führte Thomas Schultze.