Schleichender Psychohorrorfilm von Johanna Moder über eine junge Mutter, die mehr und mehr den Eindruck gewinnt, mit ihrem neu geborenen Sohn könnte irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugehen.

FAST FACTS:
• Erster Film von Johanna Moder im Wettbewerb eines A-Festivals
• Fulminant besetzt mit Marie Leuenberger, Hans Löw, Julia Franz Richter und Claes Bang (in einer deutschsprachigen Rolle)
• Produziert von Freibeuter Film; mit Tellfilm und Match Factory Productions als Koproduzenten
CREDITS:
Land / Jahr: Österreich, Schweiz, Deutschland 2025; Laufzeit: 107 Minuten; Regie: Johanna Moder; Drehbuch: Johanna Moder, Arne Kohlweyer; Besetzung: Marie Leuenberger, Hans Löw, Claes Bang, Julia Franz Richter
REVIEW:
Die Mutterschaft als Horrorfilm. Letzthin gab es vermehrt Filme und Serien, die mit dem gängigen Bild vom Muttersein als ultimative Erfüllung für eine Frau brachen – auf dieser Berlinale . Aber keiner ist bislang so weit gegangen wie die österreichische Filmemacherin Johanna Moder in „Mother’s Baby“, ihr erster Spielfilm seit „Waren einmal Revoluzzer“ von 2019 nach einer Reihe von Arbeiten fürs Fernsehen, zuletzt unter anderem die ORF-Erfolgsserie „School of Champions“: Sie entwickelt die postnatale Depression ihrer Hauptfigur Julia, eine 40-jährige Dirigentin, deren langgehegter Wunsch, doch noch ein Baby zu bekommen, sich in einer exklusiven Privatklinik mit imposantem Blick auf einer Anhöhe außerhalb der Stadt zwar erfüllt, ihr Alltag mit ihrem neugeborenen Sohn sich aber im Anschluss ganz anders gestaltet als erwartet, zu einem schleichenden Schreckensszenario, das sich nie so ganz in die Karten schauen lässt: Bildet sich Julia all das nur ein, oder ist sie tatsächlich Spielball von Mächten, die sie nicht kontrollieren kann?

Es ist ein meisterhaftes Spiel mit Unschärfen und Doppeldeutigkeit, das Johanna Moder hier spielt: Die Paranoia ihrer Hauptfigur lässt sich jederzeit als Ausdruck ihrer Entfremdung von sich selbst lesen, ihre verzweifelte Unfähigkeit, eine mütterliche Beziehung zu ihrem Sohn aufzubauen, der folgerichtig namenlos bleibt und als „es“ bezeichnet wird, ein Fremdkörper in einer vertrauten Welt. Oder eben nicht symbolisch und metaphorisch, sondern als purer Horror, als nackter Schrecken, der sich systematisch und konsequent ins Leben der Protagonistin schleicht und sich ihrer annimmt, mehr und mehr zu verschlingen droht. „Mother’s Baby“ ist ein kühl komponiertes und konzeptioniertes Spiel: Wie bei Hitchcock, einem „Der falsche Mann“ oder „Der Mann, der zuviel wusste“, wird Julia Schritt um Schritt isoliert, wird sie all ihrer Sicherheitsbanden beraubt, um sich alsbald im freien Fall zu befinden und mit ihr das Publikum. Mehr noch drängen sich als Referenztitel allerdings zwei Filme von Roman Polanski auf, „Ekel“ und „Rosemarys Baby“, wenngleich dessen gnadenlose analytische Distanz hier einem spürbar persönlicheren Blick weicht, einer weiblichen Anteilnahme, die sagt: Ich weiß, wovon ich erzähle; diese Höllenfahrt kenne ich selbst.
Man müsse bereit sein, das Leben loszulassen, das man geplant habe, um das Leben leben zu können, das auf einen warte. Sagt Dr. Vilfort in einer späten Szene zu Julia. Er wird gespielt von dem großartigen Claes Bang, der einen daran erinnert, dass er vor seinem internationalen Durchbruch mit „The Square“, dem Galaauftritte in englischer Sprache in „Bad Sisters“, „Dracula“ oder auch „The Northman“ folgten, oft auch im deutschen Fernsehen zu sehen gewesen war: Er spricht fließendes Deutsch in „Mother’s Baby“, mit genau dem richtigen bisschen Akzent und einem zweideutig nahbaren Auftreten, dass man nie ganz sicher sein kann, ob dieser Mann, der Julia ihren Traum vom Baby in seiner Kinderwunschklinik erfüllt, wirklich das Beste für seine Patientin im Sinne hat. Gleich nach der traumatischen Geburt war das Baby aus dem Kreißsaal gebracht worden, Komplikationen wegen der um den Hals geschlungenen Nabelschnur, sagt man Julia, die ihr Kind erst einen Tag später erstmals sehen und in den Arm nehmen kann: Gleich ist da eine Distanz, ein Mangel an unmittelbarer Mutterliebe. Befremdet beäugt Julia ihr Baby, wenn sie allein ist mit ihm. Es fällt nicht auf, schreit nie, hat keine Bedürfnisse, schläft fast immer, wirkt weggetreten.
Indes hat nur Julia den Eindruck, dass etwas mit dem Jungen nicht stimmt, womöglich nicht ihr Kind sein könnte, vertauscht nach der Geburt. Ihr liebender und langmütiger Ehemann, gespielt von Hans Löw, kann ebenso keine Probleme erkennen wie die Hebamme Gerlinde, gespielt von Julia Franz Richter, die ihrerseits in der Hauptrolle des Panorama-Eröffnungsfilms „Welcome Home Baby“ von Andreas Prochaska eine Mutterschaft from hell erleben darf, wenngleich ungleich plakativer und derber. So irritiert ist Julia schließlich, dass sie in zwei besonders aufsehenerregenden Momenten zu drastischen Mitteln greift, um festzustellen, dass das Kind nicht womöglich tot sein könnte. Dass sie dann in einem kurzen Moment einmal tatsächlich nicht aufpasst, das Baby auf den Boden stürzt, setzt die Spirale des Wahnsinns erst so richtig in Gang, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung sozusagen, denn je mehr Julia der Außenwelt mitzuteilen versucht, dass offenkundig versucht werde, ihr ihr Kind wegzunehmen, desto mehr sind Ihre Angehörigen und die Behörden überzeugt, dass sie als Mutter eine ernstzunehmende Gefahr ist.
Dass „Mother’s Baby“, eine Produktion der österreichischen Freibeuter Film (hier unser SPOT-Interview) mit den Koproduzenten Tellfilm und Match Factory Productions, so intensiv ist, so überzeugend im Andrehen seiner Spannungsschraube, ist nicht zuletzt Marie Leuenberger zu verdanken: Die deutsch-schweizerische Schauspielerin, wohl am besten bekannt aus den Schweizer Produktionen „Die göttliche Ordnung“ und „Bis wir tot sind oder frei“, spielt ihre Julia punktgenau: eine überlegene, erfolgsverwöhnte Frau, die es gewohnt ist, über den Dingen zu stehen und in eine Situation gerät, in der ihr all die Dinge, die sie als gesetzt angenommen hatte, entgleiten. Und die doch keinen Rückzieher mehr machen kann. Und dann ist da der Axolotl, den sie beim ersten Besuch bei Dr. Vilfort in dessen Aquarium sieht: ein mexikanischer Schwanzlurch, dessen Besonderheit es ist, dass seine Extremitäten nachweisen, wenn er sie verloren hat. Julia weiß, dass das etwas zu bedeuten hat. „Mother’s Baby“ stellt all die richtigen Fragen. Man sollte sich nur nicht wundern, wenn der Film sie anders beantwortet, als man es erwarten würde.
Thomas Schultze