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REVIEW BERLINALE: „Delicious“


Raffiniert-sinnlicher Mysterythriller über eine wohlhabende deutsche Familie, die einen unerwarteten Gast in ihr abgeschirmtes Anwesen lässt.

CREDITS:
Land / Jahr: Deutschland 2025; Laufzeit: 100 Minuten; Regie, Drehbuch: Nele Mueller-Stöfen; Besetzung: Fahri Yardim, Valerie Pachner, Carla Díaz, Naila Schuberth, Caspar Hoffmann; Plattform: Netflix; Start: 7. März 2025

REVIEW:
Gleich das erste Bild kann man sich ausschneiden und im Rahmen an die Wand hängen. Da sitzt die wohlhabende deutsche Familie in der Limousine und lässt sich in Südfrankreich in sein entlegenes und von Mauern und Zäunen abgesichertes Anwesen bringen. Man steckt fest, Demo, Ausschreitungen, Steine fliegen. Ein Demonstrant rennt über das Dach des Wagens. „Habt keine Angst – ist Panzerglas“, beruhigt der Vater die Kinder. Nach 20 Sekunden ist alles gesagt, ist die komplette Situation etabliert. Wut da draußen, Wohlstand da drinnen. Wir sind viele, ihr nicht. Us and them. Darum wird es gehen, in a nutshell. Wenn man genau hinsieht, vermittelt sich bereits alles, was passieren wird. Das ist ungemein effektiv, ein Kino der kürzesten Wege, der präzisest möglichen Information: Dieser Film weiß, was er tut. Mehr noch. Es vermittelt sich sofort, dass die Regisseurin weiß, was sie tut. Auch wenn es sich strenggenommen um ein Regiedebüt handelt, hat die bislang vornehmlich als Schauspielerin bekannte Nele Mueller-Stöfen lange auf diesen Moment hingearbeitet, nicht zuletzt mit den beiden gemeinsam mit ihrem Ehemann Edward Berger geschriebenen Drehbüchern „Jack“ und „All My Loving“. 

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Carla Díaz und Naila Schuberth in „Delicious“ von Nele Mueller-Stöfen (Credit: Netflix)

Nun nimmt sie ein Szenario, das aus Pasolinis „Teorema“ aus dem Jahr 1968 entlehnt ist, in dem ein von Terrence Stamp gespielter „Gast“ in die Familie eines Großindustriellen kommt und durch seine Anwesenheit Begierden und Sehnsüchte auslöst, die zum Zerfall der Familie führen. Der „Gast“ ist in diesem Fall ein wohl aus offenkundigem Grund Teodora genanntes Mädchen mit migrantischem Hintergrund, das Familienvater John abends auf dem Weg zurück vom Abendessen aus Unachtsamkeit anfährt, um ihr die Tore zu seinem Anwesen zu öffnen und sie, white guilt, kurz darauf als Angestellte aufzunehmen. „So finster die Nacht“ und „Die Maske des roten Todes“ treffen alsbald auf „Die Regeln des Spiels“: Jeder hat hier seine Gründe, und Teodora hat obendrein ein Geheimnis. Unklar bleibt zunächst, warum sie die Familienmitglieder gegeneinander auszuspielen beginnt. Man erlebt nur ihr geschicktes Ränkespiel mit in diesem Haus, in dem es immer auch darauf ankommt, wer was sieht, wer wie zu wem steht und deshalb die Dinge richtig oder falsch einschätzen kann. 

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Fahri Yardim, Valerie Pachner, Naila Schuberth und Caspar Hoffmann in „Delicious“ von Nele Mueller-Stöfen (Credit: Netflix)

Es ist eine Geschichte von Verrat und Verführung, sinnlich und fleischlich – bisweilen im wahrsten Sinne des Wortes – erzählt von der Regisseurin und gezeigt von Kameramann Frank Griebe, dessen elegante Fahrten komplimentiert werden von der Arbeit zweier Oscargewinner, Szenenbildner Christian Goldbeck und Komponist Volker BertelmannOh what a tangled web we weave / When first we practice to deceive. John, gespielt von Fahri Yardim in seiner sicherlich ernstesten und deshalb am wenigsten zu erwartenden Rolle, wird als Mann herausgefordert. Seine Frau Esther, von der großartigen Valerie Pachner mit unterkühlter Erotik und weit aufgeknöpften Blusen als Eiskönigin auf der Erbse gespielt, soll aus der Reserve gelockt werden, raus aus der Trutzburg, Sohn Philipp, Caspar Hoffmann aus „Wir sind dann wohl die Angehörigen“, wird bei der Ehre gepackt, die Tochter Alba, Naila Schuberth aus „Liebes Kind“ (einfach fantastisch), wird wiederholt eingeweiht, in die zunehmend größer werdende Gruppe von Eindringlingen eingeladen. Einmal wird ein Pfirsich, saftig und reif, geöffnet, ein vermeintlich sexuelles Signal, dabei aber doch nur Sinnbild für das Mädchen („albicocca“ ist, wie wir in „Call Me By Your Name“ gelernt haben, italienisch für „Aprikose“, das Mädchen heißt Alba). 

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Carla Díaz, Valerie Pachner, Caspar Hoffmann, Fahri Yardim, Naila Schuberth in „Delicious“ von Nele Mueller-Stöfen (Credit: Netflix)

Fleisch, immer wieder geht es um Fleisch. Ein großes Stück wird in der Küche zubereitet, Teodora kratzt ihre Wunde am Oberarm auf, ihre Freunde haben ihrerseits entstellende Narben am Körper. Dazu dann die sengende Hitze, die gleißende Sonne, die von oben herabbrennt, den Blick vermeintlich freigibt: Wer Augen hat zu sehen, der soll genau hinsehen. Nele Mueller-Stöfen gelingt ein raffiniertes Vexierspiel, lockt immer wieder auf falsche Fährten, lenkt den Blick geschickt in die falsche Richtung und steigert eine fast körperliche Spannung: Was wird „Delicious“, diese für Netflix vor Ort in Südfrankreich entstandene Produktion der Komplizen Film schließlich offenbaren? Dass man sich längst in einem Horrorfilm befindet, einem engen Verwandten von „Parasite“, realisiert man als Zuschauer:in erst spät, eigentlich zeitgleich mit den handelnden Personen, den Erwachsenen, die alldieweil nur ein Spielball waren, ihr Schicksal vorgezeichnet, als würde man „Wicker Man“ als politisch-gesellschaftliche Zeitbombe noch einmal neu ticken lassen. Wut da draußen, Wohlstand da drinnen. Wir sind viele, ihr nicht.

Thomas Schultze