Bereits vielfach preisgekrönt, errang „No Other Land“ nun den wichtigsten Filmpreis der Welt: den Oscar als bester Dokumentarfilm. In Deutschland steht das Werk im Verleih von ImmerGuteFilme – dessen Geschäftsführer Mustafa El Mesaoudi anlässlich dieser Auszeichnung auf die mit dem Werk verbundenen Diskussionen blickt.

Als „No Other Land“ 2024 seine Weltpremiere in der Panorama-Sektion der Berlinale feierte, gewann er nicht nur den Preis für den besten Dokumentarfilm, sondern – noch bedeutsamer – den Publikumspreis des größten Publikumsfestivals der Welt. Ein starkes Zeichen. Im Dezember folgte der Europäische Filmpreis, und nun, mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm, hat der Film die höchste internationale Auszeichnung erhalten.
Und doch bleibt „No Other Land“ ein Film, den sich viele nicht „trauen“. In den USA hat sich bis heute kein Verleih gefunden, der ihn ins reguläre Kinoprogramm aufnimmt – der Druck aus Politik und Lobbygruppen scheint zu groß. Dabei waren Sonderscreenings in Los Angeles und New York restlos ausverkauft. Auch in Deutschland sah es zunächst so aus, als würde sich kein Verleih finden. Nach der euphorischen Premiere im voll besetzten Kino International während der Berlinale schien es fast sicher, dass ein deutscher Verleih schnell zuschlagen würde. Doch dann folgte die Kontroverse.
Während der Berlinale wurde „No Other Land“ plötzlich zum Kristallisationspunkt einer aufgeheizten Debatte. Der Vorwurf des Antisemitismus tauchte auf und wurde in zahlreichen Artikeln weitergetragen. Ein Film, der weltweit gefeiert wurde, geriet in Deutschland in einen politischen Sturm. Politiker forderten sogar, die Berlinale nicht mehr zu fördern. Claudia Roth sah sich nach Kritik an ihrem Applaus für das Gewinnerteam zu der bizarren Klarstellung gezwungen, sie habe nur dem israelischen Co-Regisseur Yuval Abraham applaudiert, nicht aber dem palästinensischen Co-Regisseur Basel Adra.

Dabei richtete sich die eigentliche Debatte zunächst nicht gegen den Film selbst, sondern gegen Laudatoren und Filmschaffende, die in ihren Reden das Leid der Palästinenser betonten, ohne das der Israelis zu erwähnen. Plötzlich wurde „No Other Land“ als Beweis für Antisemitismus herangezogen – ein Film, der lange vor dem 7. Oktober 2023 entstanden ist und dessen Thema nichts mit diesen Vorwürfen zu tun hat. Die Kontroverse strahlte auf die gesamte Kulturbranche aus. Förderstrukturen wurden infrage gestellt, Kulturschaffende unter Druck gesetzt. Selbst Kinobetreiber zögerten, den Film zu zeigen – aus Angst vor Protesten oder davor, auf der „falschen“ Seite zu stehen.
Doch wer „No Other Land“ sieht, sucht vergeblich nach antisemitischen Inhalten. Der Film dokumentiert das Leben unter israelischer Besatzung in der Westbank – Häuserzerstörungen, Perspektivlosigkeit, gewaltfreien Widerstand. Er eröffnet eine Debatte über eine Realität, die seit Jahrzehnten besteht. Meron Mendel, Direktor der Anne-Frank-Bildungsstätte, hat den Film unter dem Aspekt der Antisemitismusvorwürfe geprüft und kommt zu einem klaren Urteil: „No Other Land“ enthält keine antisemitische Botschaft, sondern leistet einen wichtigen Beitrag zur Debatte.
Am 14. November 2024 startete „No Other Land“ zunächst nur mit 22 Kopien bundesweit. 22 Kinos, die sich sofort nach Bekanntgabe des Starttermins entschieden, den Film ins Programm zu nehmen. In einer Zeit, in der Talkshows oft mehr auf Lautstärke als auf Inhalte setzen, haben sie Haltung bewiesen. Denn Debatte bedeutet Diskussion, das Aushalten von Widerspruch – und genau das ist die Grundlage von Meinungsfreiheit.
Seit dem Start haben knapp 50.000 Menschen „No Other Land“ in Deutschland im Kino gesehen. Die Zuschauer verließen die Vorstellungen, oft nach intensiven Q&As, betroffen, nachdenklich – und mit einem geschärften Blick auf einen der kompliziertesten Konflikte unserer Zeit.
Gerade in Zeiten, in denen Diskurse zunehmend polarisiert werden und Meinungen in Lager zerfallen, sind Filme essenziell, um Perspektiven zu erweitern, Meinungsfreiheit zu verteidigen und den demokratischen Dialog zu fördern. Kino schafft Räume, in denen komplexe Themen abseits von Schlagzeilen und Algorithmen reflektiert und diskutiert werden können – und genau das macht es unersetzlich.
Genau dafür gibt es Kino. Genau dafür machen wir Kino.
Mustafa El Mesaoudi
Kommende Starts von ImmerGuteFilme
13.03.25
„Die Schattenjäger“
Regie: Jonathan Millet / Weltpremiere Cannes 2024
17.04.
„Alle lieben Touda“
Regie: Nabil Ayouch / Weltpremiere Cannes 2024
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„Yunan“
Regier: Ameer Fakher Eldin / Wettbewerbsbeitrag 75. Berlinale
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„Das Verschwinden“
Regie: Karim Mousssaoui / Filmfest Hamburg 2024