Im Oktober 2022 ging ARD Kultur an den Start. Programm-Geschäftsführer Kristian Costa-Zahn sprach mit uns über die stetige Entwicklung des digitalen ARD-Angebots, die bislang größten Erfolge und aktuelle Produktionen, darunter zwei Programmschwerpunkte zu Film und Serie sowie Kunst.

ARD Kultur gibt es inzwischen seit 3 Jahren. Wie fällt die Zwischenbilanz des Programm-GFs in 3 Sätzen aus?
Kristian Costa-Zahn: Wir freuen uns und sind auch ein bisschen stolz, dass sich ARD Kultur etabliert hat – einmal innerhalb der ARD und in Zusammenarbeit mit den Landesrundfunkanstalten, aber auch nach außen hin als Programmfarbe. Mit der Kuratierung der Kulturinhalte der Mediathek und den Social Media Kanälen von „titel, thesen, temperamente“ sind neue Aufgaben hinzugekommen. Wir haben inzwischen mehr als 80 Projekte veröffentlicht, und mit jedem Projekt, egal ob es ein Riesenhit war oder die Erwartungen weniger erfüllt hat, gibt es eine starke Lernkurve, so dass wir jetzt auf einer ganz anderen Datengrundlage sind, um Inhalte zu machen. Auch im Netzwerk-Bereich konnten wir Impulse setzen: Unser jährliches Netzwerktreffen zur Leipziger Buchmesse hat sich zu einem beliebten Branchentreff für Produzierende, Kreative und Medienprofis aus ganz Deutschland entwickelt.
„Alle Plattformen zusammengezählt haben wir Abrufe im mittleren achtstelligen Bereich.“
Wie steht es um Ihre Sichtbarkeit, sind Sie da schon so weit wie Sie sein wollen? Gibt es Erhebungen darüber, wie viele Menschen Ihr Angebot kennen?
Kristian Costa-Zahn: Ähnlich wie Funk am Anfang fahren wir den Kurs, unsere Marke ARD Kultur nicht so stark in den Vordergrund zu stellen. Die Formate stehen im Mittelpunkt, aber wir merken auch, dass die Leute unterschwellig mitkriegen, wenn eine Produktion von ARD Kultur ist. Absenderkennung ist in der heutigen Welt natürlich wichtig. Alle Plattformen zusammengezählt haben wir Abrufe im mittleren achtstelligen Bereich, wobei es auch hier sicherlich Überschneidungen bei den Nutzenden gibt. Wir erheben weniger Daten über Personen als andere Streamingdienste. Wir haben Daten zu Projekten, auch die sind Gold wert. Aber wer genau geschaut hat – Alter, Geschlecht – sehen wir nur indirekt über Social Media und Co. Dabei stellen wir fest, dass die Resonanz auf die Projekte fast immer aus den Communities of Interest kommt, die wir auch adressieren wollten. Wir sind schon auf einer spannenden Flughöhe.
Was waren bislang die größten Programmerfolge, welche Learnings ergaben sich daraus?
Kristian Costa-Zahn: Wir haben zwei Produktkategorien, Bewegtbild und Audio, und noch ein erfolgreiches Social-Media-Projekt. Im Bewegtbild hatten wir mit unseren Dokus über die Band Echt und über den Musiksender Viva einen Doppelerfolg. Wir waren mit beiden Projekten 2023 in den Top Ten der meistgeschauten Dokus in der Mediathek. Das war ein Game Changer und hat zu einer Veränderung des Briefings geführt. Beide Projekte verbindet, dass es klare, horizontal erzählte Geschichten sind, die noch nicht erzählt wurden und die eine gewisse Größe und Strahlkraft aufweisen. Das haben wir ins Briefing übernommen. Seit Herbst 24 sieht man das Portfolio, das aus diesem Briefing hervorgegangen ist, und das sind mitunter auch unsere erfolgreichsten ARD-Koproduktionen: der Dokumentarfilm „Jamel – Lauter Widerstand“, „Die VICE-Story“, „Max & Joy“, kürzlich „Der talentierte Mr. F.“ und „Evil E“. Das sind alles unterschiedliche, aber sehr klare Geschichten. Erfolgsmessung funktioniert aber auf verschiedenen Ebenen und dafür ist „Jamel“ ein gutes Beispiel, weil die Doku auch einen großen Public Value hat.

Was heißt das genau?
Kristian Costa-Zahn: Sie hat einen klaren gesellschaftlichen Mehrwert. Der Film dokumentiert die rechtsextreme Strategie der völkischen Siedlungen und erzählt am Beispiel des Dorfes Jamel in Mecklenburg-Vorpommern, wie sich ein Künstlerpaar mit dem Festival „Jamel rockt den Förster“ für Demokratie und gegen Rechtsextremismus engagiert. Regelmäßig werden wir angefragt, ob man die Doku öffentlich zeigen kann. Sie läuft fast jeden Monat an ein oder zwei Orten in Verbindung mit einer Diskussionsrunde. „Jamel“ ist eine starke Geschichte aus der Kultur, die aber auch von der rechtsextremen Landnahme-Strategie erzählt. Dass das nun in ganz Deutschland wahrgenommen und diskutiert wird, zeigt was für einen Impact man mit einer Kulturgeschichte erzeugen kann.
Gibt es noch andere Erfolgsfaktoren, zum Beispiel Auszeichnungen?
Kristian Costa-Zahn: Ja, gibt es. Mittlerweile haben wir auch auf Award-Ebene Erfolg, was immer eine zusätzliche inhaltliche Anerkennung ist. Für „Block Party – Peter Fox feiert mit Berlin“ (SWR, RBB, ARD Kultur, HR) hat Regisseur David Seberg gerade den Blauen Panther gewonnen. Wir waren mehrfach für den Grimme-Preis im Rennen. Und mit der „Viva Story“ waren wir für den Prix Europa nominiert. Die Jamel-Doku wurde kürzlich beim Festival „Goldenes Prag“ mit dem Sonderpreis der Havel-Stiftung für demokratiefördernde Projekte ausgezeichnet. Und es gibt noch einige Preise mehr, etwa den Music Journalism Award für das Doku-Format „Machiavelli Sessions & Stories“ (WDR Cosmo/ARD Kultur).
Wie läuft es im Audio-Bereich?
Kristian Costa-Zahn: Auch hier haben wir einige Hits vorzuweisen: „Die Taylor Swift Story“, unser Podcast „Fuck you very, very much!“, von dem es schon drei Staffeln gibt, sowie „Melody of Crime“ führen unser Ranking an. In diese Spitzenrunde gehört auch der Doku-Podcast „Kino.to – Die verbotene Streamingrevolution“, den wir gemeinsam mit dem MDR gemacht haben. Auch im Audio-Bereich geht die Entwicklung immer weiter. Und dann haben wir noch ein Social-Media-Projekt, obwohl das eigentlich nicht zentraler Teil unserer Strategie ist. Das hat sich vor ein paar Jahren als Zusammenarbeit mit dem WDR ergeben. In „ohnetitel3000“ geht es um Kunst, aber für ganz andere Zielgruppen. Da reden wir von Millionen von Abrufen allein auf TikTok.

Wie für eigentlich alle Anbieter spielt True Crime auch für ARD Kultur eine Rolle. Kommt man daran nicht vorbei?
Kristian Costa-Zahn: Das ist ein Genre von ganz vielen. Unter ca. 80 Projekten, die wir bislang gemacht haben, sind vier True-Crime-Projekte. In der Kultur sind wir bei den Genres freier als andere Bereiche. Doku, Fiction oder Show – solange wir das Gefühl haben, dass wir darüber Kultur vermitteln können, setzen wir das um. Wir haben zehn Fiction-Projekte gemacht und hybride Formate wie die „Rocko Schamoni Supershow“, eine Mischung aus Fiction und Talk. Unser Kernprodukt sind zwar Dokus und Podcasts, aber wir sind flexibel, und zur Strategie von ARD Kultur gehört auch, dass uns Innovation sehr wichtig ist.
Sind Sie durch diesen Willen zur Innovation auch Partner für eine größere Bandbreite an Kreativen und auch eine Chance für den kreativen Nachwuchs?
Kristian Costa-Zahn: Bandbreite ist das richtige Wort, weil wir sowohl mit großen, etablierten Kreativen arbeiten, aber auch mit jüngeren Produktionsfirmen, die noch keinen allzu langen Track Record vorweisen können. Wir kommen immer über die Idee, aber natürlich achten wir bei jedem Projekt genau darauf, ob wir es unseren Partnerinnen und Partnern auf der anderen Seite zutrauen, die gute Idee auch auf die Straße zu bringen.
„Wir versorgen explizit die Zielgruppe der 20- bis 49-Jährigen mit Inhalten.“
Inwieweit brauchen Sie die angesprochenen Erfolge als Legitimation für ARD Kultur, in einer Zeit, da der öffentlich-rechtliche Rundfunk so sehr unter Beobachtung steht?
Kristian Costa-Zahn: Wir sind bewusst als Teil eines Kurses, den die ARD gesamtheitlich geht, ins Leben gerufen worden. Wir sind ein Digitalisierungsbooster, indem wir durch unsere rein digitale Aufstellung die Mediathek und die Audiothek der ARD stärken. Wir richten uns gezielt an jüngere Zielgruppen, versorgen explizit die Zielgruppe der 20- bis 49-Jährigen mit Inhalten. In dem Zuge geht es auch um Kulturbereiche, die vorher keine so große Sichtbarkeit in der ARD hatten, weil sie für etwas ältere Zielgruppen weniger relevant waren. Wir haben beispielsweise dieses Jahr eine große Hip-Hop-Kampagne gemacht. Und wir bringen Kulturbereiche auf die Landkarte, die bisher nicht bzw. wenig vertreten waren wie Fashion, Tattooing oder Comics. Ich sage immer, wir sorgen für Portfolio-Gerechtigkeit. Das ist im Sinne aller, wenn wir die Kultur breiter und gerechter aufstellen, zumal der Stellenwert von Kultur außer Frage steht.
Wie sieht es mit der finanziellen Ausstattung von ARD Kultur aus, ist die durch den bisherigen Erfolg größer geworden?
Kristian Costa-Zahn: Auch in Zeiten wirtschaftlich schwieriger werdenden Rahmenbedingungen für die ARD bleibt unsere Ausstattung bisher konstant. Darüber freuen wir uns. Gemeinsam mit den Landesrundfunkanstalten bündeln wir innerhalb der ARD unsere Kräfte und können so weiterhin eine Vielzahl an Projekten auf die Straße bringen. Ein Anstieg des ARD-Kultur-Budgets bei zunehmenden Aufgaben ist allerdings nicht vorgesehen.
Mit Blick auf das aktuelle Programm stellen wir mit Freude fest, dass Sie sich gerade intensiv mit Film und Serie beschäftigen. Wie kam es dazu?
Kristian Costa-Zahn: Manchmal gibt es Phasen, in denen ein Kulturbereich stärker auftritt. Letztes Jahr hatten wir gleichzeitig mehrere Opern-Projekte. Dieses Jahr waren wir sehr stark auf Hip Hop fokussiert und jetzt können wir endlich ein Angebot für Film und Serie zusammenschnüren. Wir haben uns gefragt, wie kann man das Thema anders erzählen, jenseits von Rezensionen der neuesten Erscheinungen. Wir haben jetzt vier Projekte innerhalb eines halben Jahres, die neue Aspekte aufbringen und zu ARD Kultur passen. Mit „Der talentierte Mr. F.“ ging es Ende September los.

Eine Irrsinns-Geschichte über einen Filmdiebstahl. Wie sind Sie darauf gestoßen?
Kristian Costa-Zahn: Das war ein Angebot der Produktionsfirma Flimmer. Der MDR war hier unser Partner in der ARD, gemeinsam mit BR und RBB haben wir das Projekt umgesetzt. Wir sind hier ein gewisses Risiko eingegangen, weil wir zu einem Zeitpunkt beauftragt haben, als nicht klar war, wie die Reise der beiden Filmemacher in die USA und die Konfrontation mit dem Filmdieb abläuft. Wir hatten im Development mehrere verschiedene Szenarien, wie der Film im Falle welcher Reaktion dramaturgisch weiter bearbeitet wird. Der Filmdieb hat dann anders reagiert als gedacht, auch viel obskurer, so dass man improvisieren musste, was den Film aber auch noch spannender gemacht hat. Unsere These, hier nicht auf prominente Köpfe, aber auf eine unglaubliche Geschichte zu setzen, ging voll auf. Die Doku ist schon jetzt mit „Der Star-Anwalt“ „Fynn Kliemann“ und „Jamel“ in der Top Vier unserer Kultur-Einzelstücke.
Was macht die Doku „Meister der Apokalypse – Roland Emmerich“ für ARD Kultur interessant?
Kristian Costa-Zahn: Hier hat der SWR die Federführung, wir sind als Juniorpartner beteiligt. Ich sehe es eher am Rand als im Kern unseres Angebots, weil wir den klaren Zielgruppenfokus 20 bis 49-Jährige haben, Emmerich aber auch 50 plus anspricht und linear gut funktionieren wird. „Der talentierte Mr. F.“ oder auch „Battle of the Nerds“ sind da viel mehr auf die Zwölf für unsere DNA. Weil es sich bei dem Film aber mehr um eine Annäherung an den Menschen Roland Emmerich und nicht um eine klassische Doku über das Lebenswerk eines Künstlers handelt, sind wir hier als Partner dabei.
Der Podcast „Battle of the Nerds“ ist eine besondere Form von Filmquiz.
Kristian Costa-Zahn: „Battle of the Nerds“ ist unsere erste Audio-Show, die Kultur mit einem spielerischen Format erfahrbar macht. Eva Schulz und Ralph Caspers sind die Hosts. Jede Folge handelt von einem Film- oder Serienthema, in der Staffel geht es um „Star Wars“, „Game of Thrones“, „James Bond“ und „Die Simpsons“. Zwei Nerds treten gegeneinander an, das Finale bestreiten aber Eva Schulz und Ralph Caspers, und es geht darum, wer letztlich von seinem Nerd am meisten gelernt hat. Ich bin sehr gespannt, wie das ankommt.
Sie sprachen von vier Projekten. Was ist das vierte?
Kristian Costa-Zahn: Das ist ein Projekt, das wir mit dem Norddeutschen Rundfunk machen. Ich kann noch nicht darüber reden und wir wissen noch nicht, ob es im Februar oder März kommt, aber wir sind schon in Produktion.

Welche weiteren Pläne haben Sie?
Kristian Costa-Zahn: Wir haben einen weiteren Schwerpunkt zum Thema Kunst vor uns. Zunächst kommt die True Crime Doku-Serie „Millionen Fake – Jagd auf die Kunstfälscher“ mit dem WDR als Federführer. Die startet am 19. November. Dann kommt am 2. Dezember ein Film über Leon Löwentraut, den viele als das Genie der Kunstbranche sehen. In der klassischen Kunstwelt gibt es aber auch die Ansicht, er sei nur ein Selbstdarsteller. In dieser Gemengelage nähern wir uns dem Menschen Leon Löwentraut an. Und wir haben den Relaunch von „ohnetitel3000“ vor uns. Die ersten drei Staffeln waren Animationsvideos, die immer Comedy mit Kunst und Kunstvermittlung verbunden haben. Mit dem Relaunch machen wir nun was ganz anderes. Unser Ziel ist es, unseren Kurs weiterzugehen und Kulturinhalte immer wieder anders und innovativ zu erzählen.
Das Interview führte Frank Heine