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Start der Oscarsaison: Eine Schlacht nach der anderen


Die drei entscheidenden großen Herbstfestivals sind rum, New York und Los Angeles folgen noch. Soll heißen: Die Oscarsaison ist eröffnet und hiermit in vollem Gange. Wir werfen einen ersten Blick auf die Filme, die aktuell zu den Favoriten gerechnet werden können. 

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Favoriten der Oscarsaison 2025: „One Battle After Another“, „Hamnet“, „Wicked: Teil 2“ (Credits: Warner Bros., Focus Features, UPI)

Halten wir die entscheidenden Termine gleich einmal zu Beginn fest: Am 25. März 2026 werden die Academy Awards zum 98. Mal vergeben; am 22. Januar 2026 werden die Nominierungen bekanntgegeben. Das heißt: Etwas mehr als 100 Tage bis zu den Nominierungen, etwas mehr als 150 Tage bis zur Verleihung, die heiße Phase dann. Das ist nicht ganz ein halbes Jahr, in dem sich die Branche wieder intensiv mit diesem Thema beschäftigen wird, insbesondere in den USA, wo die Wasserstandsmeldungen der Saison ein eigener Geschäftszweig sind und von denen, die ihn betreiben und davon leben, als Kunst angesehen wird, auch wenn die Oscars als solche in den Augen der Öffentlichkeit zusehends an Relevanz verlieren. 

Den Startschuss für die Awards-Season, die neben den diversen Kritikerpreisen zum Jahresende die Golden Globes (11. Januar), die BAFTA Awards (22. Februar) und die Césars (28. Februar) beinhaltet, geben traditionell die ersten drei großen Herbstfestivals: Venedig, Telluride, Toronto. Sie sind stets ein guter erster Gradmesser: Erfahrungsgemäß finden sich in der ersten Jahreshälfte und im Kinosommer eher selten Kandidaten für spätere Awards-Weihen – oder zumindest nicht so viele, dass man bereits ernsthaft über die Zusammensetzung des Rennens reden könnte. Was nicht heißt, dass es nicht bereits viele tun, aber zielführend sind erste Gedanken dazu erst, wenn die Studios und Boutique-Indies ihre Schwergewichte erstmals präsentiert haben.

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Paul Thomas Andersons „One Battle After Another“ mit Leonardo DiCaprio (Credit: Warner Bros. Entertainment)

Seit 2010 haben nur vier Filme den Oscar für den besten Film gewinnen können, die Starts bzw. ihre Premieren vor den Herbstfestival gehabt hatten, allerdings hat deren Frequenz deutlich zugenommen und zu einer leichten Veränderung der Machtverhältnisse der großen Festivals geführt, zugunsten von Cannes und ungunsten von Venedig: Der erste der vier war 2019 „Parasite“ von Bong Joon-ho, als erster südkoreanischer Oscargewinner Ausdruck einer Zeitenwende, die von Corona noch einmal forciert wurde – und der erste beste Film seit „Marty“ im Jahr 1955, der zuvor in Cannes die Goldene Palme hatte gewinnen können. 2021 und 2022 waren auf dem Höhepunkt der Pandemie „Coda“ (Premiere in Sundance im Januar) und „Everything Everywhere All At Once“ (Premiere beim SXSW Festival im März) überraschende und unkonventionelle Gewinner, die beide schon ein bisschen in Vergessenheit geraten sind. 

Anora“ war in diesem Jahr nur fünf Jahre nach „Parasite“ dann schon der zweite Cannes-Sieger binnen kurzer Zeit, der sich als bester Film feiern lassen konnte. Dazu kommt als höchst ungewöhnlicher Ausreißer noch „Oppenheimer“ von Christopher Nolan, der auf keinem Festival zu sehen war, sondern im Juli 2023 regulär als Sommerblockbuster im Kino gestartet wurde. Mit 960 Mio. Dollar Umsatz weltweit war das auch der mit Abstand erfolgreichste Film seit „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“ im Jahr 2014, der siegreich war. Mit Ausnahme von „The Artist“, der 2011 im Wettbewerb von Cannes Premiere gefeiert hatte, damals aber nicht siegreich war an der Croisette, sind alle weiteren Bester-Film-Gewinner seit 2010 Titel, die in Venedig, Telluride und/oder Toronto erstmals zu sehen gewesen waren. 

Sinners  scaled e x
„Blood & Sinners“ von Ryan Coogler mit Michael B. Jordan (Credit: Warner Bros. Discovery)

Da die ersten acht Monate in den US-Kinos in diesem Jahr für Cineasten eher nicht dazu angetan waren, Saltos vor Begeisterung schlagen zu lassen, mit „Blood & Sinners“ von Ryan Coogler tatsächlich nur ein Titel da ist, der als todsicherer Oscarkandidat zu werten ist, und sonst bestenfalls „F1“ und „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ noch leise Aussichten auf Nominierungen haben, richtet sich der Blick umso mehr auf Venedig und Co. – und was sonst noch kommen könnte. Nach den Festivals kristallisiert sich als Frontrunner „Hamnet“ von Chloë Zhao heraus, der in Telluride tolle Kritiken bekam und in Toronto den Publikumspreis gewinnen konnte. Etwa die Hälfte der Filme, die diesen Preis erhalten, können sich später zumindest über Nominierungen für den besten Film freuen. Der letzte Gewinner direkt aus Toronto war der umstrittene „Green Book“ im Jahr 2018 (davor „The Hurt Locker“, „The King’s Speech“, „12 Years a Slave“ und „Moonlight“). „Birdman“, „Spotlight“, „Shape of Water“ und „Nomadland“ starteten dagegen in Vendedig, „Argo“ als Ausreißer in Telluride. Was ein umständlicher Weg ist zu sagen: Diese Festivals sind immer noch tonangebend. 

Umso überraschender ist, dass über „Hamnet“ hinaus keiner der amerikanischen Filme, die auf den drei Festivals gezeigt wurden, sich unbedingt aufdrängen würde für Oscarehren. Venedig-Gewinner „Father Mother Sister Brother“ von Jim Jarmusch erscheint als zu eigenwillig und speziell, um die Mitglieder der Academy in großem Stil bewegen zu können – der Film war ja schon am Lido höchst umstritten. Am ehesten scheint „The Smashing Machine“ von Benny Safdie angetan, entschieden nach vorne drängen zu können, wobei sich der Film am meisten für Dwayne Johnson als bester Hauptdarsteller Chancen ausrechnen kann. Netflix hatte drei Filme in Venedig, die vielleicht in Frage kommen würden: „Frankenstein“ von Guillermo Del Toro (der in Toronto beim Audience Award den zweiten Platz belegen konnte, was aber auch lokalpatriotische Gründe haben könnte: der üppige Schocker wurde in Toronto gedreht), „Jay Kelly“ von Noah Baumbach und Kathryn Bigelows „A House of Dynamite“ – wovon letzterer wohl der ist, auf den der Streamer am meisten setzen sollte. Mona Fastvolds „The Testament of Ann Lee“ hätte dringend einen Preis nötig gehabt, um ein Momentum entwickeln zu können, wird aber wohl ein Außenseiter bleiben. Und gut möglich, dass aus Telluride und/oder Toronto noch „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ von Scott Cooper mit Jeremy Allen White als Bruce Springsteen, „Rental Family“ von „Beef“-Regisseurin Hikari mit Brendan Fraser und vielleicht auch „Der Hochstapler – Roofman“ von Derek Cianfrance, wobei der als Crowdpleaser womöglich nicht heavy genug sein könnte, in Frage kommen.

No Other Choice ⓒ  CJ ENM Co. Ltd. MOHO FILM ALL RIGHTS RESERVED  Kopie scaled e x
„No Other Choice“ von Park Chan-wook (Credit: CJ ENM Co., Plaion Pictures)

Wenn man denn nach todsicheren Oscarkandidaten aus den großen Festivals sucht, dann darf man nicht nach den amerikanischen Titeln fahnden. „The Voice of Hind Rajab“ von Kaouther Ben Hania (Großer Preis der Jury in Venedig, aber dort als haushoher Favorit gehandelt) scheint wie geschaffen für die Academy Awards: emotional, kämpferisch, brandaktuell. Gerade die jüngeren und internationalen Mitglieder dürften sich für den Film aussprechen. Dazu kommt noch „No Other Choice“ von Park Chan-wook, der in Venedig ebenfalls gefeiert wurde und sich als „Parasite“ von 2025 in Stellung bringen könnte. Wenn wir schon von den internationalen Titeln sprechen, die für die Oscars relevant sind, sollte man unbedingt noch einmal nach Cannes blicken: Nun mag der Goldene-Palme-Gewinner „Ein einfacher Unfall“ von Jafar Panahi mit seinem sehr iranischen Erzählblick eher ein Fall für den internationalen Oscar sein, Joachim Triers Großer-Preis-der-Jury-Gewinner „Sentimental Value“ wiederum, neben der bereits schon einmal für einen Oscar nominierten Renate Reinsve auch mit der Amerikanerin Elle Fanning besetzt, scheint wie geschaffen für das Oscarrennen um den besten Film. 

Was uns nach vorne blicken lässt, zu den Filmen, die erst auf den Festivals in New York / Los Angeles zu sehen sein werden – oder gleich direkt ins Kino kommen. Stand jetzt ist der neben „Hamnet“ aktuelle Topfavorit für oberste Ehren bei den Academy Awards eben ein Titel, auf den letzteres zutrifft (und bereits nächste Woche auch in Deutschland startet): Lange hatte „One Battle After Another“ zu den großen Fragezeichen in diesem Kinojahr gezählt; ein erster Clip auf der CinemaCon hatte nicht zur nötigen Beschwichtigung etwaiger Zweifel an dem bislang aufwändigsten Film von Paul Thomas Anderson gesorgt. Umso überraschter ist man jetzt, WIE GROSSARTIG der Film geworden ist, der von namhaften Kritikern zum besten Studiofilm des Jahrhunderts erklärt und von Größen wie Steven Spielberg ausdrücklich gelobt wurde. Und mit einem Mal der Film zu sein scheint, den es zu schlagen gilt auf der road to Oscar. Viel wird davon abhängen, wie der angeblich sündhaft teure Film beim Publikum abschneidet. Drücken wir die Daumen. Aber erst einmal eine Schlacht nach der anderen (kicher). 

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Sean Bean und Daniel Day-Lewis in Ronan Day-Lewis’ „Anemone“ (Credit: Focus Features)

In New York warten noch die Weltpremieren von „Is This Thing On?“ von Bradley Cooper und „Anemone“ von Ronan Day-Lewis, dessen Vater Daniel Day-Lewis darin erstmals seit „Der seidene Faden“ wieder vor der Kamera stand. Auf dem AFI Fest in Los Angeles wiederum feiert noch „Song Sung Blue“ von Craig Brewer mit Hugh Jackman und Kate Hudson Premiere. Und dann sind da natürlich noch die beiden größten Spielfilm-Schwergewichte des verbleibenden Jahres, die im November bzw. Dezember an den Start gehen: „Wicked: Teil 2“ und „Avatar: Fire and Ash“. Wer am 25. März den Oscar gewinnen will, muss erst einmal an diesen beiden vorbei. Wir halten Sie auf dem Laufenden!

Hier also unsere aktuellen Oscar-Faves…

01

One Battle After Another

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Paul Thomas Andersons „One Battle After Another“ mit Leonardo DiCaprio (Credit: Warner Bros. Entertainment)

Paul Thomas Anderson verfilmt Thomas Pynchon. Zum zweiten Mal. Ungefähr. Aber was für eine Wucht von Film sich dahinter verbirgt, eine dreistündige Actionkomödie mit Leonardo DiCaprio und den beiden weiteren Oscargewinnern Benicio Del Toro und Sean Penn, die den Finger in die Wunde der Zeit legt.

02

Hamnet

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Jessie Buckley in „Hamnet“ von Chloë Zhao (Credit: Focus Features)

Gefeiert in Telluride, ausgezeichnet in Toronto: Chloë Zhaos Romanverfilmung mit Jessie Buckley und Paul Mescalüber die Trauer von William Shakespeare über den Tod seines Sohnes, erzählt aus der Sicht seiner Frau, trifft den Zeitgeist und ist großes zeitloses Melo zugleich.

03

Wicked: Teil 2

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„Wicked, Teil 2“ mit Jon M. Chu (Credit: Universal Pictures International)

Wenn der zweite und abschließende Teil der „Wicked“-Saga auch nur annähernd den Standard des ersten Teils erreicht (475 Mio. Dollar Boxoffice in den USA), ist „Teil 2“ absolut gesetzt für die Oscars und sich auch 

04

Blood & Sinners

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„Blood & Sinners“ von Ryan Coogler mit Michael B. Jordan (Credit: Warner Bros. Discovery)

War der große, strahlende Lichtblick im ersten Halbjahr 2025: Ryan Cooglers wahnwitzig fiebriger Vampirfilm ist der originellste Originalfilm eines Studios seit „Oppenheimer“ (und bis „One Battle After Another“), eine alternative Erzählung der Schwarzen Geschichte Amerikas im Rhythmus des Blues.

05

The Voice of Hind Rajab

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„The Voice of Hind Rajab“ von Kaouther ben Hania (Credit: Mostra Venedig)

24 Minuten stehende Ovationen in Venedig: Kaouther Ben Hanias Agitprop, von manchen als „Schlacht um Algier“ unserer Zeit beschrieben, trifft einen Nerv mit seiner Geschichte des hilflosen Kampfes einer Gruppe von Helfern des Roten Halbmonds um das Leben eines fünfjährigen Mädchens in Gaza. 

06

A House of Dynamite

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„A House of Dynamite“ von Kathryn Bigelow mit Kyle Allen (Credit: Eros Hoagland. © 2025 Netflix, Inc.)

Das ist der eine Film, auf den Netflix in diesem Jahr bei den Oscars setzen sollte (vielleicht auch noch „Frankenstein“). Das steht fest nach Venedig, wo der brillant intensiv inszenierte Endzeitthriller von Kathryn Bigelow über einen Nuklearraketenangriff auf eine Metropole der USA den Lido elektrisierte.

07

The Smashing Machine

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„The Smashing Machine“ von Benny Safdie mit Dwayne Johnson (Credit: LEONINE Studios)

Hollywood liebt diese Geschichten. Und damit ist noch gar nicht einmal die Geschichte gemeint, die Benny Safdie in seinem tollen und gegen den Strich gebürsteten Sportfilm über UFC-Legende Mark Kerr erzählt, sondern die hinter den Kulissen erzählt wird, mit Dwayne Johnson, der sich vom Action-Haudrauf zum ernstzunehmenden Mimen wandelt. 

08

Sentimental Value

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„Sentimental Value“ von Joachim Trier mit Stellan Skarsgård und Renate Reinsve (Credit: Christian Belgaux, Plaion Pictures)

Der neue Film von Joachim Trier nahm Cannes im Sturm und zielt nach dem Gewinn der Großen Preises der Jury in Richtung Oscars, wo auch schon Triers Vorgänger, „Der schlechteste Mensch der Welt“, wohlgelitten war. Die neue Arbeit des Norwegers ist ein Sympathieträger pur und für die Academy Awards gewiss auch wegen der Darsteller (Stellan Skarsgård, Renate Reinsve, Elle Fanning) interessant. 

09

Rental Family

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Brendan Fraser in „Rental Family“ (Credit: James Lisle/Searchlight Pictures)

Ein kleiner Crowdpleaser könnte auch noch Platz haben in der Oscarliste: Searchlight sind immer gut, was die Academy Awards anbetrifft. Der Boutique-Indie hätte noch „Is This Thing On?“ von Bradley Cooper im Angebot, aber dieser kleine herzerwärmende Film von „Beef“-Regisseurin Hikari mit einem tollen Brendan Fraser sieht stark aus.

10

Avatar: Fire and Ash

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Zoe Saldaña in „Avatar: Fire and Ash“ (Credit: 20th Century Studios)

Last aber ganz definitiv nicht least: James Camerons dritter Teil seiner Sensationssaga (die ersten beiden Filme spielten weltweit fünf Milliarden Dollar ein) steht zum Jahresabschluss vor der Tür und könnte das komplette Spiel noch einmal auf den Kopf stellen. Cameron sollte man niemals unterschätzen.

Thomas Schultze