Thüringen ist nicht nur Kindermedienland – nein, hier haben auch zahlreiche weiblich geführte Produktionsfirmen ihren Sitz. CALA Film, Syrreal Cats, Elemag Pictures und Rebelle Film haben alle eines gemeinsam: die Suche nach neuen, spannenden Stimmen im Kino.
Auf den ersten Blick scheint Thüringen vorrangig Kindermedienland zu sein: In Erfurt sitzen der KIKA, das Kindermedienzentrum, und auch der Goldene Spatz findet hier sowie in Gera statt… Doch natürlich ist die Filmbranche des Bundeslandes noch deutlich vielfältiger. So haben dort unter anderem zahlreiche weibliche Produktionsfirmen ihren Sitz – einige haben sich bereits seit Jahren in der Branche etabliert, andere wiederum wurden gerade erst gegründet. Wir werfen einen Blick auf einige von ihnen.
CALA Film: Auf der Suche nach Neuem
„CALA Film Central entwickelt, produziert und koproduziert Spielfilme, Dokumentarfilme und Serien aus der Mitte Deutschlands“, sagt Claudia Schröter. Die Produzentin, geschäftsführende Gesellschafterin und gebürtige Erzgebirgerin lebt und arbeitet seit über zehn Jahren in Erfurt. Gemeinsam mit Martina Haubrich gründete sie Ende 2020 die CALA Film Central und war Teilnehmerin im ersten MEDIAstart Jahrgang der MDM. In den folgenden Jahren produzierte CALA Erfurt die Kinospielfilme „Klandestin“ von Angelina Maccarone und Ulrike Tony Vahls „Krux (AT)“, sowie „Sorry (AT)“ von Frederike Migom, eine belgisch-deutsch-niederländische Koproduktion, die in diesem Herbst für das Coming Soon beim SCHLiNGEL und für den Cinekid Junior Co-Production Market ausgewählt wurde. Neben einem Fokus auf Filmen von Regisseurinnen, die politische Haltung und Verantwortung nicht scheuen, steht CALA Film Central für Film- und Serienvorhaben mit einer starken künstlerischen Vision. Neue Projekte befinden sich gerade in der Entwicklung, darunter ein Serienprojekt, das auf einem Konzept von Claudia Schröter basiert und in Erfurt spielt. Neben der Serie wurden soeben zwei weitere Spielfilmprojekte von der MDM im Rahmen einer Paketförderung unterstützt. Dabei bleiben Claudia Schröters Blick und ihre Arbeit nicht in Thüringen verhaftet, denn besonders in der Verbindung zu anderen Regionen Europas und der Welt, bekommen Filme und Serien und auch das gemeinsame Produzieren den richtigen Geschmack.

Syrreal Cats: Jenseits von Klischees
Ganz frisch dabei und Tochter einer bereits bestehenden Firma ist Syrreal Cats. Diese wurde 2024 in Erfurt als Erweiterung von Syrreal Entertainment gegründet und soll laut eigenen Aussagen für „außergewöhnliche nationale und internationale Filmproduktionen mit hoher Publikumsattraktivität“ stehen. Vor allem ginge es aber darum „mutige und positive Geschichten erzählen – mit Haltung, Tiefe und Relevanz jenseits von gängigen Klischees.“ Geleitet wird die Firma von Katrin Weikart, die zu DDR-Zeiten selbst in Erfurt aufwuchs und zum Jahreswechsel auch in die Geschäftsführung der Syrreal Cats wechselt.
Aktuell ist die Firma insbesondere auf große Serienproduktionen fokussiert: Dazu gehört etwa die Near-Future-Serie „Droneland“, die sich um die Überwachung menschlichen Lebens durch Künstliche Intelligenz dreht und eine Zusammenarbeit von ZDF, Magenta TV und RTLs Videoland darstellt. Inszeniert wird die Serie von den Regisseuren Max Zähle und Félix Koch, zur hochkarätigen Besetzung gehören unter anderem Oliver Masucci und Sibel Kekilli. Düster wird es auch mit der zweiten Staffel der Mysteryserie „Oderbruch“, die – wie „Droneland“ – 2026 erscheinen soll. Regie führten hier Adolfo J. Kolmerer und Karoline Schuch, die selbst gebürtige Thüringerin ist. „Dabei konnte die Region wieder zeigen, was in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt alles möglich ist, um fiktionale Projekte erfolgreich zu produzieren“ heißt es hierzu.
Elemag Pictures: Dokus und Arthouse-Perlen
Bereits 2014 wurde Elemag Pictures, die ihren Sitz in Gera hat, gegründet; dort ist sie die einzige Kinoproduktionsfirma im Umkreis von etwa 50 Kilometer. Geschäftsführerin ist Tanja Georgieva-Waldhauer, die 2020 „European Producer on the Move“ war und Mitglied von EAVE, EWA Network, PROG-Producers of Germany, AG DOK, Documentary Association of Europe (DAE) sowie der Deutschen und Europäischen Filmakademie ist. Wie auch bereits bei den anderen genannten Produktionsfirmen, versucht man hier besondere Geschichten umzusetzen und fokussiert sich insbesondere auf internationale Arthousefilme sowie Dokumentationen.
Jüngst gehörte dazu etwa der Dokumentarfilm „Silent Flood“ von Dmytro Sukholytkyy-Sobchuk, der im Wettbewerb des International Documentary Film Festival Amsterdam lief und sich mit einer pazifistischen Community in der Ukraine auseinandersetzt. Im Berlinale Forum lief 2024 außerdem Roman Bondarchuks Mediensatire „The Editorial Office“, während es Violet Du Feng mit ihrer Doku „Hidden Letters“ 2023 auf die Shortlist bei den Oscars schaffte. International feiern die Koproduktionen von Elemag also große Erfolge, was für die Firma von hoher Relevanz ist. Bereits in der frühen Entwicklungsphase fiktionaler wie auch non-fiktionaler Projekte, setzt man sich laut Georgieva-Waldhauer mit dem internationalen Publikum, verschiedenen Märkten und Festivalstrategien auseinander. „Diese starke internationale Ausrichtung ist eine unserer signifikantesten Prägungen. Meine gesamte berufliche Laufbahn bisher war darauf ausgerichtet – auch dass ich den EAVE Producers Workshop gemacht habe und Producer on the Move in Cannes war, spielen da eine große Rolle“, so die Produzentin.
Und für die Zukunft? Da freut sich Tanja Georgieva-Waldhauer auf neue Formate und Genres und möchte das Portfolio von Elemag Pictures erweitern. Trotz der weiterhin vorherrschenden internationalen Ausrichtung möchte sie den Blick außerdem noch stärker auf die Region Thüringen richten.
Rebelle Films: La vie est (re-)belle
Die sicher neueste Firma unter den vorgestellten ist Rebelle Films, die erst in diesem Jahr in Weimar gegründet wurde. Dahinter stehen Chiara Fleischhacker, Svenja Vanhoefer und Charlene Kilthau, die sich beim Dreh zum preisgekrönten Drama „Vena“ kennenlernten und mit ihrer Firma Geschichten aus FLINTA*-Perspektiven in den Fokus stellen möchten. „Diese Entscheidung beruht auf der Tatsache, dass Frauen und Menschen mit anderer Geschlechtsidentität vor und hinter der Kamera weiterhin unterrepräsentiert sind. Das wollen wir aktiv ändern“ heißt es von den drei Filmemacherinnen. Hierbei betonen sie allerdings auch, dass Männer keineswegs ausgeschlossen werden sollen; wichtig sei ihnen schlicht, dass die Teams, in denen sie arbeiten divers seien und insbesondere „Gendergerechtigkeit und repräsentative Vielfalt im Vordergrund stehen.“ Weiterhin steht eine „sozial nachhaltige Filmproduktion, die künstlerische Qualität mit gesellschaftlicher Verantwortung verbindet“ im Mittelpunkt. Diese soll dabei helfen, Diskussionen anzuregen – bei Publikum wie Branche gleichermaßen.
Inspiration für den Namen fanden die Filmemacherinnen durch einen Schriftzug an einer Autobahnbrücke in Marseille: „La vie est (re)belle.“ „Der Name Rebelle ist dabei im Kontext unserer aktuellen Zeit zu sehen, in der wir durch progressive Werte für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt in Krisenzeiten stehen. Mit dem Ziel, dass es Re-Belle – wieder schön wird.“
Die ersten Projekte sind bereits in Arbeit: So befindet sich der Dokumentarfilm „Vivre“, bei dem Chiara Fleischhacker Regie geführt hat, aktuell in der Postproduktion. Mithilfe des KZ-Überlebenden Raymond Renaud wird hier von der Kraft des Erinnerns, Mut und der Schönheit des Lebens erzählt.
In Koproduktion mit Wüste Film entsteht außerdem im nächsten Jahr „Sind so kleine Hände“ von Anne Zohra Berrached, der bereits Förderungen von der FFA und der MDM erhielt. Dieser dreht sich es um die Ostberliner Lyrikerin und Liedermacherin Bettina Wegner. Parallel werden zusätzlich die Serie „Feminine Borderlines“ (Regie: Kea Wagner) und Chiara Fleischhackers nächster Langfilm „Admiralin“ entwickelt.
Den Standort Thüringen stärken
All diese Firmen spiegeln eine überaus erfreuliche Entwicklung für den Filmstandort Mitteldeutschland wider: So hatte es laut Georgieva-Waldhauer vor einigen Jahren nur wenige unabhängige, geschweige denn weibliche Produzent:innen in der Region gegeben: „Ich freue mich immer wieder sehr darüber, dass so viele junge Frauen heutzutage ganz selbstverständlich den Weg zum Film finden und sich in Führungspositionen trauen und diese auch mit Bravour ausfüllen, das ist eine wirklich tolle Entwicklung! Auch gab es in den ersten Jahren der Elemag eigentlich keine nennenswerte Anzahl unabhängiger Filmproduzenten in Thüringen, wir hätten damals keine ganze Hand zur Aufzählung gebraucht.“ Das habe sich inzwischen jedoch geändert.
Auch die anderen Produzentinnen zeigen sich positiv gestimmt: So sehen die Syrreal Cats dort eine unglaubliche kreative Energie – auch, wenn es weitere stabile Strukturen brauche, damit der Standort weiter wachsen kann. Auch die Zusammenarbeit mit dem MDR oder Institutionen wie der MDM, TSK oder der Thüringer Aufbaubank helfen den verschiedenen Firmen bei ihren Projekten. Die drei Produzentinnen von Rebelle Films bezeichneten die Branche in Thüringen außerdem als „familiärer, mit viel Raum für echte Begegnungen und regionale Vernetzung.“ Weiterhin führten sie aus: „Ein besonders schönes Signal für den Standort ist auch die Verlagerung der Televisionale nach Weimar – direkt vor unsere Bürotür. Das zeigt, dass Thüringen als Filmstandort weiter an Sichtbarkeit und Relevanz gewinnt.“